Der _Fall Sarrazin_

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Der _Fall Sarrazin_
Datum: 06.09.2010, 00:03

Thilo Sarrazin ist ein mutiger Mann, der uns allen vor Augen geführt hat, wie breit die Kluft mittlerweile zwischen Politik und Mainstream-Presse und dem deutschen Volk klafft. Viele Menschen fühlen instinktiv, dass die Macht ausübende Kaste – ob sie diese Macht nun politisch oder medial ausübt – ungerecht mit Thilo Sarrazin umgeht. Sie spüren, dass an dem prominenten Sozialdemokraten ein Exempel statuiert werden soll. Die Debatte sollte daher schnell vom Eigentlichen, nämlich Sarrazins Beschreibung der Entartung unseres Sozialstaats und der Integrationsprobleme, weggelenkt werden auf seine Äußerung über jüdische Gene. So konnte man den Banker auch dem Zentralrat der Juden zum Fraß vorwerfen. Dieser konnte ihn dann als „Nazi in Nadelstreifen“ denunzieren. Was würden die Herren Kramer und Graumann vom Zentralrat wohl sagen, wenn die nächste Prügelattacke von Männern mit muslimischem Migrationshintergrund auf jüdische Opfer als eine besonders subtile Art der Kulturbereicherung deklariert würde? Aber ganz im Ernst: Es ist unverantwortlich von Seiten der Interessenvertretung der jüdischen Deutschen, dass er nicht erkennen will, dass ein bestimmter Anteil von Muslimen, die in Deutschland leben, auch zu einer Gefahr für das neu erwachte jüdische Leben in unserem Land werden könnte, das endlich wieder hierzulande im Entstehen ist. Es wäre interessant zu erfahren, wie die „normalen“ Juden in Deutschland über die Tiraden ihrer dauerempörten offiziellen Vertreter denken.

 

FAZ das Nötige zur mediokren Verbandsspitze zu Papier gebracht: „Graumanns und Kramers Äußerungen werfen ein ernüchterndes Licht auf die Unbildung deutsch-jüdischer Funktionäre, denen offenbar das elementare Wissen über das Judentum abhandengekommen ist.“ Selbst wenn man naturwissenschaftliche Studien zu dem „Gen“-Thema beiseite lasse, bleibe es für Juden bei der klaren, seit Jahrhunderten bestehenden Regelung, der Halacha, „dass sich jüdische Identität – neben dem religiösen Bekenntnis – auf Abstammung gründet“.

 

Völlig durchgeknallt fielen aber die Äußerungen derjenigen Politiker aus, die das Profil von Recht und Ordnung für die Unionsparteien schärfen sollen. So ließ Bundesinnenminister Thomas de Maizière vernehmen: „Das, was er (Sarrazin; A.L.) gemacht hat, verstößt mindestens gegen den Grundsatz: ‚Das tut man nicht’. Wir brauchen keine Belehrung. Wir wissen um höhere Gewaltneigung bestimmter Ausländer. Wir wissen um Integrationsprobleme. Die Fragen, die Sarrazin stellt, stellt sich die Politik längst.“ Lieber Herr Bundesinnenminister, Sie sind nicht zum Fragen stellen da. Sie sollen handeln. Wenn das alles längst bekannt ist, dann hätten Sie doch schon seit längerem etwas tun müssen. Alle diejenigen aus der politischen „Klasse“ (dieser Begriff ist hier nicht qualitativ gemeint); die nun sagen, Sarrazins Thesen seien Schnee von gestern, müssten eigentlich wegen Untätigkeit und Pflichtversäumnissen gegenüber diesem Staat und den Menschen, die hier friedlich leben wollen, zurücktreten. Die Argumentation dieser überflüssigen Politikergeneration lautet aber im Subtext: Die Probleme kennen wir. Aber bitte rührt nicht daran, denn sie könnten sich als Pulverfass entpuppen. Wenn wir unsere fetten Beamtenpensionen verzehren, kann dieses Land von uns aus zugrunde gehen. Dann ziehen wir zur Not in die Schweiz oder dort hin, wo es schön warm ist und die Ausländer, die dort Inländer sind, viel netter, gebildeter und fleißiger sind.

 

Neue Zürcher Zeitung – habe sich Wulff sehr wohl schon zum Fall Sarrazin geäußert – „und zwar noch bevor die Bundesbankspitze selbst zu einer Entscheidung gekommen war“. Die NZZ stellt fest, dass die Medien hierzulande eine Grundsatzdebatte über die Integration meiden würden.

 

Die Preußische Allgemeine Zeitung trifft dieser Vorwurf sicher nicht. Und so schrieb Hans Heckel auf der ersten Seite des konservativen Wochenblatts aus Hamburg: „Die Debatte ist Wasser auf die Mühlen derer, die sagen, dass unser Parteienspektrum das Meinungsspektrum der Deutschen längst nicht mehr angemessen widerspiegelt“. Eine Umfrage sieht eine „Sarrazin-Partei“ bei 18 Prozent. „Es liegt mehr als nur ein Hauch von Rebellion gegen Beschönigung und Bevormundung in der Luft“, so Berthold Kohler. Wann kommt es zur Konsequenz, nämlich zur Gründung einer Partei, die keine „rechte“ Partei wäre oder rechtspopulistisch, sondern die nur „rechts“ von der mittlerweile völlig durchsozialdemokratisierten CDU stünde. Sarrazin ist vielleicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen und unsere politischen Verhältnisse zum Tanzen bringt

Sven von Storch

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