Sommermärchen go home!
Sommermärchen go home!
Datum: 17.06.2011, 11:25
Lassen wir jetzt mal außen vor, dass mein Mann immer sagt: „Das ist doch ein ganz anderer Sport“ angesichts der Damenmannschaft auf allen Kanälen. Ich kenne keinen – niemanden - aus unserem doch exzessiv fußballbegeisterten Bekanntenkreis, der vor hat, sich die Frauen-WM anzusehen oder gar in Karten zu investieren. Und wir leben im Westen, im Herzen von Fußballdeutschland. Sieht man sich die Verkaufszahlen an, so ist doch deutlich erkennbar, dass offenbar noch immer viele Karten erhältlich sind für die Spiele der Frauen-WM. Und das auch in den Regionen, wo normalerweise an Bundesliga-Spieltagen alles stehen und liegen gelassen wird für jeden noch so schlechten Grotten-Kick auf dem nächst besten Bolzplatz.
Blicke ich aber in die Zeitung oder ins Fernsehen, könnte man glauben, wir sind alle schon ganz kribbelig und in spannungsgeladener Erwartung wie Kinder vor Weihnachten. TV-Umfragen, wo überall total Begeisterte zu sehen sind. Werbespots, wo die Stars der Männer-Nationalmannschaft die Nutella-Brote mal bei Seite legen und völlig in Ekstase ausrasten angesichts eines Tores ihrer weiblichen Kolleginnen. Ich hoffe, sie bekommen wenigstens ordentlich Geld dafür. Die FAZ und der Spiegel – das ehemalige Bollwerk des Qualitätsjournalismus - machen jetzt ein Fußballquiz zur Frauen-WM. Schon das ganze Jahr über nervte im Radio die ausführliche Berichterstattung zur Frauen-Bundesliga parallel zur Männer-Bundesliga. So als gäbe es jetzt plötzlich ein neues, wahnsinniges Interesse bei den Zuhörern.
Komisch nur, dass sich das nicht in den Zuschauerzahlen widerspiegelt. Zu einem Spiel der Frauen-Bundesliga fanden sich in der vergangenen Saison durchschnittlich gut 800 Zuschauer ein. Im Männer-Fußball sind es bei jedem der 9 Spiele pro Bundesligawochenende durchschnittlich 42.000. Dazu kommen die Tausenden, die es live im Fernsehen schauen. Selbst Drittligisten haben konstant mehrere tausend Zuschauer im Männer-Fußball.
Es wäre ja überhaupt nichts einzuwenden über eine ausladende Berichterstattung zu Sport-Events, wenn sich ein großes Publikum dafür interessiert. So wird normalerweise in den Medien berichtet. Nachfrage oder auch Einschaltquoten sind in der Regel die Gradmesser für das Ausmaß der Informationen, die vorher und nachher produziert werden. Nicht so bei der Frauen-WM. Hier sollen wir uns gefälligst alle ganz doll freuen und interessieren, denn schließlich ist jetzt Gleichberechtigung und da geht es ja nicht, dass die Frauen nicht genau so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie die Männer. Ich finde es ein Unding, dass Spiele wie das NBA-Endspiel mit „unserem“ Dirk Nowitzki im deutschen Fernsehen trotz riesiger Nachfrage nicht zu sehen waren, es sei denn man hatte Pay-TV, wir aber über jeden Migräneanfall im Frauenfußball ausführlich unterrichtet werden.
Wenn aber das Interesse am Sport sowieso kein Gradmesser mehr ist, finde ich, sollten alle Nischensportarten jetzt auch gleichberechtigt in die allabendliche Tagesschau. Sozusagen eine Quote für Sportminderheiten. Interessiert zwar niemanden, aber wir senden trotzdem. Mit brandheißen Bildern vom neuen Outfit der Synchronschwimmer, Baumstammwerfen von den Ritterspielen, Wok-WM und Eierlaufen.
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