Brutale Daten zum Marsch des Westens in den Schuldenkrieg

Stellt man sich dem Thema des sich abzeichnenden weltweiten Währungskriegs, so kommt eine unangenehme Realität zum Vorschein: die Geldpolitik ist dem Westen als einzige Waffe geblieben, um die drohende Insolvenz zu verhindern. Bedauerlicherweise könnte diese Medizin eher den Patienten vernichten als die Krankheit.

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Seit Beginn der globalen Finanzkrise beobachten wir Symptome der wirtschaftlichen Misere des Westens in überschuldeten und überbelasteten Regierungen. Wenn Sie jedoch bisher schon die Krise der Eurozone schlimm fanden und die Fiskalklippe der USA für einen Alptraum hielten, dann lassen Sie sich gesagt sein: Das war erst der Anfang. Die Haushaltprobleme der westlichen Länder sind so tiefgreifend, dass sie sich nicht durch ein paar Last-Minute-Absprachen in den frühen Morgenstunden lösen lassen.

Vor einigen Wochen veröffentlichte Morgan Stanley Research eine kurze Studie mit dem auf den ersten Blick sachlich-nüchternen Titel ‘Investment Lessons from Financial Repression’. Sein Inhalt war alles andere als harmlos. Morgan Stanley kam zu folgender Einschätzung: „... unter Berücksichtigung aller Aktiv- und Passivposten sind die Staaten hoch verschuldet, wenn nicht sogar insolvent“.

Diese Schlussfolgerung zogen die Analysten der Bank, nachdem sie Regierungen wie Unternehmen behandelt und deren gegenwärtige und zukünftige Aktiva und Passiva in einer einzigen Gesamtbilanz zusammengefasst hatten. Im Gegensatz zu der herkömmlichen Vorgehensweise, die bestehenden Schulden eines Staates in Prozent der Wirtschaftsleistung anzugeben, gewinnt man durch die Einbeziehung zukünftiger Steuereinnahmen und Staatsausgaben ein realistischeres langfristiges Bild von der ökonomischen Existenzfähigkeit eines Landes.

Die Ergebnisse sind schockierend. Dieser Berechnung zufolge hatten Spanien, Großbritannien, Irland und Griechenland sämtlich Staatsschulden in Höhe von über 1000 Prozent ihres derzeitigen BIP. Die USA lagen mit rund 800 Prozent nicht weit dahinter. Deutschland und Frankreich schnitten in dieser Kalkulation etwas besser ab, allerdings kann ihre Schuldenhöhe mit 500 Prozent des BIP kaum als beruhigend bezeichnet werden.

Das von Morgan Stanley ermittelte Haushaltsloch ist zwar groß, weicht jedoch nicht von anderen Projektionen ab. Im vergangenen Jahr legte die OECD noch eine andere Betrachtungsweise der Staatsschuldenkatastrophe der Industrieländer vor.

Die in Paris ansässige Organisation berechnete die Änderungen, die in den Primärsalden der Staatshaushalte erforderlich wären, um die Schulden bis zum Jahr 2050 auf nur 50 Prozent des BIP zu senken. Dabei schlossen sie die Belastungen durch Ausgaben für Renten, Gesundheitsversorgung und Langzeitpflege sogar aus. Auch ohne diese Posten ergab sich, dass eine massive Kursänderung notwendig wäre, um die Staatsfinanzen zukunftsfähig zu gestalten. Japan müsste seine Staatsfinanzen jährlich um 9,6 Prozent des BIP konsolidieren, die USA um 6,9 Prozent und Großbritannien um 5,8 Prozent. Ohne Übertreibung ist festzustellen, dass derart große und dauerhafte Änderungen der Staatsausgaben in einer Demokratie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erreicht werden können, ohne einen Bürgerkrieg zu riskieren.

Laurence Kotlikoff, Wirtschaftswissenschaftler an der Boston University, hat umfangreiche Untersuchungen der US-Haushaltslücke durchgeführt und warnt seit Jahren, dass die offiziellen Verschuldungszahlen nicht die ganze Wahrheit sagen. Vor kurzem berechnete er, dass die realen US-Staatsschulden einschließlich aller zukünftiger Einnahmen und Ausgaben aktuell bei 222 Billionen USD stehen – nicht bei den offiziellen 16 Billionen USD, von denen in der Debatte um die Fiskalklippe die Rede war. Das würde einer Schuldenquote von etwas über 1400 Prozent des BIP entsprechen – oder eine sehr einfache Schlussfolgerung zulassen: Die USA kämpfen nicht gegen den Bankrott, sie sind bereits bankrott.

Die einzige Methode, mit der zahlungsunfähige Staaten wie die USA weiter ihrem gewohnten Leben nachgehen können, ist die Notenpresse. Auch wenn sie vielleicht nicht unmittelbar darauf zurückgreifen, so machen die Zentralbanken dies doch möglich. Indem sie die Staatsschulden durch eine unorthodoxe Geldpolitik - d.h. „quantitative Lockerung“ - aufsaugen, gestatten sie den Regierungen die Fortsetzung ihrer Ausgabenpolitik so, als sei nichts geschehen.

Bei diesen Strategien ergeben sich jedoch zwei grundlegende Probleme. Das erste liegt auf der Hand. Historisch gesehen, war das Gelddrucken in einer solchen Größenordnung stets der sicherste Weg zur Abwertung einer Währung. Das wird vielleicht nicht sofort eintreten und es wird vielleicht eine Zeitlang nicht einmal sichtbar werden - jedoch muss eine gewaltig aufgeblähte Geldbasis logischerweise früher oder später zur Wertvernichtung der Währung führen.

Das zweite Problem betrifft die Weltwirtschaft. Indem die meisten Notenbanken der Industrieländer (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen) alles tun, um ihre Regierungen vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren, zetteln sie einen weltweiten Währungskrieg an – ganz gleich, ob sie damit wettbewerbsfähige Abwertungen ihrer Währungen erreichen wollen oder nicht. Auch wenn die Zentralbank nicht unbedingt das primäre Ziel verfolgt, den äußeren Wert ihrer Währung niedrig zu halten, so ist eine Schwächung des Wechselkurses dennoch unvermeidlich, wenn sie ihre Regierung in dem Maße stützt wie die US-Notenbank, die seit dem Beginn der globalen Finanzkrise ihre Geldbasis verdreifacht hat.

Solange die strukturellen Haushaltsprobleme westlicher Regierungen nicht angepackt und bewältigt werden, gibt es leider kein Entkommen von diesem Marsch in das ökonomische Armageddon.

Um das fiskalische Herz allzu ausgabenfreudiger Regierungen weiter schlagen zu lassen, kommt die Geldpolitik zu Hilfe – einfach weil es keinen anderen Ausweg gibt. Mittelfristig wird dies sowohl eine Abwertung der Währungen als auch vermehrte Spannungen zwischen Handelspartnern auslösen. Währungskriege und handelspolitische Vergeltungsmaßnahmen werden die Folge sein. Beides könnte die Globalisierung in der Form, die uns in den letzten beiden Jahrzehnten selbstverständlich geworden ist, in die Knie zwingen.

Derzeit stellt sich die Geldpolitik als Teil der Lösung der Staatsschuldenkrise des Westens dar. Bei einer weiteren Fortsetzung der aktuellen Politik dürfte deutlich werden, dass sie Teil des Problems ist.

Zentralbanken und Regierungen machen sich daran mitschuldig, die Illusion eines allumsorgenden, allmächtigen und für alles zuständigen Staates aufrecht zu erhalten. Je länger sie diesen als realisierbar darstellen, desto umfassender wird die Zerstörung der westlichen Volkswirtschaften und Gesellschaften am Ende ausfallen.

Was der Westen dringend benötigt, ist eine Exitstrategie von diesem Weg in den Ruin. Er muss seine Regierungsapparate verkleinern und seine sozialen Leistungen auf ein Maß verringern, das bei zunehmender Alterung seiner Bevölkerung aus Steuermitteln finanziert werden kann. Er muss sich das süße Gift frischen Zentralbankgeldes abgewöhnen. Schließlich muss er Möglichkeiten finden, gegenüber den dynamischeren Volkswirtschaften der Welt in Asien und Lateinamerika wettbewerbsfähig zu bleiben.

Gelingt dem Westen diese Exitstrategie nicht, wird seine Position als dominierendes Wirtschaftszentrum und sogar sein Modell der Weltwirtschaft innerhalb weniger Jahrzehnte Geschichte sein.

 

Beitrag zuerst erschienen auf achgut.com.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Hans von Atzigen

@Freigeist:Sehr treffend Vormuliert.Jeder Schuld steht ein Guthaben gegenueber,Richtig! Nur eben die Schuld ist noch da auf dem Papier,das Guthaben,der Reale Gegenwert hat sich in Luft aufgeloest,ist schlicht und einfach nicht mehr vorhanden.Der klassische Adel ist nur noch Volklore der Klerus weitestgehend nur noch sehr bedingt,mit Macht ausgestatet,gut und richtig so.Tja und das Volk hat gutglaeubig uebersehen das sich innzwischen ein neuer Klerus und ein neuer ,,Moderner,,Adel breitgemacht hat.Frei und kritisch denkend Geister haben natuerlich laengst erkannt mit welch illusteren Bezeichnungen sich der Neu-Klerus und Neu-Adel schmuekt.Freundliche Gruesse.

Gravatar: Hans von Atzigen

Irre Zahlen die da praesentiert werden.Doch auch das ist wohl lediglich auch nur ein Teil der Irren Realitaet.Aktuell stehen zumeist nur die Staatshaushalte im Vokus.Die Verschuldung der Privatwirtschaft und der Privathaushalte ist noch kaum eingerechnet.Aktuell beginnen die Absatzmaerkte einzubrechen und damit geht es auch fuer die Privatwirtschaft und Privathaushalte ans Eingemachte.Die innzwischen,irre aufgeblasenen Staatshaushalte haben den Privatsektor lediglich vor dem unmittelbaren Absturz bewahrt.Doch das Rezept ueber Staatsschulden die Privatwirtschaft zu retten ist ausgereizt.Das ganz grosse Ding kommt noch.Der Zusammenbruch der Privatwirtschaft des Privaten Konsums,ausgeloest ueber den Einbruch des Absatzmarktes.Absehbar das da noch weit irrere Zahlen auf dem Tisch landen.Da werden Heerscharen noch staunen wenn auch scheinbar sichere Privatwerte sich in Luft aufloesen.Ein reales Bild ergibt sich erst wenn ALLE Schulden auf den Tisch gelegt werden.Die Staatlichen UND die Privaten.Schulden sind und bleiben Schulden egal ob ueber die Staatskasse oder direkt in der Privatwirtschaft zu erwirtschaftende.Eine nachhaltige Rekapitalisierung ist faktisch nicht mehr moeglich.Nanu geschnallt wird auch das wohl erst wenn beides gemeinsam abstuerzt.Staat UND Privatsektor = Absturz des Gesamt-Brutosystems. Ausweg:Den Planeten um den Faktor 10-20 Vergroessern damit die Brutoschuldenlast erwirtschftbar wird.Oder einen Planeten mit einem entsprechenden Absatzmarkt suchen.Wuensche viel Ervolg!!!

Gravatar: FDominicus

"...sein Modell der Weltwirtschaft innerhalb weniger Jahrzehnte Geschichte sein."

Das wäre wünschenswert. Nur was machen andere Länder den bitte anders? Alle sind Sie auf demselben Trip. Billiges Geld, Kredit bis über den Kopf und nach ihnen die Sintflut.

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