Jetzt aber schnell auf den Arbeitsmarkt mit dir!

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Jetzt aber schnell auf den Arbeitsmarkt mit dir!
Datum: 02.06.2011, 09:57

Dementsprechend sind ihre Vorschläge aus ihrer Sicht natürlich auch nur konsequent, glaubt sie doch dabei gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können: 1. Fachkräftemangel beseitigen. 2. Mehr Frauen, die endlich arbeiten dürfen. 3. Eine bessere Entwicklung für die Kinder. Denn eines ist laut Frau Allmendinger inzwischen auch klar: Kinder sind in staatlichen Einrichtungen besser gefördert, als in den Händen ihrer Mütter. Zwar erscheint es mir nicht ganz schlüssig, warum die gleichen Frauen, die nicht in der Lage sein sollen, ein Kleinkind adäquat zu betreuen, gleichzeitig die Qualifikation innehaben, als Fachkräfte unsere Wirtschaft so richtig nach vorn zu bringen, aber warum sollen wir uns mit derartigen Petitessen aufhalten?

 

Eine Lösungsstrategie hat sie auch gleich parat: „Damit mehr Frauen arbeiten gehen, müssen wir aber auch die finanziellen Anreizsysteme verändern.“ Was sie damit meint, entnimmt der Leser am besten gleich der Überschrift des Interviews: Sie will das Kindergeld kürzen und weiter unten auch das Ehegattensplitting abschaffen. Ja sicher, wenn den Familien endlich das Geld gestrichen wird, sind mehr Frauen gezwungen arbeiten zu gehen, es bleibt ihnen dann nichts mehr anderes übrig. Tolle Lösung. Frau Allmendinger sagt, sie sehe nicht ein, wofür sie selbst zum Beispiel Kindergeld bekomme, das reicht dann auch schon mal als Argument für die finanzielle Umschichtung einer ganzen Nation. Nun Frau Allmendinger, ist ja schön für Sie, wenn Sie das nicht brauchen, ich kann Ihnen sagen, wofür wir es zum Beispiel brauchen, obwohl wir ein statistisch hohes Einkommen haben: Wir zahlen überall den Höchstsatz, wo es etwas zu bezahlen gilt für die Kinder und haben nirgendwo Ansprüche, wo es etwas zu kriegen gibt, weil wir, siehe oben – zuviel verdienen. Willkommen in der normalen Mittelschicht! Nicht einmal für die Bezahlung eines normalen Kindergartenplatz im Rheinland reichte das Kindergeld für das entsprechende Kind aus. Wir mussten noch mal einen Hunderter drauf legen. Denn dem Staat war es egal, ob wir eins, zwei oder vier Kinder mit unserem Einkommen versorgen müssen, er betrachtete uns rechtlich als gut verdienende Ein-Kind-Familie. Dafür zum Beispiel brauchen Familien mit Kindern Kindergeld.

 

Frau Allmendinger ist in der feministischen Riege unseres Landes kein unbeschriebenes Blatt, sie ist derzeit eine der meist zitierten Frauen, wenn es darum geht, festzulegen, was Frauen angeblich alles wollen und wie man ihnen am besten hilft. Kaum eine Diskussion in diesem Bereich, die nicht mit Statements von ihr auskommt, gilt sie doch als renommierte Forscherin in ihrem Bereich. Jüngst stolperte ich wieder über sie in dem Buch von Bascha Mika: „Die Feigheit der Frauen“. Ja dieses Buch, in dem den Müttern unseres Landes vorgeworfen wird, dass wir alle versammelt eine feige Bande sind, weil wir uns hinter dem Kinderkriegen verstecken, anstatt endlich Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Da finden sich dann in den ausführlichen Interviews mit Frau Allmendinger Sätze wie, dass Frauen ins Berufsleben wollen, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Tue ich das etwa nicht als Mutter von vier Kindern? Bin ich unsichtbar, außen vor – oder nicht etwa doch ziemlich mitten drin im Leben?

 

Gemeinsam mit der Zeitschrift BRIGITTE hat Jutta Allmendinger auch ein Buch herausgegeben, „Junge Frauen auf dem Sprung“, in dem junge Frauen zu ihren Wünschen bezüglich Familie und Beruf und Zukunft befragt wurden. Die Ergebnisse des Buches dienen Vielen als Steilvorlage für den weiteren Ausbau von Kindergartenplätzen, für die Einführung von Frauenquoten und besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein Ergebnis des Buches kann man grob so zusammenfassen: Frauen würden gerne mehr arbeiten und Karriere machen, sehen aber wegen der schlechten Betreuung für Kleinkinder Hürden. Mich verwunderte das Ergebnis ein bisschen, habe ich doch in meinem Bekanntenkreis so viele junge Mütter, die keineswegs mehr arbeiten wollen, sondern gerne in Teilzeit arbeiten, weil sie Zeit für ihre Kinder haben wollen.

 

Vielleicht ist eine gute Erklärung für das Ergebnis des Buches von Allmendinger, das in der Befragung junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren interviewt wurden. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Frauen heute erst ab 30 überhaupt anfangen Kinder zu bekommen, können nicht viele Mütter unter den Befragten gewesen seien. Wir sprechen also in dem Buch von Wunschvorstellungen von Frauen, die oft selbst noch gar nicht in der Situation stehen, sich zwischen Beruf oder Kindern in irgendeiner Form entscheiden zu müssen.

 

Wissen Sie was herausgekommen wäre, wenn man mich, sagen wir mal mit 23 Jahren befragt hätte, wie ich mir mein Leben und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorstelle? Es wäre irgendwas gewesen zwischen Spitzenposition in der Wirtschaft, Kinder eventuell zwei aber bitte nicht jetzt gleich, das hat Zeit, diese auch nach einem Jahr schnell in die Kita, denn ich hab ja schließlich nicht umsonst etwas gelernt! Heute, mit 36 Jahren und vier Kinder später, sieht meine Sicht auf die Welt ganz anders aus. Ich hätte mir angesichts des ersten Kindes in meinem Arm mit 24 nicht mehr vorstellen können, dieses kleine Bündel Leben in fremde Hände zu geben. Sicher, mein Leben ist ganz anders verlaufen, als ich es mir damals gewünscht oder vorgestellt habe.

 

Würde man der Argumentation von Frau Allmendinger folgen, wäre ich heute eine am Leben gescheiterte Person: Nichts von dem, was ich mit 23 Jahren wollte, ist eingetreten, alles ist anders geworden.

Und wissen Sie was? Es ist besser. Niemals würde ich mein Leben tauschen wollen gegen die Vorstellung, die ich mit 23 hatte. Das konnte ich damals nicht wissen, ich weiß es aber jetzt. In sofern würde mich interessieren, ob diese vielen Umfragen, die wir immer zu lesen bekommen nicht sehr oft Wunschvorstellungen sind, die sich auf ein Leben beziehen, über das wir gar nichts wissen. Fragen Sie mal junge Mädchen heute, was sie für Träume haben: Die eine Hälfte will Topmodel werden und die andere Hälfte Popstar. Oft ändern sich mit einschneidenden Ereignissen die Vorstellungen im Leben. Kinder sind so ein Ereignis und ich plädiere dafür, dass wir respektieren, dass gerade Frauen oft eine ganz andere Sicht auf das Leben bekommen, wenn Kinder da sind.

 

Und es wäre im Übrigen einfach ehrlicher, wenn wir nicht immer diesen zusammengepantschten Kita-Bildung-Frauenföderungs-Chancengleichheits-Gender-Quoten-Brei vorgesetzt bekommen würden wenn es in Wirklichkeit um nichts anderes, als den Arbeitsmarkt und den Kollaps der sozialen Sicherungssysteme geht. Dann sagt es doch einfach, wie es ist: Wir brauchen euch Frauen in der Wirtschaft als Fachkräfte, als Beitragszahler im Rentensystem und für die Sozialkassen, deswegen wollen wir, dass ihr arbeiten geht, anstatt auf die Kinder aufzupassen. Es geht uns nicht um Chancengleichheit oder gar eure Selbstverwirklichung, sondern um den Arbeitsmarkt. Und dass die Kinder in die Kita sollen hat nichts mit Bildung zu tun, das wissen wir, sonst würden wir ja unsere Erzieherinnen besser ausbilden, besser bezahlen und mehr Personal einstellen, nein wir brauchen euch im Job und es viel effizienter und kostengünstiger 25 Kinder zusammen zu betreuen, als nur zwei auf einmal. Das wäre ehrlich.

www.frau2000plus.net

Sven von Storch

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