Aktion Rettet die Polemik: #Nationales Forum für Polemik und Beleidigung

In einem kurzen Kapitel seines epischen 1980er-Romans „Das Fegefeuer der Eitelkeiten“ gelingt es Tom Wolfe mit leichter Feder, gleich mehrere Berufsgruppen, Nationalitäten und Ethnien – darunter Angehörige von Weltreligionen – aufs Schwerste zu beleidigen und verächtlich zu machen.

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„Tod à la New York“ heißt die wunderbare Passage, in der ein dicker, gerissener Jude namens Ruskin dem versoffenen britischen Schreiberling Fallow beim Dinner in einem aufgeblasenen französischen Gourmettempel erklärt, wie er, der Jude, es geschafft hat, sich nach einer krachenden kommerziellen Bruchlandung neu aufzustellen und jede Menge frisches Geld zu scheffeln.

Nämlich so: Ausgerechnet von einem schlecht Englisch sprechenden „Kraut“ hat Fettsack Mr. Ruskin den rettenden Tipp bekommen, dass jeder „focking Moslem“ (so der Kraut) einmal im Leben nach Mekka möchte. Also least der Jude mit seinem letzten Geld ein paar klapperige Aeroplane und steigt ins Chartergeschäft ein. Arabische Drücker führen ihm jede Menge „focking Moslems“ zu, die ihre Kröten zusammenkratzen, um in Ruskins Seelenverkäufern zum Hadsch zu fliegen.

Problem nur, dass es sich dabei überwiegend um zivilisationsferne Wüstensöhne handelt, die noch nie in einem Flugzeug saßen. Sie bringen kotende Lämmer und Ziegen mit an Bord, weshalb die Kabinenböden mit Plastikplanen ausgelegt werden müssen. Manche wollen gar ein Feuerchen im Gang entfachen und Essen kochen, was nur mit Mühe unterbunden werden kann.

Während Ruskin heftig Cognac trinkend sein Garn spinnt, lacht er sich über die bescheuerten Moslems buchstäblich tot. Er erleidet einen Hustenkrampf und verendet mit puterroter Birne auf dem Tisch des Edelrestaurants.

Fusstritte in alle Richtungen

Tom Wolfe wäre natürlich nicht Tom Wolfe, würde er nicht nebenbei noch Fußtritte in alle Richtungen verteilen, die eine solche Groteske hergibt. Besonders eklig kommen bei ihm die eben noch um den großen Ruskin scharwenzelnden, mit lächerlichem Akzent ausgestatteten Franzmänner rüber. Für sie ist der Gast als Leiche bloß noch eine Last, die sie eilends durch das Klofenster entsorgen möchten, zumal just eine indonesische Diktatorengattin nebst Gefolge eingetroffen ist. Einer ihrer asiatischen Leibwächter wird wie folgt beschrieben: „Dieser war so breit und hatte einen so riesenhaften Kopf mit derart breiten, flachen, abstoßenden Gesichtszügen, dass Fallow sich fragte, ob er nicht ein Samoaner sei.“

„The Bonfire of the Vanities“ ist 1987 erschienen. Der Bestseller hält den Tenor des beschriebenen Kapitels von Anfang bis Ende durch. Nirgendwo ein Charakter, der dem Leser sympathisch werden könnte. Ob es um schwarze Slumlords geht oder um weiße Wall Street-Broker, um verlogene Sozialadvokaten oder um geile, reich verheiratete Südstaaten-Schicksen, Wolfe tritt allen gegen die Schienenbeine, dass es nur so kracht. Brian de Palma hat die Vorlage 1990 ganz ordentlich verfilmt, leider mit einem versöhnlerischen, Hollywood-kompatiblen Ende.

Gegen das Buch - und schon gar nicht gegen den Film – wurde meines Wissens nie demonstriert oder gezetert. Keine Menschenrechtstruppen, die sich auf samoanische Palmen schwangen. Keine Uni-Aktivisten, die Wolfe des blanken Rassismus geziehen hätten. Keine Feministinnen, die ihn ob eines „falschen Frauenbildes“ angeprangert hätten; ihn, einen schon damals verdächtig alten, weißen Mann. Der gern in weiß gewandete Dandy, der sich mit dem frühen Essay Radical Chic und Mau-Mau bei der Wohlfahrtsbehörde als kenntnisreicher Verhohnepiepler der „Schicken Linken“ Amerikas einen Namen gemacht hatte, kam mit seinem Fegefeuer einfach so durch.

Heutztage wäre ein Scheißorkan der Stärke 12 fällig

Das muss man sich mal vorstellen! Ein solches Buch, frisch auf dem Markt, würde heutzutage einen Scheißeorkan der Stärke 12 anziehen.

Heute sitzen in Parteien, Hochschulen, Staatsfernsehsendern und  an den Endgeräten des Internet massenhaft kleine Denunzianten. Wer ihnen nicht behagt, wird sogleich angeblafft, niedergeschrien, in irgendwelche dunkle Ecken verfrachtet. Schreiben können sie nicht, lesen auch nicht. Aber Shitstorms anzetteln, das können sie.

Nie seit den Jahren 1967/1968 (jadoch, wie immer man den kurzen Aufstand der Bürgerkinder im Nachhinein beurteilt – politisch korrekt gebürstet erschien er jedenfalls anfangs nicht), wirklich niemals war das Meinungsklima verdruckster, das Gouvernantenregime erdrückender als heute. Eine Armee von Aufpassern durchkämmt inzwischen jedes Buch, jeden Artikel, jede öffentliche Äußerung, jeden Facebook-Eintrag und jeden Tweet nach Verdachtsmomenten.

Die allfälligen Keulen liegen parat. Frauenfeind, Schwulenhasser, Rassist, Tierquäler, Neocon, Wirtschaftsliberaler, geistiger Brandstifter oder Klimaleugner sind nur die gängigsten. Es genügt schon, nur leise Zweifel daran anzumelden, dass „wir“ etwas „schaffen“, um alsbald im finstersten Nazibunker zu landen. Beziehungsweise in der „Mitte der Gesellschaft“, die angeblich auch schon nazidurchseucht ist.

Da hilft es nicht, wenn man als gefeierter Literaturwissenschaftler (R. Safranski) oder fernsehtaugliche Philosophennase (P. Sloterdijk) noch niemals durch „rechtes Gedankengut“ aufgefallen ist. Den Anschwärzern genügt, wenn einer es nicht so mit dem Wort „Begrüßungskultur“ hat und schon früh – faktisch längst eingetroffen – Millionen von Migranten kommen sah.

Schon wird er im „Spiegel“ wegen „Diskursvergiftung“ angeschifft.

„Auf Argumente hören sie mit dem Ohr des Spitzels“ (Bert Brecht).

Die bemerkenswerte Karriere der Polemik - nach unten

Exkurs: Eine bemerkenswerte Karriere – und zwar nach unten - hat die Polemik durchgemacht. Ursprünglich war das die Disziplin der Streitkunst, vorzugsweise mit dem sprachlichen Florett ausgefochten. Später wurde auch der Säbel zugelassen. Perlen der Polemik verdankt die deutschsprachige Literaturszene dem „Fackel“-Herausgeber Karl Kraus und seinen diversen Feinden, etwa der Theaterkritiker Alfred Kerr (Kraus lapidar über Kerr: „Schuft“; Kerr, reimend über Kraus: „Krätzerich, in Blättern lebend/nistend, mistend, ‚ausschlag‘-gebend“).

Während der Weimarer Republik war die „Weltbühne“ der Herren Tucholsky und von Ossietzky ein Hort begnadeter Polemiker. Streitlustige Edelfedern, über alle Welt herziehend, manchmal höchst ungerecht. Etwa, wenn es um die diffizile Rolle der SPD in der Vornazi-Ära ging.

Aber Polemiken dürfen alles, nur nicht gerecht sein. Sonst hätten sie keinen Unterhaltungswert. Der knarzige Herbert Wehner ("Übelkrähe“ und „Hodentöter“ nannte er die Kollegen Wohlrabe und Todenhöfer) und der cholerische Franz-Josef Strauß („Irren ist menschlich, aber immer irren ist sozialdemokratisch“) gelten nicht umsonst als unübertroffene Stars der Bundestags-Polemik.

Gestalten aus einer Zeit, als im politischen Betrieb noch Tacheless gebellt wurde, nicht um den heißen Brei gemerkelt.

Die Sottisen des Schriftstellers Eckard Henscheid über Heinrich Böll („Steindummer, kenntnisloser und talentfreier Autor“), Botho Strauß („Tranige Edelschickeriaprosa“) und Elfriede Jelinek („Spätfeministisch-romanfaselnde Neokitschieuse“) amüsierten wiederum den Literaturbetrieb nachhaltig.

Seinem Schriftsteller-Kollegen Gerhard Henschel gelang 2002 ein traumhaftes Polemikstück. In einer „taz“-Satire („Sex-Schock“: Penis kaputt?") hatte er dem „Bild“-Chef Kai Diekmann unterstellt, dieser habe sich in Miami einer Penisverlängerung unterzogen, bei der „Leichenteile“ verwendet worden seien. Die Operation sei aber misslungen.

Diekmann klagte gegen die – erkennbar satirische - Behauptung mit Erfolg, blitzte aber mit seiner Entschädigungsforderung über 30.000 Euro ab. Eine weise Kammer des Berliner Landgerichts entschied, „dass derjenige, der – wie der Kläger – bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung anderer sucht, weniger schwer durch die Verletzung seines eigenen Persönlichkeitsrechtes belastet wird. Denn er hat sich mit Wissen und Wollen in das Geschäft der Persönlichkeitsrechtsverletzungen begeben“.

Mittlerweile gilt Polemik weithin als unfein, ja degoutant. Medien, die frischen Wind in ihre Schnarchspalten bringen möchten, drucken schon mal Heftiges unter dem Warnhinweis „Eine Polemik“ ab. Somit anzeigend, dass man den Stuss bitte nicht ernst nehmen solle – Replik folgt in Kürze.

Triste Zeiten

Zurück zur Eingangsfrage. Wann hat das angefangen mit dem „Tugendfuror“ (Joachim Gauck)? Wie konnte es passieren, dass jedes Grüppchen seine Partikularinteressen herauströten darf, als stünde hinter ihm eine Massenbewegung? Wer hat es fertiggebracht, dass sich Politiker, Journalisten und Manager mittlerweile fünfmal überlegen, was sie öffentlich äußern; aus Angst, dass ihnen die gequirlte Scheiße von Eiferern aller Couleurs um die Ohren fliegt?

Zum Beispiel von Leuten, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden können, nicht mal für ein doppeltes oder dreifaches, weshalb sie ständig neue Schaumkonstrukte („nichtbinär“) erfinden. Irgendwelche freudlose Uni-Pflanzen, welche irgendwie einen Lehrstuhl in irgendeiner Genderquatschdisziplin ergattert haben. Doch Politiker, die diesen Irrsinn mal auf die Schippe nehmen würden (Strauß und Wehner wäre das zu noch zuzutrauen gewesen), hätten sofort die staatliche alimentierte Gender-Kamarilla am Hals, welche ihnen im Internet die Hölle heißmachen würde.

Da halten sie lieber die Goschn.

„Bis zur Klärung eines Sachverhalts“ hat kürzlich ein bekennend erzkonservativer, altmodisch-elegant polemisierender Autor sein Internet-Tagebuch ruhen lassen. Der Mann, langjähriger Redakteur eines Magazins, steht im Visier von linksradikalen Denunzianten. Manche haben seinem Arbeitgeber implizit empfohlen, ihn zu feuern. Dass die „Klärung des Sachverhalts“ mit genau dieser Hetzkampagne zu tun hat, darauf verwette ich eine Ausgabe des „Sudelbuchs“, Tucholskys spätes Diarium.

Noch mal: Wann ist das eingerissen, dieses Elend des erzwungenen Korrektsprechs? Nach meiner Erinnerung liegt die Zäsur gar nicht lange zurück. Vor knapp drei Jahren veröffentlichte eine „Stern“-Journalistin ein Porträt über den damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, das als „Dirndl-Gate“ Wellen schlug.

Nicht so sehr wegen des Lauftextes. Der war in seiner Tendenz erwartbar Stern-like, also nicht gerade FDP-freundlich. Was über die Ticker ging, waren allein die Erinnerungen der Redakteurin an eine Begegnung mit Brüderle nächtens an einer Bar, die gut ein Jahr zuvor stattgefunden hatte. Brüderle selbst hat sich dazu en Detail nie geäußert. 

Ein explizierter Beischlafwunsch war nicht darunter

Für die junge Frau muss es die Hölle gewesen sein. Brüderle, offenbar reichlich angeschickert, habe ihr schmierige Komplimente gemacht („Sie könnten gut ein Dirndl ausfüllen“), ihre Hand geküsst und andere – semantische - Verfehlungen begangen. Ein explizierter Beischlafwunsch war nicht darunter.

Aber es reichte, um den Sabbelsenior vorzuführen.

Die FDP verfehlte 2013 den Einzug in den Bundestag knapp. Aus welchen Gründen auch immer.

Das war sicher nicht das Schlimmste. Zumal das Dirndl-Gate von Teilen der Medien durchaus ungnädig kommentiert wurde. Tenor: Es gehört sich nicht, bekanntermaßen trinkfreudige Politiker nachts an der Bar zu kontaktieren, um sie mittels ihrer dämlichen Sprüche später, vor entscheidenden Wahlen, in die Pfanne zu hauen.

Schlimm wurde es erst, als eine netzaktive Truppe von Neofeministinnen auf die Stern-Story aufsprang und unter dem Hashtag #aufschrei massenhaft Tweets von Frauen einsammelte, die sich schon mal – verbal oder körperlich – von Männern belästig gefühlt hatten. Rasch kam das Hashtag auf 57.000 Twitter-Reaktionen. Keine einzige der gezwitscherten Leidensberichte wurde natürlich verifiziert. Und auch längst nicht alle Reaktionen fielen im Sinne der Initiatorinnen aus.

Aber egal. War das eine Nummer! #aufschrei wurde in sämtlichen Medien bejubelt, gewann prompt einen Grimme-Online-Award. Die Gesinnungsnetzwerke und die politisch-korrekten Klüngel funktionierten wie geschmiert.

Die Gesinnungsnetzwerke funktionieren wie geschmiert

Hashtag-Aktionen sind mitunter zum Aufschreien naiv. Michelle Obama posierte 2014 als eine der ersten mit dem Hashtag #BringBackOurGirls; gerade so, als würde die nigerianische Terrortruppe Boko Haram es sich nach zwei Millionen Re-Tweets womöglich doch noch überlegen, die 200 von ihr gekidnappten Schülerinnen freizulassen.

Einfalt tut freilich niemandem weh. Anders verhält es sich, wenn Hashtags oder Internet-Postings gezielt für Stimmungsmache eingesetzt werden. Die - linke – amerikanische Satireshow „The Colbert Report“ war Shitstorms ("#CancelColbert“) ohne Ende ausgesetzt, nachdem sie einen angeblich für „Asian-Americans“ schwerstverletzenden Spruch gesendet hatte. Bei diesem handelte es sich selbstredend um eine klassisch verdrehte Colbert-Satire.

Aber wie – um mal Dieter Bohlen abzuwandeln – erklärt man humorfreien Volltrotteln, dass sie humorfreie Volltrottel sind?

Man muss gar nicht nach Amerika schauen. Halb Deutschland, das wusste schon Kurt Tucholsky, besteht im Prinzip aus beleidigten Leberwürsten, die auf dem Sofa sitzen und übel nehmen. Wäre ich König dieses seltsamen Reiches, so würde ich verfügen: Einzurichten ist ein Internetportal mit dem Hashtag "#Nationales Forum für Polemik und Beleidigung“.

Wie brauchen ein Nationales Forum für Gesinnung und Beleidigung

Das NFPB genösse Immunität vor juristischen Sanktionen (was Gerichten viel Arbeit ersparte) und wäre auch den Rügen des Deutschen Presserats entzogen (welche eh kein Schwein ernst nimmt).

Veröffentlichen könnte auf dieser Plattform jeder, der gekonnt zu polemisieren, nach sämtlichen Richtungen um sich zu schlagen, zu ätzen, ja sogar zu hetzen vermag. Und zwar unabhängig von seiner politischen Einstellung. Bei Eintritt in die illustre Runde ist das Florett abzugeben, das Breitschwert rauszuholen. Das NFPB dürfte kein parfümierter Debattensalon sein, sondern ein nach ehrlichem Krawall dünstender Fight Club.

Als Gründungsteam schweben mir folgende, polemisch solide Fachkräfte vor (Reihenfolge gemäß spontaner Eingebung): Mely Kyak, Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder, Roger Klöppel, Hermann L. Gremliza, Akif Pirincci, Georg Seeßlen, Nikolaus Fest, Harald Martenstein, Georg Diez, Roland Tichy, Heribert Prantl, Maxim Biller, Stefan Niggemeier und Deniz Yürcel (sobald letzterer, momentan bei der „Welt“, sich Schaum-vorm-Mund-mäßig wieder auf seine alte „taz“-Form eingependelt hat). Unbedingt dabei: „Don Alphonso“, anonymer Autor des luziden FAZ-Blogs „Stützen der Gesellschaft“. Shooting Star: Ronja von Rönne.

Weitere Chancen für eine Forums-Mitgliedschaft hätten nur Kandidaten, die ebenfalls erwiesenermaßen schreiben können.

Bewerbungen von Menschen, deren Texte lediglich veröffentlicht werden, weil die Verfasser zum Beispiel Anteile an einem Hamburger Nachrichtenmagazin geerbt haben, wären zwecklos.

Beitrag zuerst erschienen auf achgut.com

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