Spielt die Zeit Madrid oder Barcelona in die Hände? Das ist die Frage, auf die es ankommt. Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont glaubt, dass die Zeit auf seiner Seite ist. Deshalb hat er die von den Medien und der Bevölkerung erwartetete Ankündigung der Unabhängigkeit Kataloniens vertagt. Sie solle kommen, aber erst in einigen Wochen. Bis dahin hoffe er auf einen Dialog mit Madrid. Es gibt aber auch lokale Stimmen, die darauf hindeuten, dass es Uneinigkeit unter seinen Anhängern über den Kurs und den Zeitpunkt der Unabhängigkeitserklärung gibt.
Die Separatisten, also die Befürworter der Abspaltung Kataloniens von Spanien, sind enttäuscht von seiner Ansprache. Sie haben sich den großen "Befreiungsschlag" erhofft. Die Unionisten, also die Befürworter der Einheit Spaniens, sind erleichtert. Nun gibt es die Chance, dass das Ruder noch herumgerissen wird.
Auf beiden Seiten hatten sich in den letzten Wochen die Anhänger zu Massenkundgebungen getroffen. Es waren jeweils Hunderttausende auf den Straßen Barcelonas erschienen. Während die Separatisten seit Monaten und Jahren auf eine Abspaltung hinarbeiten und immer wieder Massendemonstrationen organisierten und überzählig zum Referendum erschienen waren, sind die Unionisten erst spät aufgewacht. Jetzt jedoch sind sie zahlreich auf den Beinen. Sie haben erkannt, dass es ein Fehler war, dem Referendum fern zu bleiben, weil die Abstimmung nun als mehrheitliche Befürwortung der Separation gedeutet wird, obwohl weit weniger als die Hälfte der Stimmberechtigten erschienen waren.


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