Böhmermanns Proskriptionslisten

In Deutschland werden wieder Listen geführt. Sie erinnern sich an den Aufruhr, als dergleichen bei der Bundeswehr herauskam? Ach, Franco A. ist irgendwie wieder vergessen? Schwamm drüber.

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(Anmerkung der Redaktion: im folgenden Beitrag fehlen aus technischen Gründen die im Originaltext eingebundenen Bilder. Diesen kann man unter dem Link http://www.marcogallina.de/2018/05/03/boehmermanns-proskriptionslisten/ in vollem Umfang betrachten.)

Denn öffentliche Listen sind nur unredlich, wenn die Falschen darauf stehen. Wenn sie dagegen von einem viertklassigen TV-Moderator verbreitet werden, der dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen angehört, dann ist das völlig in Ordnung. Denn es ist ja „Satire“. In etwa so viel Satire wie das Erdogan-Gedicht, das in der Tat ein Schwall aus Beleidigungen war und mit „Satire“ markiert wurde, um es dann als großes intellektuelles Zeitzeugnis zu verkaufen. Und ebenso viel Satire wie „be Deutsch“, in dem alles „satirisch“ gemeint war, obwohl es ziemlich genau dem Weltbild des linksliberalen Milieus entsprach. Folgen? Keine.

Der Begriff der Satire wird dann von der Linken verwendet, wenn es um die Hintertüre geht, um jede Beleidigung und jede Propaganda zu decken. Warum dieselbe Hintertüre einem Akif Pirincci nicht offen steht? Sie wissen es wahrscheinlich selbst. Denn Definitionen unterliegen heute den Deutungshoheitlern, nicht mehr dem allgemeinen Konsens oder gar dem Wörterbuch.

Jan Böhmermann leidet mal wieder unter seiner kreativen Mickrigkeit im Ganzen und seiner Unzulänglichkeit in Sachen Humor im Besonderen. Weder Stefan Raab noch Harald Schmidt (um einmal das gesamte Spektrum abzudecken) hatten es nötig, der Gesellschaft ihre Denkmodelle aufzupfropfen. Wenn Raab die Quote in den Keller rasselte oder müde wirkte, erfand er neue absurde Fernsehkonzepte: einen Musikwettbewerb, eine Wok-WM oder den geistigen Nachfolger der öffentlich-rechtlichen Samstagabendunterhaltung „Schlag den Raab“. Harald Schmidt wiederum baute sein Studio mal für die Nachstellung von Dramen, Mythologie und großer Literatur mit Playmobilfiguren um, führte neue Kollegen ein, ließ Sidekick Manuel Andrack „auf der Mosel saufen“ oder moderierte eine ganze Sendung mit Rücken zum Publikum.

Die heutige Generation von „Comedians“ hat dagegen ihren Beruf neu erfunden. Ihre Unterhaltung besteht nur noch aus letzterem: Haltung. Böhmermann ist der König der Haltungskünstler. Was unlustig ist, wird dennoch hochgehalten, da haltungstechnisch wertvoll. Wenn man allerdings der Unterhaltung ihre Vorsilbe raubt, bleibt im Grunde nur noch Agitation und Propaganda übrig. Es gibt einen ganz einfachen Gradmesser dafür: der Vater jeder modernen Unterhaltung ist Frank Sinatra. Der Entertainer hat im Grunde nur eine Botschaft: ich will dich, mein Publikum, stundenlang mit guter Laune vollpumpen.

Bei Böhmermann hat man oftmals den Eindruck, dass es ihm nie ums Publikum, sondern vor allem um sich selbst geht. Deshalb sind Pointen unwichtig, solange er selbst über diese lachen kann. Es treibt ihn das eigene, ungeheuerliche Sendungsbewusstsein. Womöglich ist dies auch unvermeidlich, wenn man nur deswegen mediale Relevanz hat, weil ein Spartensender der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten einen trägt. Böhmermann ist nicht auf Quoten oder Zuschauer angewiesen, denn wir zahlen allesamt für seinen Auftritt. Und das, obwohl die Mehrheit der Deutschen vermutlich sein Neo Magazin Royal nicht einmal kennt. Durchschnittlich 300.000 Zuschauer hat Böhmermann. Selbst manche Krimi-Wiederholung auf ZDFneo holt das Doppelte rein. Bei normalen Wettbewerbsbedingungen wäre das Neo Magazin Royal längst Geschichte. Mit einem Marktanteil von durchschnittlich 1 bis 2 Prozentpunkten müsste die Sendung gesellschaftlich irrelevant sein – wäre da nicht die Haltungspresse, eine über Gebühr laute Fangemeinde und „Böhmis“ Freunde in den Medien, die in ihm etwas sehen und zu erkennen glauben, was sich wie so oft für den normalen Bundesbürger verschließt.

Wie mal beschrieben: Deutschland ist an einem Punkt angelangt, an dem nicht etwa verschiedene Meinungen aufeinanderprallen, sondern verschiedene Wahrnehmungen, verschiedene Realitäten. Für jeden nachvollziehbare Entwicklungen wie der Verfall unserer Stadtbezirke hin zu rechtlosen Slums oder die Zunahme linksextremer und islamischer Gewalt wird von der Gegenseite geleugnet bzw. verharmlost, stattdessen Probleme wie Geschlechterungerechtigkeit, Klimawandel oder gar die Zerstörung des besten Deutschlands aller Zeiten durch Truppen des noch kommenden Vierten Reiches halluziniert. Man befindet sich in einem edlen Kampf für alle erdenklichen Minderheiten Deutschlands gegen übermächtige Kräfte vonseiten der üblen 13 % in diesem Lande, obwohl letztere die eigentliche Minderheit in der Bunten Republik sind.

Das Epizentrum der Parallelrealitäten ist Berlin und ihr Held heißt Böhmermann. Letzterer propagierte sein Projekt, angeblich rechtsextreme Trolle im Internet zu bekämpfen und das Internet „zurückzuerobern“, passenderweise auf der re:publica; einem Sinnbild für all jene Teil- und Parallelrealitäten, wie sie von der neuen linksliberalen Elite gefeiert wird. Statt um Digitalisierung geht es dort vor allem um Ideologie und Rangkämpfe. Die Linke sieht das Internet als ihren natürlichen Grund an, obwohl dieser nie ein linker Tummelplatz war, bevor Facebook und Twitter mit ihrer Massenkompatibilität all jene Einhörner, Schneeflocken und Mahlzeitenteiler in den Raum einlud, der im Grunde eine Schlangengrube war. Noch Anfang der 2000er Jahre war das Internet eher ein Rückzugsort der Alternativen und Unangepassten; als dann die Schwemme der 08/15-User begann, dachten diese plötzlich, sie seien selbst ebenfalls alternativ und unangepasst, nur, weil sie jetzt einen Browser bedienen und mit einer Gruppe anonymer Benutzer weltweit kommunizieren konnten.

Allein: es ist und bleibt ein Mythos. Das Internet war auch immer ein Sumpf, wo sich Echsen, Schlangen und Gewürm herumtrieben, Krokodile in den Untiefen auf Opfer hofften. Das Internet war immer das Dunkel, in dem sich die Trolle tummelten, es ist der Urgrund der modernen Trollkultur. Und es waren eben niemals linke oder rechte Trolle, sondern vor allem: Trolle. Die Lust an der Zerstörung, die Schadenfreude am Leid anderer, die Entblößung unliebsamer – aber auch manchmal willkürlich ausgewählter – Opfer zeichnet die Geschichte dieses Raumes. Dass Trump in den USA von Trollen unterstützt wurde, man sich so mit Eifer gegen Clinton und andere lächerliche Politapparatschiks warf, hatte für viele einen einfachen Grund: „just for the lulz“. Trolle sind vor allem deswegen rechts, weil auf der linken Seite mittlerweile alles verboten wird, was Spaß macht. Wer zur Harmonie und Respekt erziehen will, ist ein Spießer. Dadurch, dass die Linke die ursprüngliche Rolle des Systembewahrers übernommen hat, kann der Troll sich aller vermeintlich rechten Rollen bedienen, um eben diese spießige Linke zu provozieren und zu „triggern“, mit allem, was das Repertoire hergibt. Man liest und zitiert Julius Evola, weil es den anderen wehtut.

Kostproben der Realitätsferne jener Veranstaltung, die von den Medien in ihrer Bedeutung maßlos überschätzt wird?

Erklärung: Zunahme identitärer Accounts. Was könnte nur ab 2015 geschehen sein, dass es so viele neue, rechte Accounts gab?

Sie erinnern sich an Sascha Lobo? Die Frontfigur des Digitalen Zeitalters, die zielgerichtet bei allem daneben liegt, was sie sagt. Hauptsache, die Utopie stimmt.

Jep, richtig gelesen: einerseits ruft Böhmermann eine Proskriptionsliste ins Leben, andererseits habe er „aus Versehen“ eine Bürgerrechtsbewegung gegründet. Eben dasselbe Spiel wie beim Wort Satire. Böhmermann tut das eine, behauptet das andere und hält allesamt zum Narren. Dass seine Visage auf der Leinwand im ersten Moment an die Verfilmung von „1984“ denken lässt – vermutlich kein Zufall.**

Wie genau sieht das neueste Projekt des zwangsfinanzierten Staatskaspers aus? In seiner Sendung kündigt Böhmermann die Rückeroberung des Internets an, man wolle rechten Trollen den Spaß verderben. Als Strohmann wird „Reconquista Germanica“ ins Fadenkreuz genommen, um sich quasi selbst einen Blankoscheck gegen vermeintliche Nazis auszustellen. Die Liste, die Böhmermann jedoch dann veröffentlicht, ist mehr als das; sie wurde von Luca Hammer erstellt, der auf Twitter verschiedene Blasen und Gruppenzugehörigkeiten untersucht.

Was dabei herauskommt, ist weniger eine Liste der „Reconquista Germanica“-Mitglieder, als eine weitreichende Denunziationsliste von circa 1.500 Accounts, von denen die wenigsten in dieses Netzwerk involviert sind. Es handelt sich vielmehr um eine Liste all jener Accounts bei Twitter, welche eine andere Meinung als die der Regierung vertreten, und das rechts von der Mitte. Neben diesen Usern gelten als „rechte Trolle“ außerdem: Dushan Wegner, Roland Tichy, David Berger, Maximilian Krah, Erika Steinbach, die Junge Freiheit samt Chef Dieter Stein und Mitarbeitern Felix Krautkrämer sowie Lukas Steinwandter, der österreichische Ex-Nationalrat Marcus Franz und diverse AfD-Accounts samt Politikern wie Petr Bystron oder Beatrix von Storch. Nun ist nicht abzustreiten, dass es sich mehrheitlich um Vertreter des konservativen, nationalen oder rechtsliberalen Lagers handelt; diese aber unter dem Label der „rechten Trolle“ mundtot machen zu wollen, ist nicht nur Etikettenschwindel, sondern pure Agitation.

Fraglich ist zudem die Methode, mit der diese Benutzer registriert und gelistet wurden. Denn während die JF und die AfD unter die Lupe genommen wurden, finden wir keinen einzigen Vertreter aus dem Lager Schnellrodas. Weder finden wir den Namen des twitteraffinen deutschen Vordenkers der Neuen Rechten – Martin Lichtmesz – noch die offiziellen Accounts der Sezession oder des Verlags Antaios. Auch die Identitäre Bewegung ist nicht vollständig erfasst. Und während eine beachtliche Zahl von Usern aus meinem eigenen Umfeld aufgelistet wird, fehlen andere, die mehr oder minder dasselbe twittern aber dennoch nicht dabei sind. Es riecht daher eher nach einer Jagd gegen besonders aktive Benutzer mit Reichweite, welche die „falsche“ Position äußern, als um eine tatsächliche Aktion gegen Trolle. Dass dabei Tichy und die JF im Visier stehen, nicht aber die Achse des Guten oder gar die Sezession, spricht wohl eher für Dilettantentum bei der Analyse der angeblich so glasklaren Algorithmen.

Böhmermann zelebriert sich als Vorkämpfer gegen die fiesen Rechten im Internet, im Hintergrund hallt das „nie wieder“. Dabei ist fraglich, wie sehr man eine Heldenpose einnehmen kann, wenn man mit Unterstützung des Staatsfunks Proskriptionslisten gegen jene erstellt, die sich gegen das System stemmen. Denn nicht nur die Sendung von Rayk Anders,* auf der Böhmermann aufbaut, wurde vom staatlichen Jugendprogramm „Funk“ unterstützt, sondern natürlich staubt Böhmi auch unsere Gebührengelder ab – und auch die jener Leute, die er bekämpft. Anstatt dass ARD und ZDF ihren außer Rand und Band geratenen Hofnarren die Schellen an die Beine binden, wird das Geschehen wohlwollend kommentiert. Und auch bei den übrigen Medien bejubelt man das mutige Vorpreschen Böhmermanns. Während der Spiegel neuerlich auf Orban einschlägt, weil in Ungarn eine regierungsnahe Zeitschrift zweihundert Namen von Soros-Anhängern nennt, ist die Denunziation von 1.500 Internetusern wegen Gedankenverbrechens vonseiten eines staatsmedialen Vertreters das normalste Vorgehen der Welt.

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*Anders, alias Neubauer, hat übrigens eine sehr interessante Karriere hingelegt. Heute Opfer von Rechtsextremen und mutiger Aufdecker von Troll-Netzwerken, hat er früher bei der BILD noch Artikel gegen schnorrende Bettler geschrieben, die ihn auf dem Weihnachtsmakt nervten. Humanismus und so!
**Addendum 21:40:

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: karlheinz gampe

Mit kranken Leuten wie Böhmermann sollten normale Menschen sich nicht abgeben.. Kranke, linke antidemokratische Geister fordern für sich selbst Meinungsfreiheit sprechen diese diktatorisch jedoch Bürgern, welche anderer Meinung als sie sind ab. Diese kranken Antidemokraten sollte man einfach nicht ernst nehmen. Den Irren in einer Anstalt nimmt ja auch keiner ernst.

Gravatar: Karl Napp

Nicht mal ignorieren, den primitiven Sprech- und Schmierfinken.

Gravatar: Mark Anton

Liebensunwürdiger Herr Böhmermann,
"Es ist erbärmlich, sich auf den Ruhm anderer zu stützen."
Jevenal

Gravatar: D.Eppendorfer

Wie schnell es in Germanistan trotz aller "Nie wieder"- Schwüre doch geht, in totalitäre Mechanismen zurück zu fallen und es bis auf wenige wache Ausnahmedeutsche nicht zu merkeln.

Erneut blüht ein schäbiges Denunziantentum auf, das vom neuen Unrechtsstaat profitiert, weil es ihn devot hofiert. Propagandabüttel der übelsten Gülleschleuderart hetzen gegen jeden ohne den angeordneten Jochochsen-Stallgeruch. Nur ist der Sozialismus diesmal international statt national eingefärbt. Egal, denn der profane Zipfelmützen-Michel verpennt mal wieder alles oder bejubelt die neue deutsche Überlegenheit sogar.

Es regiert aktuell eine oberlehrerhafte Weltmeisterallüre auf allen Piefke-Gesellschaftsebenen und gebiert wie am Fließband massive Wadlbeißer-Kritik an den Wahlentscheidungen vieler anderer Völker.

Von Selbstkritik sind unsere Schildbürger aber mal wieder Lichtjahre entfernt. Lernen halt nix dazu, diese Kartoffel-Kraut-Stoffel! Und bessermenschelt sich mal wieder sturheil in die europäische Isolation.

Gravatar: Angela Schweins - System

@ D.Eppendorfer

Ja, wie gesagt, die Deutschen sind wieder Chauvinisten, wie eh und je.

Nur dieses Mal handelt es sich eben nicht um mcps, male chauvinist pigs, männliche Chauvinistenschweine, sondern um fcps, female chauvinist pigs, um weibliche Chauvinistenschweine, Säue, um genauer zu sein.

Wobei ich davon ausgehe, dass Letztere in gewisser Hinsich sogar die größeren Chauvinisten sind.

Der Staat bzw. die deutsche Exekutive stellt das Gewaltmonopol nämlich möglichst vorauseilend und ausschließlich in den Dienst der sogenannten 'Rettung' der Welt,'Frauen und Kinder zuerst.'

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