Die Technik hat die Tradition nicht zerstört – sie hat sie gestärkt

Technokratie und Islamismus: Modernisierung, die die Tradition stärkt

Jahrzehntelang nährte der Westen die Vorstellung, dass die Modernisierung die traditionellen Strukturen islamischer Länder auflösen würde. Man glaubte, dass der technische Fortschritt die Gesellschaft automatisch zum Säkularismus führen würde, wie es in Europa nach der Aufklärung geschehen war. Die Realität bewies das Gegenteil. 

Dubai

Technokratie und Islamismus: Modernisierung, die die islamische Tradition stärkt

Jahrzehntelang nährte der Westen die Vorstellung, dass die Modernisierung die traditionellen Strukturen islamischer Länder auflösen würde. Man glaubte, dass der technische Fortschritt die Gesellschaft automatisch zum Säkularismus führen würde, wie es in Europa nach der Aufklärung geschehen war. Die Realität bewies das Gegenteil. Die muslimischen Länder haben ihre religiöse Grundlage keineswegs aufgegeben, sondern die Technokratie als Instrument der theokratischen religiösen Macht integriert und damit kulturelle Kontinuität und soziale Stabilität geschaffen.

Die Technik hat die Tradition nicht zerstört – sie hat sie gestärkt.

Der Golf als Labor: Modernität im Dienste der Hierarchie

Die Golfstaaten – Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Katar – sind das transparenteste Beispiel für diese Konvergenz. Seit den 1970er Jahren, als die Ölförderung eine rasante Modernisierung vorantrieb, holten diese Länder westliche Ingenieure, Manager und Berater, um Städte, Infrastruktur, Banken und strategische Sektoren zu organisieren. Die politische und moralische Führung blieb jedoch in den Händen der traditionellen Monarchien. 

Die Modernisierung ging nicht mit einer Demokratisierung einher. Sie wurde innerhalb der hierarchischen Logik des lokalen sunnitischen Islamismus geleitet, geplant und durchgeführt. Projekte wie NEOM (Saudi-Arabien) und die Umwandlung Dubais in einen globalen Technologie-Hub zeigen, wie weit dieses Modell geht: Spitzentechnologie im Dienste eines Regimes, das seine theokratische Religionsstruktur intakt hält.

Die Herrscher am Golf haben bewiesen, dass es möglich ist, Glaswolkenkratzer zu haben, ohne die Scharia aufzugeben; digitale Überwachungssysteme, ohne die traditionelle soziale Kontrolle aufzugeben; und eine globalisierte Wirtschaft, ohne den westlichen moralischen Universalismus zu übernehmen. In Wirklichkeit sind die genannten islamischen Länder zu einem Traum für die in der Krise lebenden Europäer geworden.

Die Religion definiert die Ziele, die Technokratie definiert die Mittel.

Heute stehen sich zwei Technokratien in direktem Konflikt gegenüber:

1. Die westliche globale Technokratie

Ausgehend von den Prinzipien der christlichen Zivilisation hat die westliche Welt eine Technologie entwickelt, die eine Weltanschauung respektiert, die Religion und menschliche Freiheit achtet.

Basierend auf Organisationen wie der UNO, der Europäischen Union, der WHO, dem WEF und den Big Techs wurde die westliche Technologie zunehmend universalistisch, säkular und standardisierend. Sie vertritt die Auffassung, dass der globale technologische Fortschritt die Bräuche, Gesetze und Entscheidungen der Staaten leiten sollte.

2. Die islamische Technokratie

Untergeordnet der religiösen Moral und der kulturellen Kontinuität der Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) sieht sie den westlichen Universalismus als Bedrohung – nicht als unvermeidliches Schicksal.

Die aktuellen Spannungen in den Bereichen Geschlechtergleichstellung, individuelle Rechte, Einwanderung und Meinungsfreiheit sind das Ergebnis dieses Grundsatzkonflikts. Islamische Länder,  wie Saudi-Arabien, Iran, Vereinigte Arabische Emirate und Katar,  lehnen die westliche Weltanschauung ab, übernehmen jedoch die im Westen entwickelten technologischen Instrumente. Sie nutzen KI, Big Data und digitale Überwachung, um ihre moralische Ordnung zu stärken, nicht um sie zu ersetzen.

Diese Kombination irritiert internationale Organisationen zutiefst – ist aber eine vollendete Tatsache.

Islamische Technokratie in Aktion: drei entscheidende Modelle

Saudi-Arabien 

Die von Prinz Mohammed bin Salman vorangetriebene wirtschaftliche Modernisierung – insbesondere die Vision 2030 – nutzt hochentwickelte technische Mittel, um das Land neu zu organisieren, ohne jedoch die zentrale Rolle des wahhabitischen Islam zu beseitigen. Die Religion bleibt weiterhin die Achse des Regimes.

Iran

Nach der Revolution von 1979 schuf das Land eine technische Elite aus Ingenieuren, Physikern und Verteidigungsexperten. Das Atomprogramm und die digitalen Überwachungssysteme werden von Technokraten geleitet, die dem religiösen Kommando der Ayatollahs unterstehen.

In diesen Ländern dient Technologie nicht der Liberalisierung der Gesellschaft. Sie dient dazu, die moralische und politische Kontinuität zu schützen.

Was der Westen noch nicht sieht

Der Fehler des Westens bestand darin, sich vorzustellen, dass die Technik eine eigene, unvermeidliche Richtung hat.

Aber Technik ist ein Instrument. Das war sie schon immer.

Im Golf hat die Modernisierung die religiöse Autorität gestärkt. Im Iran hat sie die schiitische Theokratie gestärkt.

Anstatt sich aufzulösen, ist die islamische Identität bewusster, politisierter und organisierter geworden – gerade weil sie nun über moderne Mittel verfügt, um sich zu verteidigen.

Der strukturelle Konflikt des 21. Jahrhunderts

Der Konflikt, der sich im 21. Jahrhundert abzeichnet, ist nicht nur ein Konflikt zwischen Demokratie und Autoritarismus. Er ist viel tiefgreifender: säkularer technokratischer Universalismus gegen religiösen technokratischen Traditionalismus. Beide verfügen über technologische Fähigkeiten. Beide haben zivilisatorische Projekte. Beide wollen das 21. Jahrhundert prägen. Die Moderne hat den politischen Islam nicht zerstört. Sie hat ihm Instrumente zum Überleben gegeben – und vielerorts sogar zum Gedeihen. Das ist der wahre strategische Konflikt unserer Zeit.

Referenzen

  • Für eine Analyse von NEOM als Machtprojekt und nicht nur als städtebauliches Projekt siehe Robert Mogielnicki, A Political Economy of Digital Transformation in the Gulf (Oxford Gulf Initiative, 2021).
  • Geschichte der Muslimbrüder: Richard Mitchell, The Society of the Muslim Brothers (Oxford University Press, 1993).
    Bericht über digitale Überwachung in islamischen Ländern: Freedom House, Freedom on the Net, aktuelle Ausgaben (2019–2024).
  • Zu Vision 2030 und dem Islam in Saudi-Arabien: Madawi Al-Rasheed, Salman's Legacy: The Dilemmas of a New Era in Saudi Arabia (Oxford University Press, 2018).
  • Analyse des iranischen Technokratiekomplexes: Misagh Parsa, Democracy in Iran (Harvard University Press, 2016).
    Über digitale Überwachung und Kontrolle in der Türkei: Zeynep Tufekci, Twitter and Tear Gas (Yale University Press, 2017), insbesondere das Kapitel über staatliche digitale Manipulation.
Sven von Storch

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Comments

Else Schrammen

25.11.2025 | 14:20

Die islamischen Länder bringen zwar keine Nobelpreisträger hervor,  nutzen aber jede moderne Technik. Sei es Atomtechnik oder -waffen (Pakistan hat sie, Iran will sie) hin bis in den alltäglichen Bereich. Gibt es noch einen Allahu Akbar-Jünger ohnre Smartphone? Brüllt sich noch ein Muezzin die Kehle heiser, wenn er von seinem Minarett aus die Rechtgläubigen zum Gebet ruft? Nein, auch er nutzt moderne Tevhnik, Mikro und Lautsprecher!

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