Des Wählers Gunst_ Popularität ist eben doch nicht alles
Des Wählers Gunst_ Popularität ist eben doch nicht alles
Datum: 01.10.2018, 12:30
Leistung, Leistung, Leistung. Das ist das Mantra mit dem schon die Kleinsten aufwachsen. Ironischerweise hat das mit der Lebenswirklichkeit des kleinen Mannes soviel zu tun wie das politisch und medial propagierte wirtschaftliche Klima in Deutschland: „Deutschland geht es so gut wie nie zuvor“. Und es hat genau soviel damit zu tun, dass Popularität in Zeiten von Likes und Followern ein bestimmender Erfolgsfaktor sei.
Das bestätigten zumindest Wissenschaftler im Journal of Personality and Social Psychology. Sie zeigten, dass renommeeorientierte Führungspersonen Entscheidungen im Zweifel zu Gunsten ihres persönlichen Ansehens treffen. Statt sich der Sache - oder wie es kürzlich medial kursierte der „Sacharbeit“ - zu widmen, wetteifert man um die Krone des „coolen“ Schulsprechers. Diese bestimmt die Führungsentscheidung.
Das ZDF bietet für die Wahl des politischen Schulsprechers auf „Leute heute“-Niveau eine wöchentliche Plattform, den Politbarometer. Wen kürt diese Woche die Vox populi zum Populus amoris? Wird es der jungendlich-wirkende, dynamische Reise-Heiko aus dem Saarland oder doch eher der bodenständige, politikerfahrene Peter von den Christdemokraten sein? Und konnte sich „Mutti“ von den Rückschlägen der letzten Monate erholen? Fragen über Fragen, auf die wie immer der ZDF-High-Society-Politikexperte Matthias Fornoff die Antworten kennt.
Die Erfolge und Misserfolge der letzten Woche, Monate und Jahre bleiben bei dieser wöchentlichen Krönung jedoch auf der Strecke. Nur das „Hier“ und „Jetzt“ zählen. Deswegen muss immerfort aufs Neue um die Gunst der Wählerschaft gebuhlt werden, koste es, was es wolle. So oder so ähnlich lautet zumindest die Erfolgsformel der ganzen Spin-Doctores der Republik. Doch diese Zeiten des Carpe diem-Wählerfangs sind vorbei.
Schließlich leidet der Wähler nicht an einer retrograden Amnesie. Die ganzen nicht umgesetzten Wahlversprechen sind noch immer sehr gut in sein Gedächtnis eingebrannt, genauso wie die devote Rolle der sozialdemokratischen Anhängselpartnerin in der Großen Koalition. Kleine Erfolge, wie etwa die Mütterrente oder das Baukindergeld, können hiervon nicht ablenken, genauso wie der inbrünstige Kampf um Wählerstimmen.
Denn dass Andrea Nahles nicht um die Gunst der sozialdemokratischen Wählerschaft buhlt, kann man ihr nicht vorwerfen. Aber dass ihre Taktik die Sozialdemokraten demontiert, bleibt bittere Realität. So etwa ihr Vorschlag einer Finanzspritze für die Türkei. Die Quittung dieses sozialdemokratischen Einsatzes? Die Hinwendung vieler Migranten zur CDU. Man meint den Widerhall des Siggi-Echos zu hören: „undankbares Pack“.
Die politische Kunst liegt eben darin das „richtige Pack“ zielgerecht und dauerhaft anzusprechen. Denn das „richtige Pack“ entscheidet über politisches Sein oder Nicht-Sein. Und die Christ- und Sozialdemokratie stehen nicht gerade hoch auf der Beliebtheitsskala dieses „Packs“ - ganz im Gegenteil zur AfD. Diese hat einer Umfrage zufolge die SPD überholt und steht mit 17 Prozent an zweiter Stelle hinter den Christdemokraten. Und diese sind trotz Wählerpuffer der vergangenen Jahre mit ihren 27 Prozent auch nicht besser dran als ihr Koalitionspartner (16 Prozentpunkte).
Kurzzeitige Popularität ist eben nicht alles, kleine politische Schritte noch weniger. Deswegen ist Donald Trump in den Staaten so populär. Auch weil er bis dato hält, was er verspricht. Breitbeinig in seinen politischen Handlungen, langlebig in seiner Beliebtheit.
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