4. Juli 1976 oder: 45 Jahre linke Selektion von Entebbe

Vor genau 45 Jahren führten israelische Spezialeinheiten erfolgreich die bislang spektakulärste Befreiungsaktion von Geiseln durch. Eine notwendige Erinnerung.

Veröffentlicht:
von

Wilfried Böse war ein Mann mit einer linken Bilderbuchbiographie: Nachdem er zuletzt das Ansbacher Platen-Gymnasium besucht hatte, studierte er ab dem Wintersemester 1968 in Freiburg im Breisgau und ab Sommersemester 1969 in Frankfurt am Main Politologie, Psychologie und Soziologie. Wie so viele andere Linke brach er sein Studium ab und übernahm den Vertrieb des Verlags Roter Stern. Bald darauf tauchte er im Netz linker Terrorgruppen der 1970er Jahre unter.

Auch Brigitte Kuhlmann ist ein Paradebeispiel linker Sozialisation: Aufgewachsen in Hannover begann sie zunächst eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin in Hildesheim. Nachdem sie ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgemacht hatte, studierte sie Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Hannover. Zu Beginn der 1970er Jahre zog sie nach Frankfurt um und rutschte in die Szene linksradikaler Terroristen. Auch sie arbeitete für den Verlag Roter Stern. »In ihrer Freizeit«, heißt es bei Wiki, »sorgte sie für Körperbehinderte und schrieb Gedichte.« Und sie war die Geliebte von Wilfried Böse.

Weder bei Böse noch bei Kuhlmann lassen sich zunächst antisemitische Tendenzen aufweisen. Beide scheinen typische, gewaltbereite, aber nicht judenfeindliche Linksradikale zu sein. Das ändert sich irgendwann Anfang der 1970er Jahre, als Böse eine der sogenannten ›Revolutionären Zellen‹ bildet, die, anders als die Mitglieder der Baader-Meinhof-Bande und der Roten Armee Fraktion, RAF, in kleinen, unabhängigen Einheiten operieren. Es werden Kontakte zu palästinensischen Terroristen geknüpft und Böse geht zur Ausbildung in der Jemen.

Schon in dieser Zeit beginnt Böse mit Planungen für Anschläge gegen jüdische Einrichtungen und Personen, darunter sogar der als Nazi-Jäger bekannt gewordene Simon Wiesenthal. Die Grauzone zwischen Anti-Zionismus und Anti-Semitismus wird immer größer, bis schließlich das eine vom anderen nicht mehr getrennt werden kann und auch nicht getrennt werden soll.

Endlich, am 27.Juni 1976, können Böse und Kuhlmann ihren Antisemitismus beweisen. Zusammen mit zwei arabischen Terroristen der auch heute bei Linken recht populären und von diversen NGOs indirekt mitfinanzierten ›Volksfront zur Befreiung Palästinas‹ entführen sie von Athen aus ein Air France Flugzeug mit 12 Mann Besatzung und 244 Passagieren an Bord nach Entebbe, dem Flughafen der Hauptstadt Ugandas, Kampala. Dort kommen sie am 28. Juni nachmittags an.

Von den Sicherheitsbehörden des Landes haben die Terroristen nichts zu befürchten. Der unbestrittene Diktator Idi Amin gewährt ihnen großzügig Raum und lässt weitere Terroristen einreisen. Die entführte Maschine wird gegenüber dem alten Flughafengebäude abgestellt, die Geiseln im Terminal untergebracht. Noch am Tage der Ankunft geben die mittlerweile durch mindestens vier weitere Araber verstärkten Entführer ein Kommuniqué mit ihren Forderungen heraus: Freilassung von zusammen 53 Inhaftierten Terroristen diverser linksradikaler und palästinensischer Terrorgruppen aus Gefängnissen in Israel, Frankreich, Westdeutschland und der Schweiz; darunter 6 Terroristen der RAF und der sogenannten ›Bewegung 2.Juni‹. Zusätzlich forderten die Terroristen fünf Millionen US-Dollar als Preis für die Rückgabe des entführten Flugzeugs.

Was folgt, ist linker Antisemitismus in Reinform: Die israelischen wurden von den nicht-israelischen Passagieren getrennt. Die Parallele zur Selektion auf der Rampe von Auschwitz fiel damals und fällt auch heute im Rückblick sofort ins Auge, insbesondere, da deutsche Terroristen selektierten. Als ein Überlebender des Holocaust Wilfried Böse seine eintätowierte KZ-Häftlingsnummer zeigt, erklärt der linke Terrorist: »Ich bin kein Nazi. Ich bin Idealist.« In anderen Quellen heißt es, er sympathisiere mit den Palästinensern.

Dass er ein Nazi ist, beweist der Linksradikale kurze Zeit später. Denn es werden nicht etwa alle nicht-israelischen Staatsbürger freigelassen und die Israelis als Geiseln genommen – tatsächlich bleiben alle Passagiere und Besatzungsmitglieder, deren israelische Staatsbürgerschaft oder deren jüdische Abstammung nachweisbar war oder vermutet wurde, in der Gewalt der Entführer. Daher waren unter den Freigelassenen zwar einige Juden – aber das nur, weil Böse und Kuhlmann das nicht wussten, zum Beispiel, weil ihnen die Namen nicht als typisch jüdisch erschienen; ein klassisches antisemitisches Stereotyp, um den unter linken Soziologen beliebten Begriff zu verwenden. Zeugen berichten zudem, dass insbesondere Brigitte Kuhlmann auf dem Flug grob zu den Passagieren war und sie mehrfach antisemitisch beschimpfte.

Doch selbst konzediert, die Linksterroristen hätten nicht Juden von Nicht-Juden, sondern Israelis von Nicht-Israelis getrennt – die Parallele zur Rampe von Auschwitz bleibt in dieser Hinsicht bestehen. Dort wurden jene selektiert, die gleich umgebracht wurden – und auch hier wurden jene, die, ginge es nach den Entführern, bald umgebracht werden sollten, selektiert. Die anderen ließen die Terroristen kurz danach frei.

Als rhetorische Ausflucht verweisen linke Antisemiten nun auf den Unterschied, der zwischen anti-israelisch oder anti-semitisch bestehe. Sie mögen eben Israel nicht, aber das mache sie noch längst nicht zu Antisemiten. Auf die Gegenfrage: Was denn den Anti-Israelismus vom Anti-Semitismus unterscheidet, wenn die gleichen Linken sich nie und nimmer Anti-Russisch oder Anti-Chinesisch nennen würden, – auf diese Gegenfrage verfallen Linke ins große Schweigen. Denn auch ohne jede Psychoanalyse ist doch wohl klar: Linke Terroristen haben nicht einen nennenswerten Anschlag gegen China oder Russland verübt, als Tibet okkupiert und seine Bevölkerung deportiert und ermordet und seine Kultur ausgelöscht worden ist. Kein Linker machte sich auf nach Tschetschenien, als sich die Russen in Grosny austobten.

Nein, Böse und Kuhlmann waren lupenreine Antisemiten. Sie trennten Juden, die sie als solche erkannten, von denen, die nicht Juden waren. Und so saßen am Abend des 3. Juli 1976, am Vorabend der Feiern zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten die noch verbliebenen 106 oder 107 Geiseln in der Haupthalle des alten Flughafens von Entebbe zusammen. Unter ihnen auch die 12 Besatzungsmitglieder der Maschine, die sich für die Passagiere verantwortlich fühlten und deshalb das Angebot, gehen zu können, abgelehnt hatten. Sie haben im Juli 1976 ihren französischen Uniformen alle Ehre gemacht.

Dann kam die Nacht. Einige Geiseln schliefen. Die Terroristen bewachten die Eingangstüren der Halle. Als plötzlich die Türen aufflogen. Auf Hebräisch und Englisch ruft jemand »Auf den Boden legen!« Dann fallen Schüsse. In wenigen Augenblicken sind alle Terroristen erschossen. Zwei Geiseln, die sich nicht rechtzeitig genug hinwerfen können, werden gleichfalls erschossen. Eine dritte Geisel wird durch die Terroristen ermordet.

Was die Geiseln nicht wussten: Spezialeinheiten der Israelischen Streitkräfte waren seit dem Nachmittag in vier Herkules-Maschinen auf dem Weg nach Uganda. Zwischen 23:00 und 23:58 befreiten sie in einer der spektakulärsten Befreiungsaktion die meisten der Geiseln, töteten alle Terroristen und etwa 30 Soldaten der Ugandischen Streitkräfte. Mehrere MIG-Kampfflugzeuge der Ugandischen Luftwaffe wurden zerstört. Dann stiegen die israelischen Soldaten mit den Geretteten in ihre Maschinen und flogen über Nairobi zurück in die Heimstatt der Juden. Einen Toten hatten sie zu beklagen, Yonatan Netanyahu, den älteren Bruder von Benjamin Netanyahu; ein angesehener und von seinen Männern verehrter Kommandeur. Er wurde beim Sturm auf das Flughafengebäude tödlich verwundet.

Auf der einen Seite herrschte Erleichterung und Freude. Auf der anderen Seite Empörung. UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim verurteilte die Aktion als »ernste Verletzung der Souveränität eines Mitgliedsstaates.« Über die Rechtsverletzungen der ugandischen Regierung verlor Waldheim kein Wort.

Die westdeutsche links-liberale Presse hielt sich bedeckt oder versuchte sich, wie der ›Spiegel‹ in vermeintlich sinnigen Analysen. Nach Einschätzung der Hamburger Illustrierten hätten die Terroristen aus taktischen Gründen Juden von Nicht-Juden getrennt. Nur so war sichergestellt, dass die Regierung in Bonn die Geiseln gegen linksradikale Terroristen austauschen würde. Keine deutsche Regierung, so angeblich das Kalkül der Terroristen, würde den Tod von israelischen Staatsbürgern riskieren.

Geradezu Schnappatmung bekam die westdeutsche Linke. Allerdings war nicht die Selektion von Entebbe war ihr Problem. – Nein, ihr Problem war die »Piratenaktion« der Israelis, die von der ›Roten Fahne‹ mit den »Blitzkriegen der Hitlerfaschisten« gleichgesetzt wurde. »Dem Ministerpräsidenten von Uganda, seiner Exzellenz Idi Amin, drücken wir unsere uneingeschränkte Solidarität aus«, heißt es weiter. Das Organ der Organ der KPD/ML, der »Rote Morgen«, sprach von einem »faschistischen Aggressionsakt der israelischen Zionisten«. Die ›Kommunistische Volkszeitung‹, das Zentralorgan des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, KBW, also jener Partei, in der sich einmal ein Winfried Kretschmann politisch wohlgefühlt hat, brachte ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass die »Aggression Israels gegen einen unabhängigen und souveränen Staat Afrikas« »früher oder später die angemessene Antwort erhalten« werde ‑ wie blutig auch immer sie ausfallen mochte. Der ›Arbeiterkampf‹, das Organ des Kommunistischen Bundes, der politischen Heimat des späteren Grünen Jürgen Trittin, nannte Israel eine »Mörderzentrale in ständiger ›Notwehr‹«.

Das alles ist nicht neu, ja lange bekannt. Aber immer wieder gelingt es Linken und linken Parteien ihren tief verwurzelten Antisemitismus, der immer wieder, sei es in Boykottaktionen gegen Juden oder bei der Selektion in Entebbe, hervorbricht, zu kaschieren und es wie selbstverständlich erscheinen zu lassen, dass Antisemitismus allein ein Phänomen rechter politischer Kräfte sei und nicht etwa der eigenen Leute. Das aber ist grundlegend falsch.

Linke sind aus geradezu zwingenden Gründen immer auch antisemitisch. Denn Juden stehen für alles, was Linke verachten oder beneiden und anschließend ausmerzen wollen – darin mit den National-Sozialisten bis ins Mark auf einer Linie. In der Selektion von Entebbe fand dieser linke Antisemitismus, der bis heute Deutschland in seinen Bann schlägt und maßgeblich die Migrationspolitik von Grünen, Sozialdemokraten und Ex-SED bestimmt, einen passenden Ausdruck. Ein Grund mehr, sich der Geschehnisse in der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1976 zu erinnern.

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Abonnieren Sie jetzt hier unseren Newsletter: Newsletter

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Gravatar: Markus

Vielen Dank für diese wichtige Erinnerung, Herr Hebold. Sehr gut dargestellt und in Erinnerung gerufen. Das historische und dramatische Ereignis von Entebbe kommt in den MM ja so gut wie nicht mehr vor.
Es ist tatsächlich so, das (Zitat) "Linke sind aus geradezu zwingenden Gründen immer auch antisemitisch." Und sie tun so (die Linken) als seien sie das nicht, tun so als hätten sie ja (fast) nix gegen Juden. So groß ist der Unterschied der Judenhasser von "Rechts", also "Nazis" und der "Linken" eben nicht, nur halt anders lackiert!
Israel hat richtig und konsequent gehandelt, es ist immer noch eine Geschichte, die mir Respekt abnötigt, Terroropfer zu entsetzen zu befreien, trotz enormen Gefahren, eben durch sog. "Linke", die eben in diesem Falle Terroristen und nichts anderes waren, genauso schlimm wie seinerzeits "Herrschaften" einer sog. "Schutzstaffel", die haben auch "selektiert", also ausgewählt, wen sie als erstes ermorden. Gut möglich, das diese Täter auch ein nicht zugegebenes Vorbild für die Terroristen waren. Umso bemerkenswerter die damaligen und auch heutigen Reaktionen der Hauptstrommedien (spielt Entebbe in diesen Medien noch überhaupt eine Rolle?)

Gravatar: egon samu

Danke für die detaillierte Erinnerung.

Gravatar: Hans-Peter Klein

Die angemessenste deutsche Position im Israel-Palästina Konflikt ist nach m.M. die der neutralen Mitte, deren Pendel im Grenzfall zu Israel steht, wegen unserer Vergangenheit.

Neutrale Mitte soll heißen, das wir Deutsche stets versuchen sollten beide Perspektiven, die isrealische, wie die palästinensische, zu verstehen und nachzuvollziehen um im (unwahrscheinlichen) Falle, das wir gefragt werden, jede Seite mit ihren wahren Motiven und Konsequenzen zu konfrontieren.

Die isrealische Siedlungspolitik dürfte wesentlicher Teil dieses Schlüsselkonfliktes sein. Diese zu kritisieren hat mit Antisemitismus nichts zu tun. Das Recht diese Kritik zu äußern gehört u.a. zu unseren Lehren aus der Vergangenheit.
Unnötig hier klarzustellen, dass die Vernichtung Israels, egal von wem geäußert, nie auch nur die leisesete Nuance an Unterstützung durch deutsche Politik erfahren darf.

Eine einseitige Positionierung zugunsten Israels mag für viele Deutsche menschlich verständlich und nachvollziehbar sein, politisch zu Ende gedacht ist sie nach m.M. nicht.

Eine kritische Äquidistanz nach beiden seiten, so meine Überzeugung, ist die für DE angemessenste Position in diesem Konflikt.

MfG, HPK

Gravatar: Ekkehardt Fritz Beyer

... „Linke sind aus geradezu zwingenden Gründen immer auch antisemitisch. Denn Juden stehen für alles, was Linke verachten oder beneiden und anschließend ausmerzen wollen – darin mit den National-Sozialisten bis ins Mark auf einer Linie.“ ...

Ja mei: Der Begriff „Antisemitismus“ scheint auch unter unserer(?) allseits(?) Heißgeliebten(?) schon deshalb ziemlich dehnbar zu sein, weil er scheinbar auch von ´ihr` so ausgelegt wird, wie sie es der jeweiligen Situation angepasst gerade braucht!

Beispiel „BDS“ https://de.wikipedia.org/wiki/Boycott,_Divestment_and_Sanctions:

... „Den deutschen Parlamentariern werfen die Akademiker vor, nicht in erster Linie Antisemitismus bekämpfen zu wollen. „Wir kommen zu dem Schluss, dass der Anstieg des Antisemitismus eindeutig nicht die Sorge ist, die den (..) Antrag inspiriert hat. Im Gegenteil, dieser Antrag ist von den politischen Interessen (…) der Regierung Israels angetrieben.“ Der Kampf gegen Antisemitismus werde instrumentalisiert, „um die Politik der israelischen Regierung zu schützen, die schwere Menschenrechtsverletzungen verursacht und die Chancen auf Frieden zerstört“!!!
https://taz.de/Bundestagsbeschluss-zu-Israel-Boykott/!5601030/

Wäre die von Wolfgang Gedeon „mit vier weiteren AfDlern“ angeregte Diskussion zum Thema nicht auch darum ´ganz besonders wichtig` gewesen???
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/inland/bds-israel-101.html

Schreiben Sie einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang