Was ist gewonnen nach all den Jahren des militärischen Engagements der USA und ihrer Verbündeten? Was hat die Verteidigung des Westens am Hindukusch gebracht? Diese frage stellen sich aktuell immer mehr Beobachter der Lage in aller Welt. Überall, wo sich die Truppen des Westens zurückziehen, nehmen die Taliban den Platz ein. Zumindest fast überall. Es ist nur eine Frage der Zeit, und das ganze Land ist fest in der Hand des Taliban-Führers Hibatullah Achundsada [siehe auch Kommentar im »Fokus«]. Mit ihm kommt das radikal-fundamentalistische Regime zurück. Damit wird das Land dort stehen, wo es vor 2001 stand: Im Mittelalter.
Die radikal-islamischen, sunnitischen Milizen der Taliban überrennen Militärbasen und Polizeistationen. Die Soldaten der Kabuler Zentral-Regierung ergeben sich, liefern den Taliban Waffen und Fahrzeuge und Stützpunkte teils kampflos aus.
Nach den Briten, den Sowjets und nun den USA und ihren Verbündeten mit ihren gescheiterten Versuchen, das Land der Berge und Wüstensteppen zu kontrollieren, stellt sich nun die frustrierende Erkenntnis durch: Afghanistan ist nicht regierbar. Weder eine Zentralregierung in Kabul geschweige eine ausländische Macht kann das Land beherrschen. Das Land wird von Warlords und Stammespatriarchen regiert. Wie schon immer. Jede Region geht ihren eigenen Weg. Denn die Stämme und Bevölkerungsgruppen sind ohnehin völlig unterschiedlich und autark.
International wird Afghanistan wenige zu bieten haben, außer Mohnblumen und Heroin. Afghanistan wird wohl auch weiterhin der weltweit größte Lieferant für harte Drogen sein, deren Zutaten in unzugänglichen Gebirgstälern angebaut werden.
Die deutsche Bilanz ist ernüchternd: 59 tote deutsche Soldaten, 12 Milliarden Euro Steuergeld verbrannt.
Für viele Frauen in Afghanistan beginnt jetzt wieder eine Zeit der Angst. Kleinste Vergehen können dazu führen, öffentlich ausgepeitscht, verbrannt oder bei lebendigem Leib die Haut abgezogen zu bekommen. Mädchen verlieren in vielen Provinzen wieder das Recht, in die Schule gehen zu dürfen. Kein Land auf der Welt ist so rückständig wie Afghanistan.
Die Rest-Armee der Regierung in Kabul hat geschworen, das Land weiter gegen die Taliban zu verteidigen. Doch die Überläufer der letzten Monate und Wochen lassen die Hoffnung auf einen Erfolg schwinden.


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