_Und dann ist wieder alles in Ordnung__
_Und dann ist wieder alles in Ordnung__
Datum: 29.01.2010, 12:01
„Und dann ist wieder alles in Ordnung?“
Das Mädchen mag kaum 16 gewesen sein. Sie trug eine dieser viel zu engen Jeans, die selbst spindeldürre Teenager irgendwie zu dick aussehen lassen um die Hüften und war so nervös, dass sie kaum klare Worte sprechen konnte. Notdienst in der Apotheke. Wir stehen zu dritt in einem kleinen Verkaufsraum. Sie ist dran, die anderen versuchen den Anschein zu erwecken, dass sie nicht zuhören, was in der Enge und Stille des Raumes auch mit großer Ignoranz unmöglich. Die Apothekerin bemüht sich trotzdem um Diskretion. „Und dann ist alles wieder in Ordnung?“, es ist der einzige Satz, den das Mädchen vollständig und pausenlos herausbringt, während die Apothekerin zum zweiten Mal die Gebrauchsanweisung der „Pille danach“ erklärt. „Und dann ist alles wieder in Ordnung?“ Etwas hilflos blickt die Apothekerin auf das junge Ding, denn in Ordnung ist auch nach Einnahme der Pille ganz offensichtlich ganz und gar nichts. Ich weiß nicht was mich mehr erschreckt. Die Banalität mit der hier in einer kleinen Apotheke über das Schicksal eines ungeborenen Kindes entschieden wird oder die Erkenntnis, dass für dieses Mädchen offenbar gar keine andere Lösung in Frage kommt. Wie groß ist doch ihre Angst, dass es doch nicht „in Ordnung“ kommt. Niemand spricht mit ihr über andere Wege. Auch ich sage kein Wort und verteidige den Anschein, dass es mich ja nichts angeht.
„Und wenn nicht, kann man es ja noch wegmachen lassen“
Ich sitze beim Frisör. Waschen, schneiden, etwas Farbe, ein paar Strähnchen. Wir plaudern über die Königshäuser, B-Promis und was die angebotenen Zeitschriften sonst noch an Banalitäten hergeben. Während sich die Dame meinen Haaren widmet, erkenne ich im Spiegel vor mir, dass sie offenbar mindestens im sechsten Monat schwanger ist. Ich bin im vierten Monat, man kann es noch nicht sehen und lenke das Thema auf ihren Bauch. Es folgt ein unbekümmerter Kurzbericht ihrer letzten Arztbesuche. Untersuchungen, Tests und dass sie Medikamente nimmt, die dem Kind eventuell schaden könnten – deswegen die Tests. Das Kind wird ständig überwacht und „wenn was ist, kann man es ja immer noch wegmachen lassen“. Im siebten Monat. Zwischen Haarbürsten, Radiogedudel, Smalltalk und der sechsten Scheidung von Zsa Zsa Gabor. Denke an das strampelnde, liebgewonnene, kleine Lebewesen in meinem eigenen Bauch und trau mich gar nicht mehr zu sagen, dass ich auch schwanger bin. Ich war nie mehr dort. Ab und zu sehe ich sie, wenn sie ihren Sohn ein paar Häuser weiter zu den Schwiegereltern zum Babysitten bringt. Glück gehabt, Test bestanden. Keiner hat ihn „weggemacht“.
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