Papst Franziskus sei bei Personalentscheidungen zu häufig von „Zuträgern und ihren oft unedlen Motiven abhängig“ erklärte Kardinal Müller im Interview. Vatikanbeobachter haben bereits mehrmals in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass Franziskus sich gerne auf Freundschaften und persönliche Kontakt verlasse, wenn es um wichtige Ernennungen geht – was zur Auswirkung hat, dass viele ihre enge Beziehung mit dem Papst ausnutzen, um an hohe Ämter zu kommen. Müller kommentierte dazu: „Und es wäre gefährlich, wenn er der Versuchung erläge, jene Gruppe, die sich mit ihrem Progressismus brüstet, gegen den Rest der Kirche auszuspielen.“
Damit kritisierte Müller die herrschende Willkür in Personalentscheidungen im Vatikan. Es existiere kein Kündigungsschutz und kein Personalrat. Jeder könne ohne Angabe von Gründen entlassen werden. Seine Unbarmherzigkeit mit Kritikern hat Franziskus in der Vergangenheit bereits mit mehreren unerwarteten Entlassungen bewiesen, im Falle Müllers selbst (Freie Welt berichtete) und auch im Fall des US-amerikanischen Kardinal Raymond L. Burkes (Freie Welt berichtete). Ein Papstkritiker hat sogar die Exkommunikation auf sich gezogen.
Der Papst dürfe die Kirche nicht wie den Jesuitenorden leiten. Jeder Mensch habe seine eigenen Lebenserfahrungen, die aber durch Berater ausgeglichen werden müssten, besonders im Austausch des Kardinalskollegiums mit Bischöfen auf der ganzen Welt so Müller weiter. Das päpstliche Beratungsgremium sei „ein exklusiver Zirkel geworden, in dem der Management-Gedanke zu dominieren scheint“, fügte Müller hinzu. Damit umgebe sich der Papst mit „Leuten, die wenig von Theologie und der kirchlichen Soziallehre verstehen, sondern die jahrhundertealte Höflingsmentalität nicht ablegen wollen.“
Die „Hofschranzen“-Mentalität verstelle auch das Papstbild. Um Franziskus zu gefallen gelte für jene „jede beiläufige Bemerkung von Franziskus, und sei es in einem Interview, als sakrosankt. Als hätte Gott selbst gesprochen. Dabei hat, was der Papst als Privatmann sagt, mit Unfehlbarkeit in Glaubensfragen nicht das Geringste zu tun.“
In Sachen Missbrauchsfällen fand Müller klare Worte: Nicht der Klerikalismus sei das Kernproblem, sondern die ausgelebte Homosexualität einiger Priester. Die Ursache liege in der Verdorbenheit des Charakters der Täter. „Weit über 80 Prozent der Opfer sexuellen Missbrauchs Jugendlicher bis zu 18 Jahren waren junge Männer im pubertären oder nachpubertären Alter.“ „Bei dem am Donnerstag beginnenden Missbrauchsgipfel aber sollen diese Daten unvernünftigerweise keine Rolle spielen“, kritisierte Müller. „Wer sich nicht beherrschen kann, ist für das Priesteramt nicht geeignet. Schönreden nützt da nichts. Übrigens bin ich der Meinung, dass kein Mensch gottgewollt als Homosexueller geboren wird, wir werden geboren als Mann oder Frau.“
Kardinal Müller war sich auch nicht zu scheu, die theologischen Missstände in seinem eigenen Land anzusprechen. Der „Geisteszustand“ ließe zu wünschen übrig, wobei Deutschland einmal theologisch führend gewesen sei. Kurios für ihn sei die Tatsache, dass es „ausgerechnet Deutsche seien, die sich „bei dieser völligen Talfahrt an die Spitze des Zuges setzen und die Lokomotive für die Weltkirche spielen wollen.“
(jb)


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