Ettore Gotti Tedeschi (*1945) ist italienischer Bankmanager und Finanzethiker. Er arbeitete als Unternehmensberater in Paris, Mailand und London und lehrte als Professor für Finanzwirtschaft an mehreren Universitäten Italiens. Von 2009-2012 arbeitete er für die IOR – oder Vatikanbank – durch Benedikt XVI. eingesetzt, um Korruption entgegenzuwirken. Gotti Tedeschi gilt als Experte für Finanzethik und war Kolumnist der italienischen Zeitung Il Sole 24 Ore. Gotti Tedeschi ist verheiratet und hat fünf Kinder.
[Das Interview wurde auf Italienisch geführt. Übersetzung ins Deutsche von der Freien Welt]
Freie Welt: In ihrem Buch «Un Mestiere del Diavolo» («Eine Arbeit des Teufels») sprechen Sie von einer anti-katholischen Gnosis. Was meinen Sie damit? Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Gotti Tedeschi: Die Antwort liegt in der Widmung, die ich meiner ersten Nichte (Olly), 2015 geboren und ansässig in London, geschrieben habe: «Wenn Du dieses Buch lesen und verstehen kannst, dann wirst Du Dich vielleicht über die Bedenken Deines Großvaters bezüglich der wahren Gründe der ‚Erderwärmung‘ wundern. Wer weiß, in zwanzig Jahren kann es schon sein, dass man per Gesetz zum sündigen verurteilt wird. Man wird dann ‚beichten‘ (wer weiß wie und bei wem), weil man ein gutes Werk verrichtet hat. Dann, wenn gute Taten unrechtmäßig geworden sind, werden wir aus Ungehorsam zum Gesetz, aber aus Gehorsam zum Naturgesetz, wieder dahin zurückkommen, gute Taten zu verrichten.» Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich die Natur und das Handeln aus dem Blickwinkel der Gnosis betrachten will, die heute leider zu triumphieren scheint und alles Gute unterminiert und das Böse gut erscheinen lässt. Wie die mythologische babylonische Königin Semiramis, die in ihrem eigenen Königreich das legal machte, was zuvor illegal war. Die Gnosis ist der wahre Feind der Wahrheit Christi, die Gnosis versucht die Kirche zu zerstören, die katholisch, apostolisch und römisch ist.
Freie Welt: Die Gnosis greift die christliche «Genesis» an – mit Papst Franziskus scheint der Schutz der «Umwelt» einen neuen Stellenwert in der Praxis der Kirche zu erlangen – was halten sie von seinem Unterfangen, dargestellt in Laudato Si?
Gotti Tedeschi: Die Gnosis versucht die göttliche Genesis in eine gnostische Genesis zu verwandeln. Ihr Ziel ist seit jeher, die Schöpfung und die Kreatur neu zu schaffen. Die Gnosis lehrt, dass beide, Schöpfung und Geschöpf, unvollkommen sind. In der Praxis versucht sie die vier (dogmatisch-lehramtlichen) Zeichen der Schöpfung, durch vier praktische «Realitäten» zu ersetzen. In der Genesis, schafft der Schöpfer Mann und Frau, männlich und weiblich. Er gebietet ihnen zu gehen und sich fortzupflanzen, er lädt sie ein, die Güter der Erde zu nutzen, und sich jedes Tier untertan zu machen. Die «Realitäten» der gnostischen Genesis, stehen diesen vier Wahrheiten gegenüber: die Gender-Theorie, der Malthusianismus, der Umweltschutz und der Tierschutz. Zu Laudato Sì: Am selben Tag der Veröffentlichung [des päpstlichen Dokuments] wurde in Il Folgio beschrieben, wie dieselben, die das Umweltproblem ausgelöst haben (wenn es wahr wäre), diejenigen sind, die es heute lösen wollen. Ich würde mir vom Heiligen Vater wünschen, die Ursachen des Problems zu vertiefen, bevor man die Konsequenzen beurteilt. Wenn die Diagnose nicht korrekt ist, dann läuft auch die Prognose in Gefahr, falsch zu sein.
Freie Welt: Die Ideologie des «Umweltschutzes» nimmt besonders in Deutschland teils menschenfeindliche Züge an. Wodurch unterscheidet sich die Ideologie Umweltschutz von einer Wahren Bewahrung der Schöpfung?
Gotti Tedeschi: Wenn der Mensch als «Krebsgeschwür der Natur» dargestellt wird, der sie durch seine Gier, Selbstsucht und Gleichgültigkeit der Schöpfung gegenüber zerstört, dann ist es offensichtlich, dass er keinen adäquaten Umweltschutz leistet. Aber der „Umweltschutz“ als universale Religion hat eine andere Geschichte und andere Ziele. Der Umweltschutz wurde als universale Religion der globalisierten Welt ausgewählt, um die impliziten geistlichen Strömungen in jeder Religion (unter Annahme, dass die Religionen von Menschen erfunden wurden) zu vereinen und damti der gesamten Menschheit ein gemeinsames Ziel zu geben: die Heiligkeit der Umwelt muss vom Menschen selbst geschützt werden. Dies impliziert natürlich Denaturalität, Wachstumsschwund usw. Das aber ist nichts Neues. Ich lade die Leser ein, (neben Malthus und Darwin) die philosophischen Werke des «Papstes» des Positivismus, Auguste Comte (1798-1857) zu lesen, in denen er deutlich eine ideologische Allianz mit den Jesuiten eingehen wollte (die zurückgewiesen wurde), die katholische Religion in eine positivistische Religion zu verwandeln…
Freie Welt: Welche Art der «Reform» braucht der Vatikan heute?
Gotti Tedeschi: In unserer Zeit ist es, meiner Meinung nach, nötig einen neuen «Syllabus» zu formulieren, das heißt, eine Liste mit den größten Fehlern unserer Zeit, wie ihn Papst Pius IX. im Jahr 1854 formuliert hatte. Es ist für mich sinnlos von Reformen zu sprechen, die meiner Meinung nach notwendig seien, wenn man nicht zuerst versteht, auf welchen lehramtlichen Grundlagen man fußen muss. Ich meine damit: Wie könnte man eine liturgische Reform umsetzen, bevor man nicht erklärt, was die Heilige Messe ist? Stattdessen wurde die Reform in der Vergangenheit unabhängig von der Bedeutung und dem Wert der Messe umgesetzt. Die Ergebnisse liegen auf der Hand. In seinen Schlussfolgerungen zu Caritas in Veritate, schreibt Benedikt XVI., dass zur Lösung eines ernsten Problems – wenn etwas nicht funktioniert – nicht die Werkzeuge geändert werden müssen, sondern das menschliche Herz. Man könne die Instrumente ändern, aber da es der Mensch ist, der sie in die Hand nimmt und mit ihn>
Gotti Tedeschi: Ich habe es bereits in der Antwort auf die erste Frage anklingen lassen, als ich von der Widmung an meine Nichte sprach. Leo XIII. hatte es gut verstanden – er hat es sogar gehört und gesehen – und Gebete geschrieben, die gebetet werden sollten, die dann aber in Vergessenheit geraten waren (denken Sie einmal an die Anrufungen an den Erzengel Michael). Die Jungfrau von Fatima hat uns ein Versprechen gegeben. Für mich ist es in den nächsten zwanzig Jahren genug «Kirche zu sein» (in der Hoffnung, diese noch zu erleben). Ich verstehe die Frage, aber ich habe im Herzen nicht den Frieden zu antworten. Ich würde sie an denjenigen richten, der den Sinn unserer Zeit in übernatürlichem Sinn besser versteht als ich es könnte.
Freie Welt: Und Europas?
Gotti Tedeschi: Gute Frage. Welches Europa? Das der katholischen Gründerväter Adenauer, De Gasperi, Schuman… oder das Europa von Ventotene di Altiero, Spinelli und Rossi? Das erste sollte ein föderales und subsidiäres Europa mit einzelnen Staaten sein, die sich gegenseitig wertschätzen. Das zweite ist zentralisiert und technokratisch. Ich habe gelesen, dass Jean Monnet, bevor er starb, sagte, dass er, wenn er zurückkehren könnte, das zentralisierte Europa nicht auf Geld und Wirtschaft stützen würde, sondern zunächst eine kulturelle Einheit geschaffen hätte! Ha! Zwischen Kultur und Geld weiß ich oft nicht, was man wählen soll und ich kann ihnen nicht sagen, was als Grundlage besser geeignet wäre… Auch die Kultur kann verletzten, missbraucht werden und bestochen werden… manchmal mehr als das Geld.


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