Wer einmal eine ungewöhnliche Erfahrung machen will, der sollte sich bei seinem nächsten USA-Urlaub ein Fahrrad mitnehmen oder vor Ort eins ausleihen und eine Tour übers Land machen. Radfahren in Amerika? Erstaunlicherweise geht das ganz gut! Zumindest wenn man sich auf die Strecke zwischen Middletown und Germantown, beide Ohio, beschränkt. Kaum acht Meilen liegen diese beiden Kleinstädte voneinander entfernt, getrennt von Wiesen und Feldern, Hügeln und Häusern.
Für seinen Ausflug wähle man die Middletown-Germantown Road, die durch dieses beschauliche Fleckchen Ohios führt; die gut ausgebaute Schnellstraße verläuft einige hundert Meter parallel dazu. Hin und zurück, das dauert gerade einmal einen halben Tag, wenn man ein gemütliches Tempo wählt. Wenn Sie einen Anwohner sehen, wie er den Briefkasten leert oder die Hecke schneidet, grüßen Sie! Er wird zurückgrüßen. Ein genuscheltes »How ya doin‘« ist völlig ausreichend.
Bemerkenswert auch auf Nebenstrecken wie dieser ist die durchaus stattliche Anzahl von Tierkadavern auf der Strecke, die von Ironikern »Flattened Fauna« genannt werden. Ihnen, den Bibern und Hamstern und was auch immer, merkt man an, dass sich Natur und der menschliche Fortbewegungsdrang per Automobil nach wie vor unversöhnlich gegenüber stehen.
Um das Verhältnis von Radfahrern und Kraftfahrern ist es allerdings erheblich besser gestellt. Anders als in Deutschland, wo man sich bisweilen im Krieg wähnt, insbesondere wenn man sich die Kommentarspalten unter entsprechenden Artikeln der Zeitungen ansieht, ist es geradezu entspannt. Autofahrer, die sich – zum Beispiel auf der Straße von Middletown nach Germantown – einem Radfahrer von hinten nähern, bremsen zuerst ab, dann wechseln sie vollständig die Spur, ziehen langsam und mit geradezu respektvollem Abstand am Radler vorbei, kehren in die rechte Spur zurück und beschleunigen wieder. Und lassen den Überholten völlig perplex zurück.
Zum Vergleich: In deutschen Städten sind manche Kraftfahrer der Auffassung, dass Radfahrer auf der Fahrbahn nichts verloren haben. Und entsprechend verhalten sie sich auch: Sie hupen sie an, sie beschimpfen und sie schneiden sie. Von der Regelung, dass sie beim Überholen einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter einzuhalten haben, haben sie noch nie gehört. Und davon, dass Radfahrer dieselben Rechte haben wie sie – zum Beispiel zügig und sicher an ihr Ziel zu gelangen –, auch nicht. So wird der tägliche Weg zur Arbeit auf dem Rad zuweilen zum Überlebenskampf und man wundert sich, dass angesichts derart aggressiven Verhaltens nicht noch mehr Verletzte unter den Radfahrern zu beklagen sind.
Ganz allgemein scheint sich die Höflichkeit der Amerikaner auch auf den Straßenverkehr auszuwirken. Sicherlich gibt es auch hier Rowdys, Chaoten und Kriminelle. Aber von der Grundtendenz ist man auch hinter dem Steuer wesentlich zuvorkommender als in Deutschland. Das führt unter anderem dazu, dass ein amerikanischer Kraftfahrer an einem Stoppschild seinen Wagen tatsächlich stoppt. Er schaut links, er schaut rechts, er schaut geradeaus – und erst dann, wenn er sich vergewissert hat, dass da wirklich niemand ist oder dass die anderen auch wirklich warten, weil sie – eine amerikanische Regelung – später an die Kreuzung herangefahren sind, erst dann fährt er weiter.
Die Strecke von Middletown nach Germantown ist sicher nicht repräsentativ für Amerika. Das Land ist groß, und das Leben in den Städten hektischer als auf dem Land. Von den Bewohnern des Mittleren Westens, zu dem Ohio gehört, wird gesagt, dass sie sich langsamer bewegen als die der Ostküstenstaaten. In dieser Beobachtung steckt eine gewisse Herablassung, aber natürlich auch ein Körnchen Wahrheit. Experten können sagen, woran das liegt. Touristen dürfen sich einstweilen bloß ermuntert fühlen, sich auf das Wagnis Radfahren in Ohio einzulassen.


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