»Steigt der Druck auf die Krim, steigt auch das nukleare Risiko.« Das ist die Einschätzung des Experten Frank Sauer von der Bundeswehr-Universität in München in einem Interview mit der »Welt«. Es sei falsch zu behaupten, die Drohungen von Wladimir Putin und Dmitri Medwedew seien nur Bluff. Russland nutze die atomare Abschreckung nicht nur zur Verteidigung, sondern auch zu Absicherung der Eroberungspolitik.
Die Gefahr eines Atomkrieges sei also nicht vom Tisch. Frank Sauer erklärt:
»Das Thema ist unangenehm präsent. Das Problem bei der Abschreckung ist, dass man sie nie betreiben kann, ohne selbst dabei in Angst und Schrecken versetzt zu sein. Abschreckung ist keine Einbahnstraße. Man schreckt das Gegenüber ab, aber man ist auch selbst abgeschreckt vom Gegenüber. Aus diesem Dilemma kommt man nur über Rüstungskontrolle, vertrauensbildende Maßnahmen und die Reduzierung der Arsenale heraus – und auch dann nie gänzlich. Aber man kann damit wenigstens die Angst einhegen.«
»Wir leben nun mal im Nuklearzeitalter, in einem Zeitalter der dauerhaften Angst vor der totalen Vernichtung. Die vergangenen 20, 30 Jahre war die nukleare Bedrohung zumindest außerhalb von Fachkreisen und hier in Europa nicht sonderlich präsent. Im Zuge dieses Krieges erleben wir jetzt, wie es sich anfühlt, wenn sich Bedrohung und Angst vollumfänglich manifestieren. Oft hört man Vergleiche zur Kubakrise. Der Vergleich hinkt stark, glaube ich, aber er ist nicht gänzlich fernliegend. Wir befinden uns also in einer historisch außergewöhnlichen und auch einer durchaus gefährlichen Phase, in der die Existenz von Nuklearwaffen plötzlich wieder jedem und jeder vor Augen steht.«
Anmerkungen wie jene von Putin, die Existenz Russlands stünde auf dem Spiel, seien als Signal zu verstehen, erklärt Sauer. Es seit Teil der nuklearen Grammatik. Die nukleare Option werde auf diese Weise angedeutet.
Weil Russland sehr hohe Verluste im Ukraine-Krieg habe, bestehe die Gefahr, dass sich Moskau zunehmend auf die nukleare Option stützen werde.


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