Umfrage sieht Flávio Bolsonaro bei mögliche4r Stichwahl bei 48,5 Prozent, Lula kommt auf 43,1 Prozent

Brasilien vor der Entscheidung: Lula wankt – Flávio Bolsonaro kann gewinnen

Die brasilianische Präsidentschaftswahl ist offen wie seit Monaten nicht mehr. Luiz Inácio Lula da Silva galt lange als Favorit. Dieser Vorsprung ist dahin. 

Flavio Bolsonaro


Eine aktuelle Umfrage des Instituts Veritá sieht Flávio Bolsonaro in einer möglichen Stichwahl bei 48,5 Prozent. Lula kommt auf 43,1 Prozent.

Eine Umfrage allein entscheidet keine Wahl. Andere Institute sehen das Rennen enger. Quaest meldet Gleichstand, Datafolha einen knappen Vorsprung Lulas, Nexus/BTG wiederum Flávio leicht vorne.

Doch die politische Botschaft ist eindeutig: Flávio Bolsonaro kann Präsident Brasiliens werden. Das ist die eigentliche Neuigkeit.

Noch vor einigen Monaten wurde seine Kandidatur vielfach als Versuch betrachtet, das politische Erbe seines Vaters zu retten. Heute steht er vor der realen Möglichkeit, Lula aus dem Präsidentenpalast zu verdrängen.

Wenn kein außergewöhnliches Ereignis den Wahlkampf völlig verändert, werden sich Lula und Flávio Bolsonaro am 25. Oktober in der Stichwahl gegenüberstehen.

Wer gewinnen wird, weiß niemand. Und wer heute behauptet, es zu wissen, verwechselt Meinungsforschung mit Wahrsagerei.

Screenshot YouTube – Moraes não tem condição de ficar no STF – TV Celular Flavio Bolsonaro – 2026-09-08

Eine Wahl gegen den anderen

Die Wahl von 2026 ist nicht einfach eine Wiederholung von 2018 oder 2022. Brasilien bleibt tief polarisiert. Doch die politische Energie hat sich verändert.

2018 gab es eine echte konservative Mobilisierung. Millionen Brasilianer hatten genug von einer politischen und kulturellen Linken, die über Jahre versucht hatte, ihre Vorstellungen von Gesellschaft, Familie, Moral und Erziehung als selbstverständlich durchzusetzen.

Jair Bolsonaro sprach aus, was traditionelle Parteien längst nicht mehr zu sagen wagten. Familie. Religion. Autorität. Sicherheit. Ablehnung der Gender-Ideologie. Widerstand gegen Abtreibung. Kampf gegen Sozialismus und politische Korrektheit.

Das war ein wesentlicher Grund für seinen überraschenden Aufstieg.

2026 ist die Situation anders.

Lula verfügt weiterhin über einen harten Kern treuer Wähler. Dasselbe gilt für den Bolsonarismus. Doch die entscheidende Gruppe besteht aus Millionen Brasilianern, die weder Lula noch Flávio wirklich wollen.

Die hohen Ablehnungswerte beider Kandidaten zeigen das deutlich. Die Stichwahl könnte deshalb weniger nach dem Prinzip funktionieren: „Wen will ich als Präsidenten?“ Sondern: „Wen will ich auf keinen Fall als Präsidenten?“

Das ist ein fundamentaler Unterschied. Brasilien erlebt eine Wahl der Ablehnungen.

Flávios schwieriges Erbe

Dabei ist die Ablehnung beider Kandidaten nicht identisch. Lula wird für Lula abgelehnt. Für den PT. Für die Linke. Für seine jahrzehntelange politische Geschichte. Für seine Regierung. Für die wirtschaftliche Entwicklung. Und für die Erinnerung an die gewaltigen Korruptionsskandale, die mit den PT-Regierungen verbunden bleiben.

Bei Flávio Bolsonaro liegt die Sache komplizierter. Ein erheblicher Teil seiner Ablehnung gilt nicht ihm persönlich, sondern seinem Namen. Bolsonaro. Genau dieser Name öffnet ihm den Weg zum Präsidentenamt. Und genau dieser Name erschwert ihm zugleich den Weg dorthin.

Flávio muss daher ein politisches Kunststück vollbringen: Er muss Bolsonaro bleiben – und gleichzeitig aufhören, Jair Bolsonaro zu sein.

Rechts in der Wirtschaft, zentristischer bei konservativen Themen

In der Wirtschaftspolitik ist Flávios Position eindeutig. Er steht rechts. Er will Staatsausgaben begrenzen, Ministerien streichen, politische Stellen abbauen, Privatisierungen vorantreiben und die unter Lula gestiegene Steuerbelastung überprüfen.
Sein wirtschaftspolitisches Grundprinzip ist einfach: Der Staat muss zuerst lernen, mit weniger Geld auszukommen, bevor er vom Bürger noch mehr verlangt. Das unterscheidet ihn klar von Lula.

Gesellschaftspolitisch ist das Bild jedoch anders.

Flávio Bolsonaro vertritt weiterhin konservative Positionen, etwa bei Abtreibung, Drogen, Sicherheitspolitik und der Besetzung des Obersten Bundesgerichts. Aber er führt keinen konservativen Kulturkampf nach dem Muster seines Vaters. Die umfassende konservative Gegenbewegung, die Jair Bolsonaro 2018 an die Macht trug, ist nicht das zentrale Leitmotiv seiner Kandidatur. Flávio steht hier deutlich stärker in der politischen Mitte. Das ist keine Nebensache. Es ist wahrscheinlich Teil seiner Wahlstrategie. Er will das enorme Wählerpotential seines Vaters übernehmen, ohne gleichzeitig dessen gesamte Ablehnung zu erben. Damit kann er moderatere Wähler gewinnen, die Lula nicht wollen, Jair Bolsonaro aber ebenfalls ablehnten.

Doch die Rechnung hat eine Kehrseite. Ein Kandidat, der für die politische Mitte akzeptabler wird, kann für seine eigene konservative Basis weniger begeisternd wirken. Genau darin liegt Flávios Dilemma.

Jair Bolsonaro wurde nicht nur gewählt, weil Millionen Brasilianer den PT ablehnten. Er wurde auch gewählt, weil viele glaubten, endlich verteidige ein Politiker offensiv jene Werte, die das politische Establishment längst aufgegeben hatte.
Flávio erbt dieses Publikum. Ob er dessen Begeisterung erbt, ist eine andere Frage.

Lulas stärkster Gegner heißt Erinnerung

Lula besitzt enorme politische Vorteile. Kaum ein brasilianischer Politiker beherrscht das System so gut wie er. Er versteht den Kongress. Er versteht Parteien. Er versteht Gewerkschaften. Er versteht Unternehmer. Er versteht Banken. Und er versteht vor allem, wie Macht in Brasília funktioniert. Nach fast fünfzig Jahren im Zentrum der brasilianischen Politik kennt Lula beinahe jede Tür – und weiß, wie sie geöffnet wird.

Doch diese Erfahrung hat einen Preis. Lula kann nicht mehr Erneuerung verkörpern. Lula ist Kontinuität.

Hinzu kommt die Korruption. Juristisch ist die Sache klar: Lulas Verurteilungen im Zusammenhang mit Lava Jato wurden aufgehoben. Diese Urteile bestehen heute nicht mehr.

Politisch ist die Sache ebenso klar: Ein Gericht kann ein Urteil aufheben. Es kann das Gedächtnis eines Volkes nicht löschen.

Mensalão. Petrobras. Lava Jato. Diese Namen gehören zur jüngeren politischen Geschichte Brasiliens. Und sie gehören zur politischen Wahrnehmung Lulas. Man kann Urteile annullieren. Man kann jedoch nicht per Gerichtsbeschluss bestimmen, woran sich ein Wähler am Wahltag erinnert.

Genau deshalb bleibt das Korruptionsthema für Lula gefährlich. Zumal auch der aktuelle Wahlkampf bereits wieder von Ermittlungen, Verdachtsmomenten und Affären geprägt wird.

Banco Master, Auseinandersetzungen um das Oberste Bundesgericht, Ermittlungen gegen Personen verschiedener politischer Lager – Brasilien ist erneut in jenem politischen Klima angekommen, in dem fast jede Woche eine neue Enthüllung möglich scheint. Bei einem Rennen, das möglicherweise durch ein oder zwei Prozentpunkte entschieden wird, kann ein einziger glaubwürdig belegter Skandal die Wahl drehen.

Zwei Wirtschaftsmodelle

In der Wirtschaft ist der Unterschied zwischen Lula und Flávio wesentlich deutlicher als in vielen anderen Bereichen.
Lulas Modell beruht auf einem aktiven Staat. Öffentliche Investitionen, Infrastrukturprogramme, Industriepolitik, Sozialprogramme und staatliche Steuerung sollen Wachstum erzeugen. Das Problem ist alt. Der brasilianische Staat gibt viel Geld aus. Und wenn die Ausgaben steigen, gibt es letztlich nur wenige Möglichkeiten: mehr Wachstum, mehr Schulden, höhere Steuern – oder Kürzungen.

Lulas Regierung bevorzugt Kürzungen offensichtlich nicht. Daraus ergibt sich zwangsläufig Druck auf die Einnahmenseite.

Der Staat bestimmt den Bedarf – und sucht danach das Geld.

Flávio will den Ablauf umkehren. Zuerst soll der Staat sparen. Dann sollen Steuern sinken können. Das klingt banal. In Brasilien wäre es beinahe revolutionär. Denn große Teile des politischen Systems leben seit Jahrzehnten von einem immer größeren Staatsapparat.

Ministerien, Behörden, Subventionen, Sonderprogramme, politische Stellen und öffentliche Unternehmen bilden nicht nur einen Verwaltungsapparat. Sie bilden auch ein Machtgeflecht.

Wer Staatsausgaben kürzen will, kämpft deshalb nicht lediglich gegen Zahlen in einem Haushalt. Er kämpft gegen Interessen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Flávios Programm wirtschaftlich plausibel klingt. Die Frage lautet: Kann er es politisch durchsetzen?

Wem folgt der Markt?

Damit kommen wir zu einer der wichtigsten Fragen dieses Wahlkampfs. Auf wessen Seite steht der Markt?

Die Antwort lautet: Diese Frage ist falsch gestellt. Der Markt ist kein politisches Zentralkomitee. Er besteht aus Millionen Entscheidungen von Unternehmern, Anlegern, Konsumenten und Sparern.

Davon zu unterscheiden ist das wirtschaftlich-finanzielle Establishment. Großbanken. Fonds. Konzerne. Große Interessengruppen. Institutionen mit direktem Zugang zur politischen Macht.

Markt und Establishment sind nicht dasselbe. Diese Unterscheidung ist entscheidend.

Für produktive Unternehmen kann Flávios Programm attraktiv sein. Weniger Steuern. Weniger Staatsausgaben. Privatisierungen. Stabilere Staatsfinanzen. Mehr Vertrauen. Mehr Investitionen. Mehr Wachstum.

Doch das große Finanzkapital kann auch mit einem teuren Staat hervorragend leben.

Hohe Staatsverschuldung erzeugt große Anleihemärkte. Hohe Zinsen erzeugen hohe Renditen. Eine linke Regierung ist daher keineswegs automatisch der Feind des Finanzkapitals. Im Gegenteil. Ein hoch verschuldeter Staat mit hohen Zinsen kann für Teile des Finanzsystems ein ausgezeichnetes Geschäft sein.

Natürlich will keine Bank den Staatsbankrott. Ein zahlungsunfähiger Schuldner ist wertlos. Aber zwischen einem soliden Staat und einem bankrotten Staat liegt ein sehr großer Bereich, in dem sich mit Staatsverschuldung viel Geld verdienen lässt.

Und Lula bietet dem Establishment noch etwas anderes: Vorhersehbarkeit. Die großen Wirtschaftsgruppen kennen ihn. Sie kennen den PT. Sie kennen Brasília. Sie kennen Ministerien, Behörden und den Kongress. Sie wissen, mit wem gesprochen werden muss. Sie wissen, welche Türen geöffnet werden können.

Flávio hingegen verspricht Veränderung.

Genau deshalb sprechen die großen Wirtschaftsgruppen derzeit mit beiden Seiten. Flávio trifft Banker. Lula trifft Banker. Flávio trifft Unternehmer. Lula trifft Unternehmer. Das ist kein Widerspruch. Das ist Risikomanagement. Oder einfacher gesagt: Das Establishment wettet nicht auf einen Kandidaten. Es sichert sich gegen beide Ergebnisse ab.

Es betreibt politischen Hedge. Denn das große Kapital stellt selten die Frage: „Welcher Kandidat hat die bessere politische Philosophie?“

Es fragt: „Unter welchem Präsidenten können wir Einfluss, Sicherheit und Rendite am besten verbinden?“
Die Antwort ist noch offen.

Lula steht für das Bekannte

Das ist einer von Lulas größten Vorteilen. Und gleichzeitig seine größte Schwäche. Er steht für das Bekannte. Für ein Brasilien mit einem großen Staat. Mit starker politischer Vermittlung. Mit einem komplizierten Geflecht aus Parteien, Kongress, öffentlicher Verwaltung, Unternehmen und Finanzwelt.

Flávio steht dagegen zumindest teilweise für das Versprechen, dieses System zu verändern. Ob er dieses Versprechen einlösen könnte, ist vollkommen offen.

Aber Wahlen werden nicht allein aufgrund dessen gewonnen, was ein Kandidat nachher tatsächlich durchsetzen kann. Sie werden auch aufgrund dessen gewonnen, was Wähler glauben, dass er verändern könnte.

Und dann kommt das Unvorhersehbare

47 Tage vor der Stichwahl steht Brasilien damit vor einer merkwürdigen Situation. Die Finalisten scheinen bereits festzustehen. Der Sieger überhaupt nicht. Veritá sieht Flávio deutlich vorne. Quaest sieht Gleichstand. Datafolha sieht Lula leicht vorne. Nexus/BTG wiederum Flávio. 

Das ist kein statistisches Chaos. Es ist die Realität einer Wahl, in der wenige Prozentpunkte entscheiden.

Und in 47 Tagen kann sehr viel geschehen. Ein schlechter Fernsehauftritt. Ein wirtschaftlicher Schock. Ein Skandal. Eine Gerichtsentscheidung. Neue Korruptionsvorwürfe. Eine internationale Krise. Eine unbedachte Aussage. Eine neue Untersuchung. Oder ein Ereignis, an das heute noch niemand denkt.

Lula kann verlieren

Das ist die politische Botschaft des Septembers. Lula kann verlieren. Das war noch vor wenigen Monaten keineswegs selbstverständlich.

Flávio Bolsonaro verfügt über das politische Erbe seines Vaters, über ein wirtschaftsliberaleres Programm und über die Möglichkeit, dank seines zentristischeren gesellschaftspolitischen Profils Wähler zu erreichen, für die Jair Bolsonaro nie akzeptabel war.

Lula verfügt über den Staatsapparat, jahrzehntelange politische Erfahrung, eine feste soziale Basis und ein außergewöhnliches Talent, sich innerhalb des brasilianischen Machtgefüges zu bewegen.

Beide können gewinnen. Beide können verlieren. Und genau deshalb wäre jede sichere Prognose unseriös.

Brasilien entscheidet 2026 nicht lediglich zwischen links und rechts. Es entscheidet zwischen Kontinuität und Veränderung. Zwischen zwei hohen Ablehnungswerten. Zwischen zwei fiskalpolitischen Modellen. Zwischen einem jahrzehntelang etablierten Machtgefüge und dem Versprechen, zumindest Teile davon aufzubrechen. Und vielleicht entscheidet am Ende etwas, das heute noch niemand kennt.

Flávio Bolsonaro kann Lula schlagen. Lula kann Flávio Bolsonaro schlagen.

Alles andere ist 47 Tage vor der Stichwahl Spekulation.

Denn in der brasilianischen Politik sind 47 Tage keine lange Zeit. Sie sind eine Ewigkeit.

Sven von Storch

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