Der Monitor der Konrad-Adenauer-Stiftung hat aktuell ergeben, dass die AfD besonders bei polnischen Mitbürgern und Spätaussiedlern mit russlanddeutschem Hintergrund die führende Kraft ist. Doch auch unter anderen Gruppen etablierter Zuwanderer wächst der Zuspruch. Auf den zweiten Blick ergibt das durchaus Sinn – es geht um Fragen der Fairness und des hart erarbeiteten Platzes in unserer Gesellschaft.
Viele derjenigen, die in den 1960er-Jahren als türkische Gastarbeiter in unseren Fabriken schuften mussten oder in den 1990er-Jahren als Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien kamen, haben Jahrzehnte gebraucht, um hier Fuß zu fassen. Sie haben sich mit viel Mühe und Ausdauer in die deutsche Gesellschaft integriert, oft unter schwierigen Bedingungen. Die Einbürgerung war für sie ein langer Weg, der mit strengen Auflagen verbunden war – darunter der Verzicht auf die alte Staatsbürgerschaft. Heute beobachten sie mit gemischten Gefühlen, wie Neuankömmlinge, etwa aus Syrien seit 2015, wesentlich schneller den deutschen Pass erhalten können.
Dieses Ungleichgewicht stößt bei vielen auf Unmut. Es fühlt sich an wie eine Missachtung ihrer eigenen Leistungen: Warum mussten sie so lange warten und so viele Hürden überwinden, während andere scheinbar mit weniger Aufwand integriert werden? Die etablierten Zuwanderer sehen sich als Teil der deutschen Mehrheitsgesellschaft und teilen die Sorge um die Richtung, in die sich unser Land entwickelt. Sie befürchten, dass die jüngsten Veränderungen in der Migrationspolitik nicht nur Ungerechtigkeiten schaffen, sondern auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden.
Bis Ende der 1990er-Jahre galt in Deutschland das Prinzip des Abstammungsrechts: Deutscher wurde man vor allem durch Geburt von deutschen Eltern. Für die Generation der Gastarbeiter aus der Türkei oder Jugoslawien bedeutete das oft ein Leben in der Grauzone – jahrelanges Arbeiten und Steuernzahlen, ohne volle Rechte. Kinder, die hier geboren wurden, galten lange als Ausländer. Wer den Pass wollte, musste nicht nur jahrelangen Aufenthalt nachweisen, sondern auch Sprachkenntnisse, finanzielle Unabhängigkeit und den Verzicht auf die Herkunftsstaatsbürgerschaft unter Beweis stellen. Es dauerte, bis Deutschland sich als Einwanderungsland verstand und die Regeln lockerte.
Heute sieht die Lage anders aus. Durch Reformen der Ampel-Koalition seit 2023 können Zuwanderer bereits nach fünf Jahren eingebürgert werden, bei herausragenden Integrationsleistungen sogar nach drei. Die Mehrfachstaatsbürgerschaft ist nun erlaubt, was den Verzicht auf die alte Nationalität überflüssig macht. So konnten viele Syrer, die 2015 kamen, schon ab 2020 den Pass beantragen – und Neuankömmlinge aus den Folgejahren sind nun ebenfalls in greifbarer Nähe.
Psychologische und soziale Spannungen
Hinter diesen rechtlichen Änderungen stecken tiefergehende Konflikte. Wer selbst hart für Anerkennung gekämpft hat, schätzt sie umso mehr und reagiert empfindlich, wenn sie anderen leichter zuteilwird. Dazu kommt der Alltag: In vielen Städten spürt man die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum, Arbeitsplätze und soziale Hilfen. Etablierte Zuwanderer fühlen sich oft in die Verantwortung genommen für Probleme, die sie nicht verursacht haben – etwa wenn Neuankömmlinge in Kriminalitätsstatistiken auffallen. Viele türkischstämmige Deutsche sorgen sich um den Verlust ihrer erworbenen Heimat und wollen das bewährte Deutschland erhalten. Der Frust kulminiert in dem Gefühl: Genug ist genug.
Die AfD greift diese Stimmungen als einzige Kraft überzeugend auf. Für etablierte Zuwanderer, die sich nicht mehr als "Fremde" sehen, sondern als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft, ist die Wahl der Partei kein Widerspruch zu ihrer eigenen Geschichte. Im Gegenteil: Sie drückt aus, dass sie ihren Status verteidigen wollen. Das zeigt sich auch in lokalen Wahlen, etwa zu Integrationsräten in Nordrhein-Westfalen: In Städten wie Gummersbach erreichte die AfD über 30 Prozent, in Paderborn knapp 25 Prozent. Hier wird klar: Die Politik muss sensibler mit den Erfahrungen aller Bürger umgehen, um Spaltungen zu vermeiden.


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