Lückenpresse_ »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt«

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Lückenpresse_ »Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt«
Datum: 14.01.2019, 21:01

Egal ob Diesel-Skandal, Bienensterben-Mär oder Relotius-Hysterie. Alle drei legen den Finger in die Wunde der deutschen Berichterstattung: Ideologietreue geht vor Faktentreue.

Wenn Kinder unsichtbar sein möchten, halten sie sich die Hände vor die Augen. Warum? Sie glauben, was sie nicht sehen, sei auch für die Welt nicht sichtbar. Das ist nicht schlimm. Mit zunehmendem Alter legt sich diese kindliche Logik. Doch ein Großteil der Medienleute belehrt uns vom Gegenteil.

Diesel-Lücke, Bienensterben-Lücke und Relotius-Lücke zeigen: statt ein vollständiges Bild über einen Sachverhalt zu vermitteln, werden vereinzelt über die Zeit verstreute Informationsfetzen für die Leserschaft aufbereitet. Entweder blitzt ein Thema wie aus dem Nichts auf, verschwindet genauso schnell wie es aufkam oder gewisse Themen und Fakten werden ignoriert.

Der Diesel-Skandal ist so ein Beispiel. Es gab geradezu einen „Diesel-Stinker“-Hype: unangemessen seien die vom Diesel ausgestoßenen Stickoxidmengen, gar tödlich, tönte die Medienzunft, und sah sich in ihrem Weltbild bestätigt. Auf zur nächsten Story, dachte sie, Fall abgeschlossen. In Wirklichkeit war aber nichts erledigt.

Der Diesel wurde zum Opfer einer vernunftverwirrten Schreiberzunft, die bewusst Fakten ignorierte, wie etwa die falsche Positionierung der Messstationen und die Fragwürdigkeit ihrer Messergebnisse. Experten, die sich faktenbasiert „für“ den Diesel aussprachen, wurde kein Gehör geschenkt. Dieser journalistische Umgang mit Fakten ist nicht nur infantil, sondern fahrlässig, unprofessionell und gehört vor Gericht.

Ähnlich sah es auch bei der Mär vom Bienensterben aus. Nachdem es mehr und mehr Medienexperten dämmerte, dass etwas mit den Bienenzählungen und den medial vermittelten Informationen nicht stimmen konnte, griff man in die verbale Trickkiste: nicht die Zuchtbienen seien gemeint, sondern die Wildbienen.

Es wird klar: um die Wahrheit geht es nicht, sondern um die eigene infantile Dialektik. Doch was an Ordentlichkeit, logischer Schlussfolgerung und Unvoreingenommenheit fehlt, können Fantasie, Kreativität und Kombinatorik wieder begleichen. Claas Relotius zeigte das in vorzüglicher Weise.

Weniger lobenswert in diesem Zusammenhang ist der Umgang mit seiner Causa. Offensichtlich haben sich die Edelfeder ihre geliebte Tinte leer geschrieben. Warten sie auf Ersatz? Bleiben deswegen Fragen offen, wie „Ist Claas Relotius strafbar?“, „Wird jemand zur Verantwortung gezogen?“ oder „Wie reagieren die US-amerikanische Presse und Regierung auf den Fall?“. Das ist zu bezweifeln.

Diesel, Bienen und Relotius bestätigen einen psychologischen Mechanismus: Personen neigen dazu sich auf selbstbestätigende Informationen zu konzentrieren, gleichzeitig blenden sie entkräftende Informationen aus. Auf die Berichterstattung übertragen: durch Informationslücken sind einerseits nach belieben ausgewählte Fakten einfacher in das eigene journalistische Weltbild zu integrieren, andererseits bestätigen sie die Richtigkeit der eigenen Ideologie, indem etwa konträre Fakten unbeachtet bleiben.

Professionelle Berichterstattung ist kein Kunstgewerbe. Nicht künstlerische Freiheit, sondern eine nicht tendenzielle Informationsauswahl und -aufbereitung liegen in ihrem Aufgabenbereich. Nur so bleibt dem Leser die Möglichkeit sich selbst ein Bild vom Geschehen zu machen.

Offensichtlich ist eine allumfassende, faktentreue Meinungsbildung nicht gefragt. Durch fertig aufbereitete Bewertungen und Interpretationen wird vielmehr eine bestimmte Meinung der Leserschaft aufoktroyiert und die Faktenlücke bietet hierzu Raum.

Sven von Storch

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