Das Reich der Mitte wird immer eintöniger

Die KPCh zerstört die kulturelle Vielfalt Chinas

Nach außen wird die kulturelle Vielfalt Chinas zelebriert. Doch das ist nur Fassade. Im Hintergrund wird alles auf Gleichklang gestimmt. China wird zur Monokultur.

China als geographischer und kultureller Begriff umfasst eine Vielzahl von Sprachen und einen mannigfaltigen Kulturkreis. Das Kaiserreich der Qing-Dynastie (1616-1912) umfasste einen bunten Strauß von Völkern, Kulturen und Sprachen. Da gibt es auch viele Sprachen, die dem Chinesischen ferne stehen, wie Tibetisch, Mongolisch, Madschurisch oder Uigurisch. Aber auch Sprachen, die nicht zum Mandarin gehören, aber dennoch als chinesische Sprachen angesehen werden, wie Kantonesisch (Yue), Wu, Min, Gan, Jin, Xiang usw. Eigentlich sind es eigenständige Sprachen, die nur eine sehr ferne Verwandschaft mit dem Mandarin haben, aber trotzdem werden sie zum Chinesischen gezählt, weil sie dieselben Schriftzeichen verwenden.

Doch selbst innerhalb des Mandarin-Chinesisch mit seinen über 800 Millionen Sprechern gibt es so viele Dialekte, die so unterschiedlich sind, dass man, linguistisch gesehen, von eigenen Sprachen sprechen müsste. Sie liegen soweit auseinander wie Portugiesisch und Rumänisch.

Heute wachsen die meisten Menschen in der Volksrepublik China zweisprachig auf: ihre Heimatsprache/Muttersprache, die sie zu Hause lernen, und Mandarin, das sie in der Schule lernen und in den Medien hören.

Während unter den Kaisern der Qing-Dynastie alle Sprachen und Dialekte koexistierten und das Mandarin Pekings auf selbige Region und auf die Beamten des Staates beschränkt war, wollte die Kommunistische Partei Chinas von Anfang an eine Sprache für Alle schaffen. Das wurde mit dem Programm der Alphabetisierung begründet, denn die Schriftzeichen wurden vereinfacht — die alten, komplizierteren werden noch in Hongkong, Taiwan und Macao benutzt. Und dann sollte die Ideologie von Mao Zedong verbreitet werden.

Das Bemühen, aus allen Einwohnern Chinas Mandarin-Sprecher zu machen, wird bis heute fortgesetzt. Durch das Internet kommunizieren immer mehr Chinesen auf Mandarin miteinander. Durch Studium und Beruf sind immer mehr Chinesen darauf angewiesen, in andere Städte und Provinzen zu ziehen. Dadurch greifen sie immer häufiger auf ihr in der Schule gelerntes Mandarin zurück.

Besonders den Nicht-Han-Chinesen, wie den Tibetern, Uiguren, Mongolen und so weiter fällt es schwer, ihr Leben Schritt für Schritt auf Mandarin umzustellen. Mittlerweile sind mehr Han-Chinesen in der tibetischen Verwaltung beschäftigt als echte Tibeter. Die Sprache der Verwaltung ist Mandarin. Das gleiche Bild in der Inneren Mongolei und Xiangjiang.

Für Aufsehen erregte die Forderung der Kommunistischen Partei Chinas, dass in Tibet auch die religiösen Zeremonien der buddhistischen Mönche auf Mandarin abgehalten werden sollen. Seit Jahrtausenden wurde dies immer auf Tibetisch gemacht. Ein Sakrileg, das die Tibeter in ihrer religiösen Seele trifft.

Für die Muslime in China, wie die Uiguren, sieht es ebenfalls bitter aus. Der Qur'an bzw. Koran wird in der Moschee normalerweise immer auf Arabisch zitiert und dann in der jeweiligen Muttersprache (in diesem Falle Uigurisch) kommentiert oder interpretiert. Nun wollen die chinesischen Behörden der KPCh, dass alles auf Mandarin stattfinden soll. Der Grund ist natürlich klar: Es geht um Kontrolle.

Es geht aber auch um Vereinheitlichung. Der KPCh schwebt eine möglichst einheitliche chinesische Nation vor, mit einer Hauptsprache (Mandarin), einer Hauptlehre (Kommunismus chinesischer Prägung wie die Partei es vorgibt) und gemeinsamen Zielen (die ebenfalls von der KPCh definiert werden).

Damit ist das gegenwärtige Regime der Totengräber der kulturellen Vielfalt Ostasiens. Wie schon zur Zeit der Kulturrevolution, als tausende Kloster und Einrichtungen der unterschiedlichen Religion und Lehren (Buddha, Konfuzius, Laoze) zerstört wurden, so wird heute auch vieles zerstört, nur auf subtilere Art und Weise. Die kulturelle, religiöse und sprachliche Vielfalt Chinas wird wie ein Disneyland künstlich präpariert und als Folklore à la Oktoberfest dargestellt. Doch das Denken, Fühlen und Sprechen soll vereinheitlicht werden. Die Massenmedien tragen ihren Teil dazu bei.

Es erinnert an die Russifizierungskampagnen ethnischer Minderheiten unter Stalin. Natürlich weniger brachial und brutal, aber genauso effizient. Die Uiguren werden beispielsweise zu Millionen in Umerziehungslager gesperrt. Und selbst die christliche Kirche in China darf nur unter der Ägide der KPCh schalten und walten. Alles muss kontrolliert werden.

Kulturell wird China immer ärmer. Die KPCh trägt die kulturelle Vielfalt zu Grabe: Schade um den kulturellen Reichtum im Reich der Mitte. Nur eines darf vielfältig bleiben: die Küche. Daher identifizieren sich immer mehr Chinesen mit dem Essen ihrer jeweiligen Heimat. Es ist die einzige Vielfalt, die man ihnen lässt.

Sven von Storch

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