Die prekäre Situation Argentiniens bietet das Panorama, vor dem sich die Geschichte Bergolgios entfaltet. In einem Vorort von Buenos Aires wurde er 1936 als fünftes Kind in die Familie eines Buchhalters geboren.
Schwer von der Rezession der 30er Jahre getroffen, durchlebte das Land gerade einen Wirtschaftsrückgang ohnegleichen. Ein drastischer Abstieg eines Landes begann, das vor dem Ersten Weltkrieg als eines der acht reichsten Länder der Welt gegolten hatte. Juan Domingo Perón gelangte in dieser Zeit als Präsident an die Spitze Argentiniens. Dessen Regierungsstil soll den jungen Bergoglio stark beeindruckt haben, erklärt Colonna.
"Peróns Geheimnis war es, die Klagen einer neureichen Gesellschaft auszunutzen, die plötzlich ihre "Bonanza" verloren hatte. Er stellte gegen die Plutokratie auf die Seite des kleinen Mannes – einer Klasse, zu der Bergoglios Familie zweifellos gehörte – die für lange Zeit ausgebeutet worden war. Er benutzte eine nationalistische und Anti-Ausländer Rhetorik, die Argentinien als Opfer darstellte, als ob das Land sich nicht selbst seit einer Generation durch einen massiven Export bereichert hätte."
Zynischer Opportunismus sollte die auffallendste Charaktereigenschaft Peróns werden. Er verstand es, einmal rechte und dann eben linke politische Kräfte zu seinen Zwecken auszunutzen. Obwohl anfangs argentinischer Vorzeigekatholik entwickelte sich Perón bis 1950 zum Gegenspieler der katholischen Kirche und regierte eines der "anti-klerikalsten Regimes der Welt."
Bergoglio entschied sich mit 22 Jahren Jesuit zu werden und trat 1958 in das Ordensnoviziat ein. 1969 wurde er zum Priester geweiht.
"Die Jahre nach 1963 waren eine Zeit, in der eine Welle des Politisierung die Jesuiten überspülte, in Argentinien wie auch im Rest der Welt, und die bestimmende Linie war eine linksgerichtete Politik", beschreibt Colonna. Bergoglios Ergebenheit galt hingegen dem "rechts-gerichteten Peronismus".
1971 wurde er Novizenmeister der argentinischen Provinz; gleichzeitig unterstütze er die "Guardia de Hierro" ("Eiserne Garde"), die an der Rückkehr Peróns aus dem Exil arbeitete. Das argentinische Militär hatte ihn 1955 gestürzt und in die Verbannung geschickt.
Relativ jung und unerfahren war Bergoglio 1973, als ihm das Amt des Novizenmeisters – eine Position, die normalerweise ein erfahrenes Ordensmitglied übernimmt- anvertraut wurde, nämlich erst 36 Jahre. Man erhoffte sich von ihm, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil krisengeschüttelte Provinz wieder auf die Beine zu stellen. Eine Aufgabe, die ihm nach Colonna durchaus gelang.
Strikte Ablehnung der marxistischen Schule soll seine zentrale Strategie gewesen sein, die in Lateinamerika in große Teile der Gesellschaft Jesu eingedrungen war. Als "Mann des Volkes" stellte er sich gegen die "Befreiungstheologie", eine Bewegung von "Intellektuellen" aus den höheren Schichten und damit auch gegen die extreme Linke.
"Obwohl er sich noch nicht explizit mit der "Theologie des Volkes" identifiziert hatte, die in direkter Konkurrenz zur marxistischen Schule stand, ließ ihn sein Instinkt der populistischen Linie des Peronismus folgen, der (Zynismus seines Urhebers hin oder her) eher in Berührung mit der echten Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht stand."
Bezeichnend war seine Art des Umgangs mit der angeschlagenen Universität von Salvador: Er übergab sie einigen seiner Mitarbeiter aus der peronistischen "Guardia de Hierro". So hatte die jesuitische Provinz eine Last weniger und Bergoglios Verbündete gewannen an Einfluß.
"Eine häufige Anklage gegen Pater Bergoglio bestand darin, dass er als Provinzial eine spaltende Rolle spielte", kommentiert Colonna.
Ähnliche Strategien kennzeicheten seine Zeit als Erzbischof von Buenos Aires. Perón galt auch hier als Vorbild, erklärt Colonna: "Perón als Präsident übte keine Zurückhaltung, wenn es darum ging, zur Machtentfaltung von der Rechten zur Linken zu wechseln."
"Der damals amtierende Papst Johanes Paul II. war in schlechter gesundheitlicher Verfassung. Man ging allgemein davon aus, dass sein Nachfolger liberal sein würde. Ob Bergoglio sich selbst als Mitbewerber auf dieses Amt verstand, nachdem er 2001 zum Kardinal kreiert worden war, bleibt Spekulation – ein Papst aus Lateinamerika schien zu weit her geholt. Aber auf der Siegerseite zu stehen, könnte ja nur von Vorteil sein."
Auf die Siegerseite brachte ihn dann die Bischofssynode von 2001 in Rom, weil er seinem spüteren Förderer Kardinal Marini begegnete, dem Erzbischof von Mailand, einem "der eindrucksvollsten Repräsentanten des liberalen Flügels der Kirche, der jede Chance hatte, der nächste Papst zu werden." Nur sein fortgeschrittenes Alter stand Martini auf dem Weg zum Papstthron im Weg, sodass er sich stattdessen Bergolgio als Protégé auserkor.
Als Verlierer im Konklave 2005 fühlte sich Bergoglio "um das Papstamt betrogen". Die Ursache seiner Nicht-Wahl sieht Colonna in einem Beginn des Jahres 2005 veröffentlichen Dossier, in dem Bergoglio beschuldigt wurde, Priester in Argentinien an das Diktator-Regime seines Landes verraten zu haben. Die wahlberechtigten Kardinäle hatten davon Kenntnis.
Das Jahr 2005 soll aber auch das Jahr gewesen sein, in dem Bergoglios Einfluss in Argentinien den Höchststand erreichte.
"Er hatte sich als der Gegner des rechten Flügels der Kirche positioniert und eine ganz liberale Einstellung eingenommen, zum Entsetzen jener, die ihn zunächst als Verfechter der katholischen Werte verstanden hatten. Seine Methode war, Deklarationen zu veröffentlichen, die Rom von seiner Rechtgläubigkeit überzeugten, während er jedoch jede wirkliche Opposition gegen Präsident Kirchners anti-katholisches Programm vermied."
Als 2010 die homosexuelle "Heirat" in Argentinien eingeführt wurde, rief Kardinal Bergoglio einige Ordensfrauen zwar brieflich mit strengen Worten auf die christliche Lehre hin, gleichzeitig aber nahm er jeglicher wirksamen Opposition katholischer Aktivisten, die sich gegen diese neue Rechtsprechung stellten, den Wind aus den Segeln.
"Die verratene Kirche" ("La Iglesia Traicionada") war der Titel eines im selben Jahr veröffentlichten Buches des katholischen Schriftstellers Antonio Caponnetti. Als "einen peinlichen Ghandi-Stil des Lehramtes" kritisiert er darin das Pontifikat, voll von geheuchelter Bescheidenheit und Gewaltlosigkeit, während Bergoligo aber "verwirrt" und autoritär die ihm anvertraute Herde "hemmt" und und zu einer Gruppe von notgedrungenen Mitläufern macht.
Der "peronistische Papst" ging 2013 aus einer der "panischsten Papstwahlen" hervor, indem er als Kandidat einer Reihe von Hintermännern als "Erlöser der Armen" präsentiert wurde. Bergolgio hat sich damit auf die siegende Seite geschlagen.


Add new comment