Armeegeneral Waleri Gerassimow ist ein wichtiger Militär in Russland. International wird sein Name »Valery Gerasimov« wiedergegeben. Seit November 2012 ist er Chef des Generalstabes der Streitkräfte der Russischen Föderation. Er ist offiziell erster Stellvertreter des Verteidigungsministers und Mitglied des Sicherheitsrates der Russischen Föderation.
Im Westen geht ein Gerücht um: Eine Doktrin, die seinen Namen trägt, soll eine geostrategische Anleitung sein, um den Westen subversiv politisch, psychologisch, propagandistisch und militärisch zu schwächen. Es handele sich um eine erweiterte Form der Kriegführung. Der Begriff »Gerassimow-Doktrin« oder international »Gerasimov Doctrine« hat sich inzwischen verselbständigt.
Die angebliche Existenz dieser Doktrin hat sich als Schlagwort, als »Mem« verselbständigt. Es passt in die Hysterie des Westens und insbesondere der USA, hinter allen Entwicklungen die heimliche Einmischung Russlands zu sehen. Wir kennen das aus dem US-Wahlkampf, bei dem die Demokraten wie Hillary Clinton erklärten, Russland sei für den Sieg Donald Trumps 2016 verantwortlich zu machen. Auch in Deutschland wird überall die Machenschaft Russlands vermutet. Wladimir Putin wolle die Demokratie untergrabenen und so weiter. Selbst für den Brexit wurde Russland verantwortlich gemacht.
Eine »Gerassimow-Doktrin« gibt es nicht
Was die angebliche Gerassimow-Doktrin angeht, so war es ein Begriff, den der Autor und Übersetzer Mark Galeotti erfunden und verwendet hat. Er erfand diesen Ausdruck, als er über eine berühmt-berüchtigte Rede von Waleri Gerassimow aus dem Jahr 2013 schrieb. Dem Artikel gab er den Titel »The ›Gerasimov Doctrine‹ and Russian Non-Linear War«. Doch eine wirkliche Doktrin habe es nie gegeben. Die Überschrift war zu reißend, so dass sie falsche Assoziationen weckte.
Heute bereut Mark Galeotti diese Überschrift. Er hätte es nicht so schreiben sollen, gibt er zu. Es sei ein Fehler gewesen. Er habe westlichen Politikern neue Argumentationen an die Hand zu geben, hinter Allem den "bösen Russen" zu suchen und Russland für Alles verantwortlich zu machen.
Im »Berlin Policy Journal« schreibt Mark Galeotti:
»Gerasimov ist ein ausgezeichneter Panzerkommandant und ein zäher und kompetenter Manager des russischen Oberkommandos. Aber seine Karriere hat keinen Beweis dafür erbracht, dass er ein bahnbrechender Militärtheoretiker ist – oder sich auch nur für die Kriegsforschung interessiert. Er hat diese berühmte Rede wahrscheinlich nicht einmal selbst geschrieben. Auch ist das, was die Leute behaupten, keine ›Doktrin‹ im russischen Sinne zu sehen, die eine grundlegende Vorstellung von den Kriegen ist, die Russland zu führen erwartet und wie es zu gewinnen plant, und alles von den zu kaufenden Waffen bis zur Rekrutierung von Soldaten bestimmt.«
Nach Mark Galeotti gibt es zwar russische Propaganda, Geheimdienstaktivitäten, Geostrategien und so weiter, aber nichts, dass sich im Ausmaß von denen anderer bedeutender Staaten wie China oder den USA abheben würde. Es gebe auf jeden Fall keine klare Doktrin.
Geleotti schreibt:
»Genauer gesagt ist Moskaus Ansatz opportunistisch, fragmentiert und oft widersprüchlich. Der Kreml hat eine breite Vision, aber die meisten seiner Einmischungen in den Westen werden von den Interessen und Vorstellungen einzelner Akteure und Agenten getrieben. Wenn wir Putins ›politischen Krieg‹ wirklich widerstehen wollen, müssen wir die Schwächen angehen, die sie in Europa ausnutzen, und nicht nach einem finsteren Großplan in Moskau suchen.«


Add new comment