Einer muss den Mächtigen den Spiegel vorhalten

Wir brauchen wieder Hoffnarren

Narrenmund tut Wahrheit kund: In Zeiten der Zensur und Sprechverbote brauchen wir wieder Hofnarren, die mit ihrer Narrenfreiheit den Regierenden und Mächtigen den Spiegel vorhalten, ohne für zur Verantwortung gezogen werden zu können. Ein Kommentar.

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es bei Hofe ein seltsames Amt. Es war das Amt des Hofnarren. Der Narr hatte Narrenfreiheit. In einer Zeit der Inquisition und Sprechverbote durfte er Dinge sagen, die anderen als Majestätsbeleidigung, Ketzerei oder Blasphemie vorgeworfen wären.

Narren umgaben Kaiser, Könige, Fürsten, Bischöfe und Päpste. Sie hielten den Herrschern den Spiegel vor. Sie erinnerten die Regierenden und Mächtigen daran, dass auch diese fehlbar und sterblich seien.

Sie waren sogar bei politischen Entscheidungen mit dabei.

Ein berühmter Hofnarr war Kuony von Stocken. Er war Narr am Hofe des habsburgischen Herzogs Leopold I. Als dieser mit seinen Feldherren einen Feldzug in die Schweiz plante, warnte der Hofnarr: »Ihr geratet wohl, wie ihr wollt in das Land Schwyz hinein kommen, jedoch geratet keiner, wie ihr wieder wollt heraus kommen.«

Die Warnungen des Narren erwiesen sich als prophetisch. Die Habsburger kamen leicht in die Schweiz. Doch dann wurden sie in der Schlacht am Morgarten 1315 von den Schweizern überrascht und vernichtend geschlagen. Nur wenige kamen aus der Schlacht zurück.

Brauchen wir wieder Warner, die die Narrenfreiheit haben, uns vor Fehlern zu warnen? Warner, die den Regierenden den Spiegel vorhalten? Jemand, der frei und offen sprechen kann, ohne in den Ausdrucksformen »politischer Korrektheit« gefangen zu sein?

Vielleicht sollten das Kanzleramt, die Ministerien und der Bundestag ein paar Hofnarren einstellen.

Sven von Storch

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