Vor kurzem veröffentlichte der Vatikan ein Dokument betitelt »Die Brüderlichkeit aller Menschen – Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt«. Das Dokument beinhaltet den Satz, die Pluralität der Religionen sei von Gott gewollt. Ursprung dieser Formulierung ist das Treffen von Papst Franziskus mit dem Kairoer Großimam Ahmad Mohammad Al-Tayybe in Abu Dhabi, wo Papst Franziskus im Februar diesen Jahres zu Besuch war. Beide Amtsträger unterzeichneten ein Dokument, das gemeinsame Verständigung fördern und durch Religion gerechtfertigte Gewalt eindämmen soll.
Dabei steht die Glaubenswahrheit auf dem Spiel, wie beispielsweise Bischof Athanasius Schneider kommentierte, der die Gefahr betonte, der Vatikan könnte in »Häresie« abrutschen.
Die Freie Welt sprach exklusiv mit Mons. Joachim Schroedel, katholischer Geistlicher und Auslandsseelsorger in Kairo. Schroedel ist Autor des Buches Mit Segenskreuz und Handy über seine langjährige Tätigkeit als Seelsorger in Ägypten und Anmerkungen »Christentum und Islam« und »Kultur und Religion« allgemein.
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Freie Welt: Mons. Schroedel, Sie leben seit vielen Jahren in Kairo – können Sie uns einen kurzen Überblick geben, ob und wie Christen dort mit Muslimen zusammenleben?
Mons. Joachim Schroedel: Man muss genau hinsehen. In der Regel gelingt in den Städten das Miteinander. Besonders, wenn es um die sozialen und allgemein-gesellschaftlichen Fragen geht. Ich betreue zum Beispiel ein Projekt für die so genannten »Müllmenschen« in Kairo. In Ar del Lewa, einem Stadtteil von Kairo, leben etwa 80% Christen mit 20% Muslimen. Die Sorgen und Nöte ums tägliche Überleben bringen die Menschen zusammen. Ein »Dialog des Lebens« findet statt. Doch sobald Christen etwas mehr Erfolg haben wird wieder sichtbar: Wirkliche Freude können Muslime und Christen im Letzten nicht werden. Das ist im Übrigen schon ein „Gebot“ des, wie die Muslime glauben, offenbarten Wortes Gottes, wie es im Koran zu finden sei (Sure 5,51)
Freie Welt: Im vergangenen Februar hat der Papst mit dem islamischen Großimam Al-Azhar in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein gemeinsames Dokument unterzeichnet. Das Dokument strebt die „menschliche Brüderlichkeit für den Weltfrieden und das gemeinsame Zusammenleben“ an. Wörtlich ist in der Originalfassung von „universaler Brüderlichkeit“ die Rede. Ist Ihrer Meinung nach dieses Vorhaben realistisch?
Mons. Joachim Schroedel: Leider ist die Haltung des Vatikan und auch des Papstes selber nur auf den ersten Blick faszinierend. Dem Islam eignet eben gerade nicht der Gedanke einer »universalen Brüderlichkeit«. Die muslimische »umma«, also die Glaubensgemeinschaft des Islam, verehrt sich als eine zutiefst in der Religion verankerte Gemeinschaft. Nur die sind »Brüder und Schwestern« zu finden. Aus dem Blickwinkel eines modernen Menschen mag man von einer Brüderlichkeit der gesamten Menschheit reden, die als Grundlage des Friedens und der Völkerverständigung dient. Die Unterscheidung, dieser oder jener sei mein »menschlicher Bruder«, aber nicht mein »religiöser Bruder«, ist im Grunde eine Utopie, die zumindest im Islam so nicht Realität werden kann.
Freie Welt: Raymond Ibrahim erklärte in einem Artikel „Papst Franziskus und sein muslimischer Wolf im Schafspelz“, dass der Großimam der Al-Azhar, Ahmed al-Tayebs Christenfreundlichkeit Heuchelei sei: Obwohl er nach außen Religionsfreiheit predigt, sagte er beispielsweise im Juli 2016: „all jene, die islamisches Recht kennen [al-fuqaha], und die Imame der vier Schulen der Jurisprudenz verstehen Apostasie als Straftat und sind sich einer Meinung, dass der Apostat entweder seiner Apostasie abschwören muss, oder den Tod verdient.“ Ihr Kommentar?
Mons. Joachim Schroedel: Bereits beim Besuch des Papstes in Kairo wurde klar, dass der Islam ägyptischer Prägung, der Islam des bevölkerungsreichsten Landes des Nahen Ostens, gerne die Stimme erheben möchte und als Friedensmittler auftreten möchte. So versteht sich im Übrigen die Staatsführung Ägyptens schon seit Jahrzehnten. Doch innerhalb des Landes ist, besonders nach den Aufständen vom Februar 2011 klar zu sehen, wohin die Reise geht. Religionswechsel ist nicht (offiziell) möglich, (Islamische) Religion ist immer mehr zum Thema geworden. Wenn schon Taxifahrer im zweiten Satz eines beginnenden Gespräches fragen, ob man denn auch Muslim sei, wird überdeutlich: Eigentlich ist der Islam DIE Religion schlechthin, Juden und Christen haben zwar auch eine gewisse Offenbarung erhalten (im Koran werden sie als »Ahl al Kitab«, Volk des Buches, bezeichnet), doch ist klar, dass die »Letztoffenbarung« Gottes im Sinne des Islam durch den Koran erfolgt ist. Er ist »norma normans« auch für jeden Dialog. Es mag Zeichen guten Willens sein, dass der Papst immer wieder von »Brüderlichkeit« spricht, die jenseits von jeder Religion Menschen vereint. Doch für jeden Muslim, der ehrlich im Gespräch mit anderen Religionen ist bleibt klar: Nur Muslime sind wirklich Brüder.
Freie Welt: Das Vatikan-Dokument bestätigt, dass die Pluralität der Religionen von Gott gewollt sei – wie kann die Kirche dann für sich beanspruchen, der einzige Heilsweg zu sein?
Mons. Joachim Schroedel: Wohl der problematischste Satz des ganzen Dokuments. Es ist Bischof Schneider zu verdanken, dass wenigstens eine minimale Korrektur (oder Erklärung) des Papstes zu diesem Satz erfolgt ist. Freilich bleibt sie nur eine mündliche und auch sehr defiziente Erklärung. Wenn man sagen möchte, dass Gott die Pluralität der Religionen zulässt, muss man das auch so formulieren. Es ist ein Ärgernis auch und besonders im Nahen Osten, wo die Christen eine verschwindende Minderheit darstellen, dass der Heilige Vater nicht in aller Deutlichkeit geredet hat. Aber dies scheint ja auch in vielen weiteren Fällen Stil dieses Pontifikats zu sein; Dinge in der Schwebe lassen, eben gerade keinen konfrontativen Dialog führen.
Freie Welt: Ist Ihrer Meinung nach die »allgemeine Brüderlichkeit aller Menschen« der richtige Weg zu einem »Weltfrieden« – oder ist dieser Begriff eine Relativierung der Wahrheit und der Einzigartigkeit von Jesus Christus und seiner Kirche?
Mons. Joachim Schroedel: Der »Weltfrieden«, durch Menschen gemacht, ist eine naive Fiktion, und eigentlich wird das jeder denkende Mensch verstehen und auch so sagen. Die französische Revolution mit den Schlagworten »Einheit, Freiheit, Brüderlichkeit«, war ein im wahrsten Sinne »mörderisches Unternehmen« und brachte im Effekt noch Schlimmeres zu Tage als vorher. Die Kaiserzeit Napoleons brachte immenses Leid über Europa. Um inneren und äußeren Frieden kümmern sich wohl alle Religionen. Doch ist dieses Friede nicht »machbar«, sondern ein Geschenk Gottes als Lohn für die demütige Anerkennung der göttlichen Majestät. Durch das Kreuzesopfer Jesu ist dieser Friede den Menschen geschenkt worden. ER IST der Friede, der dann Menschen vereint, wenn sie vor ihm auf die Knie gehen und anbeten. In keinem Anderen ist uns der Friede – die Heilige Schrift spricht eher von »Heil« geschenkt worden. Die Kirche wiederum ist Braut Christi und Vorausbild des einstigen Friedens.
Freie Welt: Wo sehen Sie positiven und konstruktiven Dialog zwischen dem Christentum und dem Islam?
Mons. Joachim Schroedel: Menschen sollen immer im Gespräch bleiben. Zuhören und selber Zeugnis vom jeweils eigenen Glauben geben. Den berühmten »Dialog auf Augenhöhe«, wie ja selbst von hoher kirchlicher Seite propagiert wird, ist schlechterdings nicht möglich und eher »Augenwischerei«. Vielmehr ist es geboten, im Gespräch mit anderen Religionen gute und richtige Wege zu finden, den christlichen und also: katholischen Glauben unverkürzt zu verkünden. Oft sage ich muslimischen Gesprächspartnern, dass wir wisssen: In Jesus zeigt sich uns, wer und wie Gott ist. Seine Barmherzigkeit ist nicht nur Theorie, seine Barmherzigkeit ist »Fleisch geworden«. Das hat schon viele Muslime zum Nachdenken gebracht. Gott ist eben nicht »Kismet«, sondern reine, geschenkte Liebe.
Freie Welt: Wir bedanken uns für Ihre Zeit!
(jb)


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