100 Jahre Versailler Vertrag oder: Wie die Schuld in die Welt kam

Heute vor 100 Jahren, am 10. Januar 1920, trat der Versailler Vertrag in Kraft und mit ihm Artikel 231, der sogenannte Kriegsschuldparagraph - der gar keiner war.

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Heute vor 100 Jahren, am 10. Januar 1920, trat der Versailler Vertrag in Kraft. Formal beendete er 14 Monate nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 den Ersten Weltkrieg. De facto legt er die Grundlagen für den nächsten Konflikt. Über den Vertrag wurde vieles geschrieben und sehr viel davon betraf den berüchtigten Artikel 231 des Vertrags, den sogenannten Kriegsschuldparagraphen.

Wörtlich hieß es dort: »Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.«

Wohl aus kaum einem internationalen Vertrag erwuchs so viel Unheil, wie aus diesen wenigen Zeilen. In Deutschland wurden sie als moralische Vernichtung interpretiert, als Kriegs-Schuld-Paragraph eben. Deutschland sah sich von nun an in der Rolle des Pariastaates. Ja, es gab auch die Reparationen; Deutschland wurden im Osten wichtige und urdeutsche Gebiete genommen; das Selbstbestimmungsrecht von Deutschen und Österreichern wurde mit Füßen getreten, als man beiden Völkern das Recht verweigerte, zu einem zu werden. Aber erst der Passus, der die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg vor allem den Deutschen aufbürdete, gab dem Vertrag die moralische Note, die ihn zum schließlich tödlichen Gift werden ließ.

Heute ist es üblich geworden, die Schuld für dieses Vergehen, wiederum den Alliierten Verhandlungsführern und den assoziierten Mächten in die Schuhe zu schieben. Sie hätten die Absicht verfolgt, Deutschland moralisch zu verdammen, um es dann umso leichter ausrauben und zerstückeln zu können. Mitunter wird zwischen französischer, britischer und amerikanischer Böswilligkeit noch unterschieden; in anderen Fällen werden sie alle in einen Topf geworfen und als Aggressor gebrandmarkt. Die andere Seite verweist dann auf den Vertrag von Brest-Litowsk, um die Deutschen als im Grunde ebenso aggressiv erscheinen zu lassen. Und an alledem ist etwas richtig.

Doch wie fast immer in solchen Fällen sind die Menschen und ihre Handlungen das Produkt schicksalhafter Verstrickung, könnte man im Rückblick meinen, in Wahrheit trieben die Götter ein Spiel, indem sie die Fehlbarkeit der Sterblichen zeigen. Und gerade das zeigen die wenigen Zeilen des Kriegsschuldparagraphen.

Denn in den wenigen Zeilen findet sich nicht ein einziges Mal das Wort »Schuld«. Es gibt auch keine Überschrift mit dem Titel: Kriegsschuld. Sowohl in der englischen als auch in der deutschen Fassung heißt es responsibility – »Verantwortlichkeit«. Zwar wird nur Deutschland direkt genannt und damit herausgehoben aus dem Verband der Mittelmächte, die den Krieg vier Jahre erfolgreich geführt hat. Aber es wird eben kein Schuldspruch verkündet.

Trotzdem ging Artikel 231 als Kriegsschuldparagraph in die Geschichtsbücher ein und als Kriegsschuldparagraph verseuchte er die Jahre nach dem für Europa so verheerenden Krieg. Denn mit ihm war die Schuld in der Welt.

Das ist paradox: Obwohl die Sieger nicht von Deutschland als Schuldigem sprachen, sprach Deutschland selber von sich als angeblich schuldig. Natürlich fühlte sich in Deutschland so gut wie niemand schuldig am Krieg, schon gar nicht alleine. Und kein Historiker, den man ernst nehmen kann, würde heute die damalige Berliner Regierung oder den Kaiser allein verantwortlich nennen; nicht einmal Fritz Fischer hat das in der nach ihm benannten Kontroverse von Ende der 1950er Jahre getan. Aber 1920 und genaugenommen schon mit dem ersten Moment des Zusammenpralls der deutschen Delegation mit den Siegern in Versailles am 7. Mai 1919 war die Rede von Schuld in aller Munde.

Um das deutlich zu sagen: Nicht wenige auf Seite der Alliierten glaubten damals, die Deutschen wären alleine verantwortlich für den Krieg. Nur ist Verantwortung eben nicht das gleiche wie Schuld. Die moralische Verdammung lastet dem Wort verantwortlich eben nicht an. Aber den Deutschen lag es näher, von einer Kriegsschuld zu sprechen und das mit aller moralisch gemeinten Intensität.

So kam am 10. Januar 1920, mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags, die Schuld in die Welt. Und sie hat, jenseits aller Schuld am Ersten Weltkrieg, Deutschland bis auf den heutigen Tag nicht mehr aus ihren Fängen gelassen.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Manfred von Rheden

Der Einfachheit halber verweise ich auf folgendes Buch: "Sie wollten den Krieg" im Kopp-Verlag von Jim Macgregor
und Wolfgang Effenberger. Es kommt überwiegend ein internationales Autorenteam zu Wort, was um so erstaunlicher ist, welche diese an Ergebnissen aufgetan haben. Sehr lesenswert und erkenntnisreich. Die Schuldigen sitzen ganz woanders.

Gravatar: Jürg Rückert

Russland verzichtete im Vertrag zur Einheit Deutschlands auf die Feindstaatenklausel, nicht so die westlichen Freunde. Das sagt viel.
Wieso ließ Kohl dann das Gebiet der ehemaligen DDR der westlichen Feindstaatenklausel unterwerfen? Hätte hier nicht besser ein "Freistaat Ost" entstehen sollen?

Gravatar: merxdunix

@ sting
Geheimniskrämerei wird idR nicht betrieben, um etwas vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Viel mehr bezweckt sie, das allgemeine Interesse in Richtung der Geheimnisse zu ziehen, etwas Belanglosem Gewicht zu verleihen, und damit vom offensichtlichen Geschehen abzulenken.
Unter diesem Aspekt kann jeder als verbriefter Vollidiot gelten, der zu solchen Treffen wie dem der Bilderberger eingeladen wird, denn er ist nur willfähriges Werkzeug der Desorientierung.

Auch das hier aufgedeckte Redemanuskript dient vom Inhalt her mehr der Verdummung der Zuhörer als das man es ein Strategiepapier nennen könnte. So ist es beispielsweise hirnrissig, Deutschland hilfsweise für den Schuldendienst ärmerer Europäischer Staaten heranzuziehen und es gleichzeitig wirtschaftlich soweit zu schwächen, dass es sich dem Niveau der ärmeren Länder angleicht. Um einiges zweckmäßiger wäre es, Deutschland wirtschaftlich soweit zu stärken, dass es möglichst viele Fremdschulden tragen kann.
Aus der Rede wird aber auch deutlich, dass man von den Teilnehmern nicht die Umsetzung einer Strategie erwartet. Ihre Aufgabe ist es, Akzeptanz unter der Bevölkerung herzustellen, so dass sie Masseneinwanderung und daraus resultierende gesellschaftliche Konflikte duldet.
Diese geheime Rede an die erlauchten Bilderberger bezweckt also nichts anderes als Zersetzung und man muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn man sich etwas darauf einbildet, sich solchen Schwachsinn anhören und unters Volk bringen zu dürfen.

Gravatar: Sting

Putin zitiert Merkel nach Moskau – Das Ende der BRD?
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https://www.watergate.tv/putin-zitiert-merkel-nach-moskau-das-ende-der-brd/
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Offiziell endet der Versailler Vertrag, der nach Ende des Ersten Weltkriegs zwischen den Siegermächten und Deutschland getroffen wurde, am 10. Januar 2020. Am 11. Januar wird Bundeskanzlerin Angela Merkel den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau treffen. Merkel reist auf Einladung Putins nach Moskau. Zufall?
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Mit dem Ende des Versailler Vertrags könnte auch Deutschland und Europa einer Neuordnung unterzogen werden, wenn es denn die Siegermächte – Russland, USA, Großbritannien und Frankreich – wollen. Denn die BRD ist juristisch gesehen nach Meinung zahlreicher Kritiker noch immer ein besetztes Land, ein Protektorat der USA, und Frau Merkel ist die „Statthalterin“ dieser Staatssimulation BRD. Offiziell jedenfalls gibt es keinen Friedensvertrag – weder mit Russland noch mit den USA.
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Die Gespräche in Moskau könnten für Deutschland und Europa interessant werden, sollten die Siegermächte ein Interesse daran haben, Deutschland nach über 100 Jahren wieder in einen souveränen Stand zu versetzen und das BRD-Regime, das unter Angela Merkel den Pfad der Rechtsstaatlichkeit verlassen hat, abzusetzen....ALLES LESEN !!



Kommentar
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EIN FRIEDENSVERTRAG MIT RUSSLAND ist das GEBOT DER STUNDE

und das muss endlich jetzt im Jahr 2020 auf den Weg gebracht werden!! – gemeinsam mit den USA, Großbritannien und Frankreich.

Hierbei sind auch das verlorene Land Deutschlands (an Polen, Tschechien, Russland und Frankreich) einer vernünftigen friedlichen Neuordnung zuzuführen.
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Die Notwendigkeit, dass auch Polen oder Tschechien und die Anderen an diesen Friedensvertragsverhandlungen zu beteiligen wäre, ergibt sich aus der geopolitische Sachlage ohnehin.

Gravatar: Sting

Geheim-Dokument: Die Zerschlagung Deutschlands ist Programm!
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http://www.auswandern.uy/geheim-dokument-die-zerschlagung-deutschlands-ist-programm?fbclid=IwAR25jwVeVf7ryCW4T0DJ2ZWMjTdsQRJJgQG13PiQaqW5xaCTBPq-WJwfEHU
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So wie die Bilderberger lange Zeit im Geheimen getagt haben um über unser Aller Schicksal zu beraten.

Trotz allem geheimen, kam nun doch ein einfaches Blatt Papier zu Vorschein, dicht beschrieben als Manuskript einer Rede die bei einem Bilderbergertreffen gehalten wurde
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>>…dadurch die U.S.A. als direktes Vorbild, weshalb wir die „Vereinigten Staaten von Europa“ real umzusetzen vermögen. Ein regierbares, geeinigtes Europa ist jedoch nicht möglich, wenn das eine Land reich, das andere Land arm ist. Da sich flächendeckender Reichtum und Wohlstand aus den unterschiedlichsten Gründen und Gegebenheiten nicht in jedem europäischen Land entwickeln lassen, und dies auch gar nicht in unserem Interesse liegen kann, ist eine schnellstmögliche Angleichung durch Herabstufung kapitalreicher, wirtschaftsgesunder Länder an ärmere Länder unbedingt anzustreben.
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…Diese Herabstufung werden wir durch Maßnahmen erreichen, indem wir intakte Länder, und hier denke ich in erster Linie an Deutschland, einbinden werden, die Verschuldung anderer Länder zu tragen und deren Defizite auszugleichen.
…Eine fortschreitende Schwächung wäre somit gewährleistet und erhielte (in Anerkennung der Notwendigkeit von Rettungsschirmen) durchaus ihre offizielle Legitimation. Die Wichtigkeit einer Verschuldung Deutschlands – und zwar über Generationen hinaus – muss keiner wirtschaftspolitischen Beurteilung standhalten, sondern als gesellschaftspolitische Notwendigkeit verstanden werden. So ist es auch der Bevölkerung zu vermitteln, denn ansonsten werden wir früher als erwartet auf Widerstand stoßen.
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…Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist zum jetzigen Zeitpunkt (noch) notwendig. Da es den Prozess der notwendigen Schwächung Deutschlands mit unterstützenden Maßnahmen zu beschleunigen gilt, möchten wir zeitgleich die Möglichkeit jedweder Einwanderung anregen und unterstützen. Und zwar massivst.
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…Hier wird es auch in den nächsten Jahren wichtig sein, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die sich uns bieten. Das Land mit Zuwanderung zu fluten, sollte von allen als notwendig verstanden werden.
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Die deutsche Regierung ist aufgefordert, die Umsetzung ihres Auftrags (entsprechend der Vorjahre) auch weiterhin, nach Kräften, zu verfolgen.…Protest und Aufbegehren wird, wenn es denn überhaupt in größerem Maße dazu kommen sollte, nur aus dem rechten Lager erwartet. Diesem wird sich die breite Masse nicht anschließen – das Risiko gesellschaftlicher Ächtung wäre (dank jahrzehntelanger erfolgreicher Erziehungsarbeit) einfach zu hoch.....ALLES LESEN !!

Gravatar: gxc

Victor Davis Hanson zieht den Vertrag von Brest-Litowsk als Begründung für die deutsche Kriegsschuld an WW1 heran, ebenso wie auch das 'sog. Septemberprogramm' - der Makel an diesem Argument ist, dass sie keine Kausalitäten beinhalten können.
Nachgelagerte Ereignisse können nicht, zumindest nicht in diesem Raum-Zeit-Kontinuum, Auslöser/ Verursacher für vorangegangene Events sein.

Gravatar: merxdunix

M. E. bedarf der Artikel einer Konkretisierung. Schuld gab es schon vorher. Mit Versaille ist genau genommen die Verantwortung in die Welt gekommen, also die Bringschuld, wie es hier inhaltlich auch klar wird.
Deutschland hat sich also nicht nur verpflichtet, Kriegsentschädigung zu leisten, sondern diese auch bei sich selbst oder viel mehr seinen Bürgern einzutreiben und dem Begünstigten auszuhändigen.
Der Charakter von Verantwortung liegt ja gerade darin, dass man sie niemandem geben bzw. einseitig aufzwingen kann. Verantwortung beruht darauf, dass sich der Verantwortliche einer ihm zugedachten Pflicht unterwirft und somit aus eigenem Willen heraus eine von ihm anerkannte Schuld abträgt. Anderen Falls müsste der Begünstigte nämlich die Schuld gewaltsam eintreiben.
Verantwortung ist daher im Wesentlichen nichts anderes als Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Gravatar: pol. Hans Emik-Wurst

Der Lexikoneintrag "Versailler Diktat" aus "Der neue Brockhaus" von 1942 befindet sich am unteren Ende meines Artikels. Ich habe zwecks besserer Lesbarkeit einspaltig mit 600 dpi gescannt.

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