Kaukasus am Wendepunkt: Frieden, Frontlinien und geopolitische Spannungen

Warum kann die Lage in Aserbaidschan und Armenien den Krieg in der Ukraine beeinflussen_

Die Region des Südkaukasus – Armenien, Aserbaidschan und Georgien – steht erneut im Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Zwischen einer möglichen Annäherung an den Westen, dem wachsenden Einfluss der Türkei und einem fragilen Gleichgewicht mit Russland könnte die Region vor einem historischen Wendepunkt stehen.

Die Region des Südkaukasus – Armenien, Aserbaidschan und Georgien – steht erneut im Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Zwischen einer möglichen Annäherung an den Westen, dem wachsenden Einfluss der Türkei und einem fragilen Gleichgewicht mit Russland könnte die Region vor einem historischen Wendepunkt stehen. Der mögliche Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan sowie die Rolle externer Akteure wie der EU, NATO, Türkei, Großbritannien und der USA machen die Lage besonders brisant – und zeigen, warum selbst ein Akteur wie Donald Trump den größeren Konflikt mit Russland nicht einfach lösen könnte.

Friedensprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan

Am 10. Juli 2025 treffen sich die Präsidenten Nikol Paschinjan (Armenien) und Ilham Alijew (Aserbaidschan) in Abu Dhabi, um über eine endgültige Friedensvereinbarung zu verhandeln. Der Entwurf des Vertrags, der bereits im März ausgearbeitet wurde, umfasst zentrale Punkte:  

- Änderung der armenischen Verfassung zur Anerkennung der territorialen Integrität Aserbaidschans,  

- Öffnung eines Korridors zwischen Aserbaidschan und seiner Exklave Nachitschewan,  

- Rückzug der zivilen EU-Mission (EUMA) nach Vertragsunterzeichnung.  

Ein erfolgreicher Abschluss könnte jahrzehntelange Spannungen entschärfen. Doch die Vielzahl an Interessen – regional und international – birgt Risiken: Ein Ungleichgewicht könnte neue Konflikte schüren.

EU-Mission in Armenien (EUMA)

Seit Februar 2023 ist die zivile EU-Mission in Armenien (EUMA) aktiv, um die Lage an der Grenze zu Aserbaidschan zu beobachten und zu stabilisieren. Mit mehreren Beobachtungspunkten und einem Budget von über 44 Millionen Euro (verlängert bis 2027) betont die EU ihren neutralen Ansatz.  

- Kritik aus Baku: Aserbaidschan sieht die Mission als pro-armenisch und fordert ihren Rückzug nach einem Friedensabkommen. Präsident Alijew warf der EU vor, die Mission politisch zu instrumentalisieren.  

- Mögliche Folgen: Einschränkungen für europäische Beobachter oder Verzögerungen bei Projekten wie dem Mittelkaukasischen Korridor könnten die Spannungen erhöhen.  

Aserbaidschan stärkt derweil seine militärische Zusammenarbeit mit der Türkei und Israel – ein Zeichen für die komplexe regionale Dynamik.

NATO: Präsenz und Zurückhaltung

Die NATO ist seit 1994 über das Programm Partnership for Peace (PfP) mit Aserbaidschan verbunden, bleibt im Südkaukasus jedoch zurückhaltend. Gründe dafür sind:  

- Druck von Russland, Iran und China,  

- geopolitische Prioritäten wie die Ukraine oder der Nahe Osten.  

In Armenien wächst jedoch das Interesse, sich vom russlandgeführten CSTO zu lösen und dem Westen, inklusive der NATO, anzunähern. Diese Entwicklung könnte die regionale Machtbalance nachhaltig verändern.

EU-Annäherung Armeniens

Im April 2025 verabschiedete das armenische Parlament den EU Integration Act – kein Beitrittsantrag, sondern ein Rahmen für engere Zusammenarbeit mit der EU. Konkrete Schritte folgten:  

- 10 Millionen Euro über die European Peace Facility für Ausbildung und Ausrüstung der armenischen Sicherheitskräfte,  

- Ausbau wirtschaftlicher Kooperation, etwa in Infrastruktur und Handel.  

Dieser Kurswechsel zeigt Armeniens Bestreben, sich vom russischen Einfluss zu emanzipieren – ein Schritt, der Moskau alarmiert.

Die Türkei, der Zangezur-Korridor und neue Verkehrsachsen

Seit dem Bergkarabach-Krieg 2020 drängt Aserbaidschan auf den Zangezur-Korridor durch die armenische Provinz Sjunik, um eine direkte Verbindung nach Nachitschewan zu schaffen.  

- Türkei’s Rolle: Ankara unterstützt dieses Vorhaben, da es eine strategische Landverbindung zur türkischen und zentralasiatischen Welt eröffnen würde.  

- EU-Position: Die EU befürwortet eine Grenzöffnung zwischen Armenien und der Türkei, lehnt aber militärische oder extraterritoriale Lösungen ab. Der Korridor müsse unter armenischer Souveränität bleiben.  

Im Mai 2025 stimmte das armenische Parlament für Gespräche zur Grenzöffnung mit der Türkei – ein historischer Schritt, den Ankara jedoch an Fortschritte im Friedensprozess knüpft.

Großbritannien und die USA: Stille Akteure mit Gewicht

- Großbritannien: Als wichtiger Partner Aserbaidschans im Energiesektor (u.a. durch BP) und mit wachsendem diplomatischen Engagement im Rahmen der *Global Britain-Strategie bleibt London wirtschaftlich aktiv, aber sicherheitspolitisch vorsichtig.  

- USA: Für Washington ist der Südkaukasus ein strategischer Knotenpunkt. Die USA setzen auf soft power – Reformen, Zivilgesellschaft, Bildung – und beobachten die EU-Mission wohlwollend. Bei Instabilität könnten sie jedoch militärische Unterstützung ausbauen oder sicherheitspolitische Allianzen mit Armenien vertiefen.  

Beide Länder verschieben das Machtgefüge weg von Russland hin zu einer multipolaren Ordnung – ein Prozess, der nicht ohne Risiken ist.

Neue Chancen oder neue Konflikte?

Die kommenden Wochen könnten den Südkaukasus nachhaltig prägen. Ein Friedensvertrag zwischen Armenien und Aserbaidschan bietet die Chance auf Stabilität, doch die Interessen der vielen Akteure – von der EU und NATO über die Türkei bis hin zu Großbritannien und den USA – machen die Lage fragil. Russland, dessen Einfluss schwindet, betrachtet die Entwicklung mit Sorge und sieht in der EU-Mission ein „trojanisches Pferd“ des Westens.  

Die westliche Militärhilfe für Armenien könnte der Beginn einer sicherheitspolitischen Neuordnung sein. Doch warum kann selbst ein Akteur wie Donald Trump den größeren Konflikt mit Russland nicht einfach beenden? Weil der Südkaukasus ein Schachbrett ist, auf dem zu viele Spieler mit unterschiedlichen Zielen agieren. Wie wird sich die Region entwickeln – und welche Rolle spielen wir dabei?

Sven von Storch

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