Interview mit dem Lateinamerika-Experten René Fuchslocher

Chile ist in Südamerika eine wahre Oase mit einer stabilen Demokratie

Der Präsident von Chile sagt, dass »Chile inmitten dieses schwierigen Lateinamerikas eine wahre Oase mit einer stabilen Demokratie ist«. Präsident Sebastián Piñera vergleicht Chile mit anderen Ländern der Region und sieht sein Land auf gutem Wege.

Inmitten des von ihm als krampfhaft bezeichneten Panoramas in Lateinamerika betonte Präsident Sebastián Piñera, dass Chile im Vergleich zu anderen Ländern der Region eine wahre Oase sei. Die Freie Welt interviewte dazu den Lateinamerika-Experten René Fuchslocher.

Freie Welt: Herr Fuchslocher, erzählen Sie uns von den jüngsten Äußerungen des chilenischen Präsidenten zur Sachlage in Lateinamerika.

René Fuchslocher: Gerne. In einem Interview einer Fernsehsendung des chilenischen Senders Mega am 8. Oktober erinnerte der Präsident daran, dass sich die Weltwirtschaft in einer schwierigen Zeit mit einem Handelskrieg zwischen China und den Vereinigten Staaten befindet, der »negative Auswirkungen auf unserem Kontinent und die ganze Welt brachte.«

Ich zitiere: »Schauen Sie, was in Lateinamerika, Argentinien und Paraguay in einer Rezession passiert, Mexiko und Brasilien stagnieren, Bolivien und Peru mit einer sehr großen politischen Krise. Kolumbien mit diesem Wiederaufleben der FARC und der Guerillas«, sagte er. Und er fügte dann hinzu: »Inmitten dieses schwierigen Lateinamerikas ist Chile eine wahre Oase mit einer stabilen Demokratie. Das Land wächst, wir schaffen 176.000 Arbeitsplätze pro Jahr, die Löhne verbessern sich.«

In Bezug auf andere Länder in der Region führte er beispielhaft an, dass es in Peru »eine sehr große politische Krise gibt, eine Konfrontation zwischen der Regierung und dem Kongress, in der es keinen Waffenstillstand gibt, eine große politische Krise«. Piñera fügte hinzu, dass »in Ecuador auch eine Reaktion zu verzeichnen war, denn was Präsident Lenin Moreno getan hat, war die Abschaffung von Treibstoffsubventionen. In Ecuador waren Öl, Diesel und Benzin stark subventioniert und hatten eine Wirtschaftskrise, ein Haushaltsdefizit, und mussten daher einige Anpassungen vornehmen, was eine große Reaktion der Bevölkerung bedeutete.«

Der Präsident sagte auch: »Dann sage ich meinen Landsleuten, wir sollten uns keinem brüderlichen Kampf unter uns widmen. Wir haben ein wundervolles Land, und wir müssen uns darum kümmern. Denn das erwarten und wollen alle Chilenen.«

Freie Welt: Was halten Sie von diesen Aussagen von Präsident Piñera?

René Fuchslocher: Im Allgemeinen sind sie richtig. Aber trotz der Fortschritte der letzten Jahrzehnte steht Chile weiterhin vor großen Herausforderungen. Die mittelfristig geplante Haushaltskonsolidierung wird von wesentlicher Bedeutung sein, um die Verschuldung zu stabilisieren und das Vertrauen den Investoren zu festigen. Die Anstrengungen der Regierung zur Rationalisierung des Steuersystems, zur Erleichterung der Arbeitskräftemobilität, zum Abbau von Bürokratie, zur Verbesserung des Rentensystems und zur Stärkung des Finanzsystems werden ebenfalls von entscheidender Bedeutung sein, um das Wachstum aufrechtzuerhalten und das Engagement Chiles gegenüber externen Risiken zu verringern.

Die Förderung von Innovationen, die Verbesserung der Verbindung zwischen Bildung und Arbeitsmarkt sowie die Förderung der Erwerbsbeteiligung von Jugendlichen und Frauen sind ebenfalls unerlässlich, um die langfristigen Perspektiven zu verbessern. In sozialer Hinsicht wird die Verbesserung der Qualität der Gesundheits- und Bildungsdienste und der Abbau der Hindernisse für den Zugang zu einer gezielten Sozialpolitik der Schlüssel zur Verringerung der verbleibenden Armut und zur Konsolidierung der Mittelschicht sein.

Während der Militärregierung wurden die meisten linksgerichteten Terrorzellen abgebaut, einige verbleiben jedoch im zentral-südlichen Teil des Landes (hauptsächlich in der sogenannten Araucanía), vermischt mit einigen Gruppen von Mapuche-Indianern. Anfang dieses Jahres gab der stellvertretende Innenminister Rodrigo Ubilla zu, dass »einige der Brände in der Region, die sich in letzter Zeit ereignet haben, mit dem Problem der Mapuche zusammenhängen«. Sofort stellte der Präsident fest, dass »diejenige die sagen, dass die Araucanía militarisiert wird, wollen der Fortschritt von der Araucanía wirklich nicht. Die überwiegende Mehrheit von der Araucanía will, dass die Araucanía die öffentliche Ordnung wiederherstellt: Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Ruhe. Und dafür ist die Anwesenheit von Polizeibeamten unerlässlich (...). Sie haben ihre Ausrüstung, Technologie und Instrumente erheblich verbessert, um in diesem Kampf gegen Gewalt und Terrorismus voranzukommen.«

Freie Welt: Welche Perspektiven sehen Sie langfristig für Chile im Vergleich zu anderen relevanten Volkswirtschaften in der Region?

René Fuchslocher: Wenn Chile es schafft, ein souveräner Staat zu bleiben und die politisch-wirtschaftlichen Richtlinien einzuhalten, die bisher eingehalten wurden, ist das Szenario vielversprechend.

Zum Beispiel: Der Finanzminister Mexikos, Arturo Herrera, erwiderte während einer Präsentation vor dem Senat, dass Chile nach Prognosen seiner Regierung viermal reicher sein würde als dieses nordamerikanische Land. »Wenn sich die Dinge nicht ändern, wird Chile in den nächsten hundert Jahren viermal reicher sein als Mexiko. Das sind die Unterschiede zwischen einer fortschrittlichen und einer sich entwickelnden Wirtschaft«, sagte er laut der mexikanischen Webseite Milenio.

Es stellt sich heraus, dass beim Vergleich einiger Aspekte die Unterschiede zwischen den beiden Volkswirtschaften schon groß sind. Beispielsweise schätzte der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner letzten Prognose Ende Juli, dass Chile im Jahr 2019 um 3,2% und Mexiko nur um 0,9% wachsen würde. BIP pro Kopf ist ein weiterer Indikator, der einen bemerkenswerten Unterschied zwischen beiden widerspiegelt, da das nordamerikanische Land laut Statistiken der Weltbank (WB) von 2018 ein BIP pro Kopf von 9.698 USD haben würde, während das südamerikanische Land 15.923 USD erreichen würde, einer der höchsten auf dem Kontinent.

Für den ehemaligen stellvertretenden Wirtschaftsminister Chiles, Tomás Flores, wäre eine der Erklärungen für die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen diesen Ländern, dass »im Falle der mexikanischen Wirtschaft mehr als 90% ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit mit den Vereinigten Staaten zu tun haben. Das heißt, seit der Unterzeichnung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens konzentriert die mexikanische Wirtschaft ihre wirtschaftliche Tätigkeit effektiv auf ihren Hauptkunden, die Vereinigten Staaten.« »Auf der anderen Seite» - so fährt Flores fort - »ist die chilenische Wirtschaft viel diversifizierter, wir verkaufen an die Welt, wir verkaufen an die asiatische Zone, nach Europa und ganz Amerika, und das macht uns stärker, wenn es darum geht, nicht alle Eier im selben Korb zu haben.«


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René Fuchslocher wuchs in Osorno auf, wo er auch die Deutsche Schule besuchte. Anschließend studierte er an der Universidad Católica de Chile Jura und machte sein Magister in Steuerecht an der Universidad Adolfo Ibáñez. Seit dreizehn Jahren wohnt er in Puerto Montt, wo er mit seinen Geschäftspartnern die Kanzlei Fuchslocher, Bogdanic & Asociados und die Immobilienentwicklungsfirma Alpina gegründet hat. Dazu ist der 41-Jährige Mitglied in verschiedenen Institutionen der deutsch-chilenischen Gemeinschaft: des Deutschen Vereins zu Puerto Montt, der Corporación de Beneficencia Osorno (Deutsche Klinik in Osorno), des Deutschen Turnvereins zu Llanquihue, der Deutschen Schule zu Puerto Montt sowie Vorstandsmitglied von Agrollanquihue A.G. (Verband der Landwirte der Provinz Llanquihue).

 

 

Sven von Storch

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