»Middletown ist eine sterbende Stadt«, sagt der Nachbar und seufzt. Die Sonne scheint und der Himmel ist blau, das Gras grün. Doch der Nachbar übertreibt. Middletown, Ohio, ist keine sterbende Stadt. Gewiss, die Zeichen des Niedergangs sind nicht zu übersehen; insbesondere die Innenstadt, die wie ausgestorben wirkt, macht einen deprimierenden Eindruck. Doch er übertreibt. Middletown stirbt nicht, sondern befindet sich in einer Krise, aus der die Stadt wieder herausfinden wird. Wir sind schließlich in Amerika.
Middletown, Ohio – das klingt unspektakulär, und so ist es. Rund 48.000 Seelen zählt die Stadt, die zwischen den beiden Metropolen Dayton und Cincinnati (141.000 bzw. 297.000 Einwohner) gelegen ist. Im Grunde handelt es sich um eine typische Stadt einer Metropolregion, die alle Vorzüge vereinen könnte: Anbindung an das große Angebot der beiden Großstädte (Museen, Konzertsäle, Universitäten, …) und kurze Wege in eher einsame, landwirtschaftlich genutzte Gebiete, in denen es sich gut entspannen lässt.
Amerikaner sind in der Regel nicht besonders sentimental, was eine beneidenswerte Stärke ist, die sie dazu befähigt, nach vorne zu blicken und Neues zu schaffen, wenn das Alte untergegangen ist. Amerikaner haben außerdem ihren Alltag vollständig auf das Automobil ausgerichtet: Öffentliche Verkehrsmittel sind außerhalb wirklich großer Metropolen wie Washington oder New York so gut wie unbekannt; in vielen Stadtteilen gibt es nicht einmal Bürgersteige. Aber wozu auch? Es geht niemand zu Fuß. Am Highway, der von Middletown nach Cincinnati führt, hat man in einem Neubau die Kinderklinik untergebracht. Angehörige der kleinen Patienten müssen jetzt das Auto benutzen, um sie zu besuchen. Man hört, dass sie sehr zufrieden sind, weil jetzt eine ausreichende Zahl an Parkplätzen zur Verfügung steht.
Beides zusammen hat zu der Situation geführt, wegen der nun eine leicht depressive Grundstimmung in Middletown herrscht. Denn seitdem die Autobahn an der Stadt entlangführt und dort ein großes Einkaufszentrum mit vielen, vielen Parkplätzen eröffnet hat, ist die Downtown immer weiter entvölkert worden. Alle Geschäfte sind in die Mall am anderen Ende der Stadt gezogen. Einer der seltenen Touristen, der ein Foto macht, wird von einer Passantin angesprochen und keck gefragt, was er denn hier zu errichten gedenke. Natürlich weiß die Passantin, die auf dem Weg zu ihrer Fortbildung ist, dass da erst einmal nichts passieren wird.
Profitiert hat Middletown die längste Zeit von der AK Steel Corporation, die bis 1978 als The American Rolling Mill Corporation (Armco) firmierte. Das Unternehmen war 1899 in Middletown gegründet worden, hat aber seinen Firmenzentrale 1985 aus der Stadt nach New Jersey verlegt. Inzwischen befindet sie sich wieder in Ohio, und zwar ganz in der Nähe, am Rande von Cincinnati. Wie immer, wenn eine Stadt von einem einzigen großen Unternehmen geprägt wird, haben sich auch im Falle Armcos/AK Steels die branchenspezifischen Krisen auf das Wohlergehen der Stadt ausgewirkt.
Dabei macht Middletown insgesamt keinen schlechten Eindruck. Eine Stadt, wie man sie aus Europa kennt, ist sie ohnehin nicht: Keine Silhouette, sondern ein fließender Übergang in weniger dicht besiedelte Gebiete. Es gibt alte Straßenzüge mit Häusern, denen man noch ansieht, dass hier früher die wirtschaftliche Elite gewohnt hat, und neue Viertel, in denen sich die heutigen Wohlhabenden zusammengefunden haben. Dazwischen Gegenden mit unscheinbaren Mittelklassehäusern, außerdem ganz einfache. Auch eine Siedlung mit sehr schlichten Wohncontainern gibt es, in der aber nicht unbedingt die Ärmsten wohnen. Slums sind nicht bekannt in Middletown.
Eine alte Frau, die aus Cincinnati stammt, meint mitfühlend und doch leicht vorwurfsvoll: »Die Stadt ist mit Armco gut gefahren.« Sie will sagen: Es gab gute Zeiten, die die Leute nicht genutzt haben. Jetzt müssen sie die Ärmel hochkrempeln und nach vorn blicken. Diese Frau verkörpert die Einstellung der Menschen aus Ohio: ruhig, nüchtern und nach vorne gewandt.


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