Eine ideologische Vision mit explosiven geopolitischen Folgen

Das "Projekt Groß-Israel" von Benjamin Netanjahu

In Teilen Israels gibt es eine offen diskutierte Strömung zur Idee eines "Groß-Israel", die sich auf biblische Verheißungen zum "Gelobten Land" vom Nil bis zum Euphrat beruft. Der israelische Finanz- und Siedlungsminister Bezalel Smotrich spricht offen von einer "schrittweisen Expansion bis Damaskus" und fordert die Annexion großer Teile des Westjordanlands.

Benjamin Netanjahu


Die biblischen und revisionistische zionistischen Wurzeln der Idee

Der revisionistische Zionismus ist eine Strömung innerhalb der zionistischen Bewegung, die in den 1920er Jahren von Wladimir Zeev Jabotinsky gegründet wurde. Jabotinsky sah sich als wahrer Nachfolger Theodor Herzls und forderte eine "Revision" der damals dominierenden, eher pragmatischen und sozialistisch geprägten zionistischen Politik unter Chaim Weizmann und David Ben-Gurion. 

Kernziele waren die Errichtung eines jüdischen Staates mit klarer jüdischer Mehrheit auf beiden Seiten des Jordan (einschließlich des heutigen Jordaniens), die Betonung militärischer Stärke ("Eiserne Mauer" gegenüber arabischem Widerstand), Masseneinwanderung und eine bürgerlich-nationale Gesellschaftsordnung. 

Die Revisionisten lehnten Kompromisse wie die Abtrennung Transjordaniens ab und setzten auf politischen Druck, militärische Vorbereitung und territoriale Souveränität. Aus dieser Bewegung gingen später Parteien wie Cherut und der heutige Likud hervor. 

Benjamin Netanjahus Vater Benzion Netanjahu war ein aktiver Revisionist und enger Mitarbeiter Jabotinskys. Auf diesem ideologischen Fundament beruht das Konzept des "Groß-Israel“"(hebräisch: Eretz Yisrael HaShlema – "Das vollständige Land Israel"). Es ist keine geheime Verschwörung, sondern eine seit Jahrzehnten offen diskutierte Strömung, die sich zusätzlich auf biblische Verheißungen beruft, etwa in Genesis das "Gelobte Land" vom Nil bis zum Euphrat. Nach dem Sechstagekrieg 1967 gewann die Idee durch die „Bewegung für ein Ganzes Israel“ an Fahrt und wurde von Teilen der israelischen Rechten als Anspruch auf die 1967 eroberten Gebiete interpretiert – Westjordanland (Judäa und Samaria), Gaza, Ostjerusalem, Golanhöhen sowie in maximalistischen Varianten Teile Jordaniens, Syriens, Libanons und Ägyptens.

Netanjahus persönliches Bekenntnis zur "historischen und spirituellen Mission"

Im August 2025 machte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einem Interview mit dem israelischen Sender i24NEWS seine Haltung unmissverständlich klar. Als ihm ein Amulett mit einer Karte des "Gelobten Landes" präsentiert wurde, erklärte er auf Nachfrage, er fühle sich "sehr“ mit der Vision des Groß-Israel verbunden. Er beschrieb es als "historische und spirituelle Mission" seiner Generation, im Gegensatz zur Gründergeneration, die lediglich den Staat errichtet habe. Netanjahu betonte: "It is Greater Israel". Dieses Statement kam nicht aus dem Nichts – es passt zu seiner langjährigen Politik der Siedlungsausweitung, der Ablehnung einer Zwei-Staaten-Lösung und der Forderung nach voller israelischer Souveränität westlich des Jordan.

Die treibenden Kräfte in Israels Regierungskoalition

Innerhalb Israels wird die Vision vor allem von Netanjahus Koalitionspartnern aus dem religiös-zionistischen Spektrum vorangetrieben. Finanz- und Siedlungsminister Bezalel Smotrich (Religiöser Zionismus) spricht offen von einer "schrittweisen Expansion bis Damaskus" und fordert die Annexion großer Teile des Westjordanlands. Itamar Ben-Gvir von der Partei Jüdische Macht (Otzma Yehudit) und weitere Abgeordnete der Rechten drängen auf die Besetzung bis zum Litani-Fluss im Libanon und die vollständige Souveränität über palästinensische Gebiete. Die Siedlerbewegung und messianisch-religiöse Zionisten, beeinflusst von Rabbi Zvi Yehuda Kook, bilden das gesellschaftliche Rückgrat. Umfragen zeigen jedoch eine gespaltene israelische Gesellschaft: Während die rechte Mehrheit in der Koalition die Idee mainstreamt, lehnen viele säkulare und linke Israelis eine volle Annexion aus demografischen und Sicherheitsgründen ab.

Unterstützung aus dem Ausland – vor allem von US-evangelikalen Christen

Außerhalb Israels findet die Vision vor allem bei evangelikalen Christen und Christian Zionists in den USA breite Resonanz. Diese Gruppe interpretiert die biblischen Verheißungen wörtlich und sieht in der Expansion Israels die Erfüllung göttlicher Pläne. Der ehemalige US-Botschafter Mike Huckabee äußerte sich 2026 positiv zu einer möglichen Ausweitung Israels "bis zum Nil und Euphrat". Pro-Israel-Lobbys wie AIPAC unterstützen die enge US-Israel-Beziehung und die Siedlungspolitik, wenngleich nicht immer die extremsten Varianten. Die meisten westlichen Regierungen und die UN hingegen betrachten Annexionen besetzter Gebiete als völkerrechtswidrig. Arabische und muslimische Staaten – von Ägypten über Jordanien bis Saudi-Arabien – verurteilen die Idee einhellig als "kolonialen Expansionismus" und existenzielle Bedrohung.

Aktuelle Umsetzungsschritte und geopolitische Realität

Seit dem Fall des Assad-Regimes 2024 und den Militäroperationen gegen Hamas, Hisbollah und Iran hat Israel Fakten geschaffen: Besetzung zusätzlicher Gebiete in Syrien jenseits der Golanhöhen, Pufferzonen im Südlibanon und massiver Siedlungsausbau im Westjordanland. Netanjahu nutzt die Schwäche regionaler Gegner, um "Sicherheitskontrolle" und Souveränität auszubauen. Karten, die das Westjordanland vollständig als israelisch darstellen, gehören mittlerweile zum politischen Repertoire. Arabische Staaten, die einst die Abraham-Akkorde unterzeichnet hatten, fordern inzwischen dringend Klarstellungen und drohen mit einem Bruch der Normalisierung.

Die drohenden geopolitischen Folgen – heute und bei voller Umsetzung

Kurzfristig verschärft die Vision bereits bestehende Konflikte: Radikalisierung in der arabischen Welt, neue Spannungen mit der "Achse des Widerstands" (Iran und Verbündete) und internationale Verurteilungen durch UN, EU und Arabische Liga. Ölpreise, Flüchtlingsströme und eine mögliche Isolierung Israels sind reale Risiken. Sollte die Vision vollständig realisiert werden – also Annexion des Westjordanlands, Gazas und weiterer Gebiete –, drohen dramatische Konsequenzen: Eine demografische Überforderung durch Millionen Palästinenser, dauerhafte Besatzung oder Vertreibungsvorwürfe, wirtschaftliche Sanktionen und der Vorwurf eines "Apartheid-Staates". Regional könnte es zu neuen Kriegen, dem Zerfall von Staaten wie Jordanien und einer völligen Neuordnung des Nahen Ostens kommen. Global würde die US-Position im Nahen Osten geschwächt, während nicht-arabische Mächte wie die Türkei oder Iran an Einfluss gewinnen.

Zwischen Sicherheitsvision und regionaler Destabilisierung

Für Netanjahu und seine Unterstützer ist "Groß-Israel" keine bloße Rhetorik, sondern eine "Mission" zur dauerhaften Sicherung des jüdischen Staates auf historisch-biblischer Grundlage. Kritiker sehen darin einen expansionistischen Nationalismus, der jeden dauerhaften Frieden unmöglich macht. Ob und wie weit diese Politik umgesetzt wird, hängt von militärischen Erfolgen, der Haltung Washingtons und der innerisraelischen Dynamik ab.

Sven von Storch

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