Buchbesprechung: Die Visionen von Gilbert Keith Chesterton

Alternativen jenseits von Kapitalismus und Kommunismus_

Drei Morgen Land und eine Kuh. Unter diesem Motto legt Gilbert Keith Chesterton seine ökonomische Vision vom alternativen Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus vor. Eine Buchbesprechung.

Gilbert K. Chesterton: Umriss der Vernunft. Aus dem Englischen von Julian Voth. Mit einem Nachwort von Gunnar Decker. Matthes & Seitz Berlin, 256 S., 24 Euro.

Ausgerechnet den fiktiven islamischen Präsidenten Frankreichs lässt Michel Houellebecq in seiner vielbesprochenen Dystopie „Unterwerfung“ den Distributismus als Wirtschaftsprogramm verkünden. Doch die Wirtschaftslehre, der Mohammed Ben Abbes folgt, ist katholischen Ursprungs. Der Distributismus, der die Produktionsmittel so weit wie möglich dem Einzelnen und der kleinen Gemeinschaft zukommen lassen will, geht auf eine Gruppe von englischen Katholiken zurück.


Ende Januar hat Matthes & Seitz Berlin mit dem „Umriss der Vernunft“ gleichsam die Programmschrift des Distributismus erstmals in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Sie stammt aus der Feder des englischen Erfolgsautors Gilbert Keith Chesterton (1874-1936) – in Deutschland vor allem bekannt für seine „Pater Brown Geschichten“. Gemeinsam mit Hilaire Belloc bildete dieser die Keimzelle jener Wirtschaftsphilosophie mit dem sperrigen Namen, die auf der katholischen Soziallehre beruht.

Der Distributismus versteht sich als „Dritter Weg“, der sich sowohl vom Kapitalismus als auch vom Kommunismus – in den Augen der Distributisten nichts anderes als ein Staatskapitalismus – abhebt. Der Grundgedanke ist die Aufhebung der Trennung zwischen Kapital und Arbeit.

Für Chesterton basiert das kapitalistische System nämlich auf zwei Voraussetzungen. Zum einen darauf, dass die Reichen reich genug bleiben, um Arme zur Arbeit anzustellen, und zum anderen darauf, dass die Armen arm genug bleiben, um sich anstellen zu lassen. Im Kommunismus habe sich dieses Prinzip nicht aufgehoben, es sei lediglich pervertiert worden. Zusammenfassen lässt sich sein ökonomisches Konzept wie folgt: Jeder solle genug Privateigentum besitzen, um für sich arbeiten zu können. Daraus ergibt sich auch Chestertons Gesellschaftsvision, die aus vielen kleinen, untereinander im Handelsaustausch befindlichen Privateigentümern besteht.

Liest man den erstmals vor knapp hundert Jahren erschienen „Umriss der Vernunft“, sind die Parallelen zur Gegenwart verblüffend. Großgeschäfte, anonymisierte Entindividualisierung, banalisierte Massenwaren auf der einen Seite und der Aufruf zur selbstgewählten Abkehr vom Konsumzwang, zum „Small Is Beautiful“ auf der anderen – die Kapitalismuskritik von 1926 klingt nicht viel anders als die von 2020. Doch ganz anders als grüne Verbotsparteien oder apokalyptische Endzeitbewegungen, die statt den Dingen auf den Grund zu gehen allenfalls kosmetische Änderungen anempfehlen, geht es bei Chesterton ums Ganze. Er will keine selbstauferlegte Beschneidung unserer Bedürfnisse als neuaufgelegte Form von Kasteiung und Askese, um Buße für die (Klima-)Sünden des Menschengeschlechts zu leisten und eine erzürnte Gottheit zu besänftigen. Nein, das oberste Gesetz Chestertons ist kein anderes als das menschliche Glück. Und dieses Glück finde der Mensch eben nicht in einer entfremdeten Welt, sondern in der Seligkeit des eigenen Heims und der eigenen Scholle.

Dass Chesterton im Sozialismus die Vollendungsform des Kapitalismus sieht, mag manchem anstößig erscheinen. Schaut man sich allerdings die Großunternehmen an, die wie keine anderen auf Seiten der politischen Linken und des Establishments stehen, während sich das Hamsterrad des gemeinen Angestellten nur schneller und schneller dreht, löst sich das scheinbare Paradoxon schnell auf. Gewiss, dem Angestellten wird es heute sicher besser gehen als unter kommunistischer Knute, aber letztlich bleibt er doch, was er ist: ein Diener und nicht sein eigener Herr.

Dies entspreche, so der Autor, aber keinesfalls der menschlichen Natur und Würde. „The Outline of Sanity“, wie der englische Titel des Buches lautet, ließe sich schließlich auch als „Umriss der (geistigen) Gesundheit“ übersetzen. Und was liegt näher am gesunden Menschenverstand, als dass jeder Einzelne zunächst seinen eigenen Besitz hegt und pflegt, seinen eigenen Haus und Hof bewirtschaftet und mit dem Nachbarn Handel treibt, anstatt von Chinesen zu kaufen und für Amerikaner zu arbeiten?

Wie man es von Chesterton gewohnt ist, liefert er keine trockene Theorie, sondern echten englischen Witz, durch den selbst die Lektüre dieser sozio-ökonomischen Streitschrift vergnüglich wird. Das gilt auch dann, wenn man mit dem Autor nicht an jeder Stelle konform geht. Von diesem frischen Wind könnte vor allem auch der wirtschaftlich konventionell denkende Konservatismus unserer Breitengrade profitieren. Vielleicht ist daher auch der allererste Aufruf, den Chesterton mit diesem Buch heute an uns richtet: Seid frei und denkt!

Gilbert K. Chesterton: Umriss der Vernunft. Aus dem Englischen von Julian Voth. Mit einem Nachwort von Gunnar Decker. Matthes & Seitz Berlin, 256 S., 24 Euro.

Sven von Storch

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