Während Europa sich auf die Folgen der Russland-Sanktionen mit ihren Energie-Embargos vorbereitet und Hunderte von Milliarden Euro ausgibt, um die wirtschaftlichen Schäden aufzufangen, während Experten, Politiker und Bürger sich vor einer Eskalation des Krieges fürchten und vor einem Atomkrieg warnen, schlägt Großbritannien der Friedenschance die Tür zu: Das neue Kriegsziel heiße nun, die Russen komplett aus der ganzen Ukraine zu vertreiben — und damit auch aus dem Donbass von der Krim [siehe Berichte »Stern«, »Welt«]. Dafür müsste alle Formen schwerer Waffen an die Ukraine geliefert werden, erklärte die britische Außenministerin Liz Truss.
Die britische Außenministerin sprach auch von der Rückkehr der Geopolitik — als wenn die USA, China oder Russland das Denken in diesen Kategorien jemals aufgegeben hätten. Klar ist, dass nach geopolitischem Denken (siehe Abhandlungen des ehemaligen US-Präsidentenberaters Zbigniew Brzezinski) die Ukraine der Dreh- und Angelpunkt für die Frage ist, ob Russland Regionalmacht oder Weltmacht ist. Die Russen wissen das. Die Briten wissen das. Die Amerikaner wissen das. Das bedeutet: Alle meinen zu wissen, dass man in diesem Krieg nicht nachgeben dürfe.
Die Ukraine wird also umso mehr und länger der Stellvertreter-Kriegsschauplatz in Europa sein. Es besteht die Gefahr eines dauerhaften Abnutzungskrieges, der jederzeit eskalieren und in einem atomaren Schlagabtausch enden kann.
Wie schon Ex-Brigadegeneral Dr. Erich Vad erklärte: »Wir müssen möglichst schnell aus dem Konflikt raus. Wir können in Zentraleuropa keinen Stellvertreterkrieg auf Jahre gebrauchen, der das Potential hat, zu einem Nuklearkrieg zu eskalieren. Weil: Russland ist nicht Serbien, ist nicht Irak, ist nicht Afghanistan, ist nicht Libyen. Russland ist eine Nuklearmacht mit den meisten Nuklearwaffen weltweit. Das ist ein Unterschied. Und da müssen wir vorsichtig sein mit Waffenlieferungen. Und vor allen Dingen mit unserer Kriegsrhetorik. Und vor allen Dingen mit einer Rhetorik, die sagt: ›Wir setzen auf den militärischen Sieg einer Seite‹. Das ist ein Fehler. Vom Ansatz her ist das ein Fehler.«


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