Bildungsrepublik Deutschland: Mit 40 ist Schicht im Schacht

Ausbeutung einer ganzen Forschergeneration

Ende 30 oder Mitte 40 sind viele Wissenschaftler, wenn sie plötzlich ihre Karriere beenden müssen. Viele haben dann schon Familie. Dann kommt das vorzeitige Aus. Schuld sind die Reformen der letzten zwei Jahrzehnte.

Die deutsche Hochschul-, Universitäts- und Forschungslandschaft ist kaputt reformiert worden. Den Preis zahlt eine komplette Generation von Wissenschaftlern. Mit teilweise katastrophalen Folgen für die eigene Biographie. Kein Land der Erde hat in jüngster Zeit in einem solchen Ausmaß intellektuelle Ressourcen vergeudet und Jungakademiker in die Irre geführt wie Deutschland.

»Mit Anfang 40 werden viele Forscher nicht mehr gebraucht« titelte die »Süddeutsche Zeitung« kürzlich und trifft damit mitten ins Schwarze.

Worum geht es? Die übliche Karriere eines Wissenschaftlers war es, während seines Studiums oder spätestens während seiner Zeit als Doktorand bereits in Forschungsprojekte eingebunden zu sein. Aufbauend darauf kam der nächste Schritt als wissenschaftlicher Assistent des Professors. Wer nicht habilitiert wurde, konnte immerhin Akademischer Rat werden, sozusagen als angestellter Wissenschaftler an der Universität weiter forschen oder Aufgaben in der Lehre übernehmen, als Universitätsdozent arbeiten.

Doch die Reformen der letzten zwei Jahrzehnte haben die Forschungslandschaft radikal verändert. Die einzigen, die Aussicht auf eine lebenslange Stelle haben, sind die Minderheit der Professoren. Alle anderen Forscher sind an Projektstellen, Stellen auf Zeit und auf Drittmittel angewiesen. So wollte man Geld sparen. Den Jungwissenschaftler auf Zeitstellen sind billiger als unbefristet angestellte Akademiker.

Die Folge: Ein perfides Ausbeutungssystem ist entstanden! Seit fast dreißig Jahren werden Jungwissenschaftler in Projekten auf befristeten Stellen ausgebeutet, wohl wissend, dass allein aufgrund des Zahlenverhältnisses nur wenige das Glück haben werden, einen Lehrstuhl als Professor zu ergattern.

So wird ihnen jahrelang die Hoffnung bereitet, in der Wissenschaft gebraucht zu sein. Doch mit Ende 30 oder Anfang 40, also in der Mitte des Lebens, dann, wenn viele schon Familien haben und Verantwortung tragen, werden sie vor die Tür gesetzt. Sie werden nicht mehr gebraucht, weil jüngere Forscher, Doktoranden und Postdoktoranden, nachrücken. Und weil befristete Stellen nicht endlos verlängert werden können. Für viele Betroffene bricht eine Welt zusammen. Denn als hochspezialisierter Akademiker ist es schwierig, anschließend in einem anderen Beruf unterzukommen. Man gilt als überqualifizierter Fachidiot.

Nirgendwo ist dieses System der Ausbeutung perfider und extremer als in Deutschland. Im angelsäsischen Sprachraum gibt es immerhin das System des »Tenure-Track«. Dieses System ermöglicht es, eine Art Karriereleiter von einer befristeten zu einer festen Stelle emporzuklettern. In Deutschland ist es anders. Nach der Habilitation heißt es: Professur oder Straße, Besoldungsgruppe W2/W3 (ehemals C3/C4) oder Hartz IV/ALG II.

Wie reagieren viele Jungforscher, wenn sie an diesen Punkt angekommen sind? Sie gehen ins Ausland. Warum ist es, dass viel mehr Forscher aus Deutschland in die USA gehen als umgekehrt? Warum ist Deutschland kein Magnet für die schlauen Köpfe dieser Welt? Warum ist Deutschland nicht mehr die Wissenschaftsnation Nummer Eins in der Welt, wie sie es einst war? Es gibt viele Gründe dafür. Ein wichtiger ist, dass die deutsche Wissenschaftslandschaft kaputt reformiert wurde – auf Kosten einer kompletten Wissenschaftsgeneration.

Die Bildungs- und Forschungspolitik hat fahrlässig mit den Biographien und Zukunfts-Chancen hunderttausender junger Menschen gespielt. Und sie hat dazu geführt, dass enorme menschliche Ressourcen verschwendet wurden. Außerdem hat sie versagt, den Karrierewechsel zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu erleichtern. In den USA, Großbritannien oder Kanada ist der Wechsel zwischen den beiden Welten viel einfacher und fließender. Deutschland ist starr und unflexibel. Daher wird Deutschland niemals wieder eine große Wissenschaftsnation werden. Die meisten Nobelpreise werden weiterhin in die USA gehen, und in naher Zukunft oft auch nach China. Wetten...?

[Siehe hierzu auch den ISSB-Artikel »EU-Bildungspolitiker verstehen nichts von Wissenschaft«.]

Sven von Storch

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