Fachkräftemangel ist ein moderner Mythos
Fachkräftemangel ist ein moderner Mythos
Datum: 11.11.2014, 20:05
Die Mär vom Fachkräftemangel ist ein moderner Mythos. Qualifizierte Bewerber, die Dutzende von Bewerbungen ins Nirwana geschickt haben, werden die Dauerklage der Wirtschaft über den vermeintlichen Mangel als Zynismus begreifen. Wer vom Fachkräftemangel schwadroniert, nutzt ein Feigenblatt für die eigene Faulheit und Unfähigkeit, als Unternehmen an geeignete Kandidaten zu gelangen.
Der Personalexperte Martin Gaedt hat dem Phänomen des „Fachkräftemangels“ ein kurzweiliges Buch gewidmet und untersucht, „was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft“. Um es vorweg zu sagen: Natürlich gibt es bestimmte Branchen und Berufe, wo echter Mangel existiert. Doch von einem flächendeckenden Fachkräftemangel zu fabulieren ist Ausweise von Ideenlosigkeit und dem Versuch von Unternehmern, Panik zu schüren.
Warum wollen alle Bewerber zu den großen Firmen in den großen Städten? Weil viele kleinere Unternehmen und Städte sich zwar aufs Wegklagen, aber nicht aufs Marketing verstehen. Oft ist der Weltmarktführer genauso unsichtbar wie eine Bruchbude kurz vor der Pleite, so Gaedt. Unternehmen müssen lernen, nicht nur für ihr Produkt, sondern auch für ihr Unternehmen zu werben. Arbeitgebermarketing nennt man das. „Unternehmen, die ihren guten Ruf nur in bestimmten Kreisen für ein spezielles Produkt haben, sind klar im Vorteil beim Absatz, aber im Nachteil bei der Personalsuche“, so der Befund des Experten.
Nehmen wir Wolfgang Grupp von Trigema. Sein Unternehmen sitzt in einem Kaff, in Burladingen auf der Schwäbischen Alb. Der Textilhersteller produziert ausschließlich in Deutschland. Das Unternehmen brummt. Probleme bei der Personalsuche gibt es nicht. Warum? Weil der Chef sein Handwerk versteht und die Öffentlichkeit nicht nur zum weinerlichen Wehklagen nutzt wie so viele Wirtschaftsexperten. In Deutschland sind nur 0,4 Prozent aller Unternehmen bekannte Konzerne und Großunternehmen. Es gibt also viel zu tun, aber es gibt genauso viele Chancen, die Öffentlichkeit zu suchen.
Auch Städte und Dörfer müssen mehr tun, als bloß da zu sein. Es müsste also von Arbeitgeberseite und auch in den Städten mehr Geld ausgegeben und getan werden für PR, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Doch die allgegenwärtige Geiz-ist-geil-Mentalität steht dem entgegen. Der Ingenieur oder Techniker an der Spitze eines mittelständischen Unternehmens verachtet vielleicht im Innersten den Wortwerker, der für sein Unternehmen werben soll und möchte ihn mit Peanuts abspeisen. Kein Wunder, dass dann nur Schrott herauskommt.
Die Arroganz der Arbeitgeber, die Bewerber wochenlang zappeln lassen und noch nicht mal eine Standardabsage zurückschicken, wird sich irgendwann an der Personalfront rächen. Hinzu kommt, dass seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz „wie ein Damoklesschwert über denen schwebt“, die eine Absage formulieren müssen.
Das staatliche Füllhorn wird falsch ausgeschüttet. Jeder Schüler wird in die oft völlig nutzlosen Infoveranstaltungen der Berufsinformationszentren „wie eine Schafherde“ gelotst. Die Agentur für Arbeit ist uns generell viel Geld wert. Dabei verwaltet sie sich selbst. „Die Rechnung ist einfach: Solange es Arbeitslose gibt, braucht die Gesellschaft die Agentur für Arbeit. Arbeitslose sind die Daseinsberechtigung der Arbeitsagenturen. Ohne sie könnten die Jobcenter dichtmachen. Weil kein System sich jemals freiwillig überflüssig machen würde, sind die Kreisläufe ‚Arbeitslos – Schulung – wieder arbeitslos‘ und ‚Arbeitslos-Zeitarbeitsfirma- wieder arbeitslos‘ die perfekte Daseinsberechtigung“, so Gaedt.
Als Positivbeispiel nennt der Autor die Deutsche Bahn, die sich zurzeit über mangelnde Öffentlichkeit nicht beklagen kann. Die Bahn jammert nicht über angeblich unbrauchbare Haupt- und Realschüler. Sie stellt sie ein. Über das Programm „Chance plus“ erhalten bei ihr jedes Jahr rund 400 Jugendliche eine spezielle Berufsstart-Qualifizierung. Jugendliche, die sonst keiner will. Die erst mal lernen müssen, morgens aufzustehen und pünktlich zur Arbeit zu kommen. Die vielleicht erstmals das gute Gefühl spüren, gebraucht zu werden. Vielleicht sollten die Medien lieber mal stärker über solche positiven Ansätze berichten als über die Hybris eines Oberlokführers, der den Arbeiterheld gibt. Vielleicht empfehlen die Arbeitsagenturen ja dereinst den Job als Lokführer bei der Lufthansa, wie jüngst in einer Karikatur zu sehen war. Ein Traumjob: Nie arbeiten müssen, aber trotzdem Geld beziehen!
Martin Gaedt: Mythos Fachkräftemangel. Was auf Deutschlands Arbeitsmarkt gewaltig schiefläuft. 240 Seiten. Wiley-VCH Verlag: Weinheim 2014. 19,90 Euro.
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