Während die deutsche Industrie unter explodierenden Energiekosten ächzt und immer mehr Unternehmen über Abwanderung nachdenken, arbeitet Berlin bereits am nächsten großen Gasabkommen. Diesmal soll Kanada helfen.
Konkret geht es um rund 1 Million Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr, die künftig über das geplante LNG-Terminal Ksi Lisims an der Westküste Kanadas nach Deutschland geliefert werden sollen. Zuständig wäre die staatliche SEFE mit Sitz in Berlin – jenes Unternehmen, das früher als Gazprom Germania bekannt war und nach dem Ukraine-Krieg verstaatlicht wurde.
Der nächste Milliarden-Deal
Nach Informationen von Bloomberg will Kanadas Energieminister Tim Hodgson die Vereinbarung in Vancouver vorstellen. Offiziell bestätigt wurde der Deal bisher allerdings noch nicht.
Pikant daran: Das LNG-Terminal Ksi Lisims existiert bislang nur auf dem Papier. Mit dem Bau wurde noch gar nicht begonnen.
Geplant ist eine Kapazität von 12 Millionen Tonnen LNG jährlich. Damit würde die Anlage zu einem der größten LNG-Terminals Kanadas aufsteigen. Energieriesen wie Shell und TotalEnergies sollen sich laut Reuters bereits langfristige Lieferrechte über 20 Jahre gesichert haben.
Wann tatsächlich das erste Schiff Richtung Deutschland fahren könnte, bleibt dagegen völlig offen.
Mit anderen Worten: Berlin plant Lieferverträge für Gas aus einer Anlage, die noch gar nicht gebaut wurde.
Gasreise um die halbe Welt
Besonders kurios wirkt die geografische Realität des Projekts. Das Terminal liegt am Pazifik – also eigentlich ideal für asiatische Märkte wie Japan, Südkorea oder China.
Doch Deutschland liegt auf der anderen Seite der Welt.
Um Europa zu erreichen, müsste das kanadische LNG entweder durch den Panamakanal transportiert oder über extrem lange Seewege verschifft werden. Teilweise könnten auch komplizierte Tauschgeschäfte mit anderen Abnehmern notwendig werden.
Kanadas Energieminister sprach selbst von „mehreren Optionen“. Einige Tanker könnten den Panamakanal nutzen, andere längere Routen nehmen, wieder andere Lieferungen würden möglicherweise mit europäischen Partnern getauscht.
Für viele Kritiker klingt das weniger nach einer stabilen Energieversorgung als nach einem hektischen Improvisationsmodell.
Deutschland sucht verzweifelt neue Lieferanten
Hintergrund der neuen Partnerschaft ist die grundlegende Neuordnung der deutschen Energieversorgung nach dem Ausfall großer Teile russischer Gaslieferungen.
Deutschland hatte über Jahrzehnte vergleichsweise günstiges Pipelinegas aus Russland bezogen. Nach dem Ukraine-Krieg und dem Ende von Nord Stream setzte Berlin verstärkt auf LNG-Lieferungen – vor allem aus den USA.
Doch auch diese Strategie wird zunehmend kontrovers diskutiert. Flüssiggas aus den USA gilt deutlich teurer als früheres Pipelinegas. Zudem sorgen politische Spannungen mit Washington für neue Unsicherheit.
Kanada präsentiert sich deshalb nun als alternative Bezugsquelle. „Wir können genau diese Alternative sein“, erklärte Energieminister Hodgson laut Reuters.
Die Kosten explodieren weiter
Für Industrie, Mittelstand und private Haushalte bleibt die entscheidende Frage jedoch dieselbe: Wer bezahlt am Ende die Rechnung?
Denn LNG gehört grundsätzlich zu den teuersten Formen der Gasversorgung. Das Gas muss zunächst heruntergekühlt und verflüssigt, anschließend per Spezialschiff transportiert und später wieder in Gasform umgewandelt werden.
Hinzu kommen im Fall Kanadas die enormen Transportdistanzen über mehrere Ozeane.
Wirtschaftsverbände warnen deshalb seit Monaten vor dauerhaften Wettbewerbsnachteilen für Deutschland. Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Maschinenbau stehen massiv unter Druck.
Immer mehr Unternehmen investieren inzwischen lieber im Ausland – dort, wo Energie günstiger verfügbar ist.
Industrie verliert den Anschluss
Die Folgen werden zunehmend sichtbar. Produktionskapazitäten werden reduziert, Werke geschlossen oder neue Investitionen verschoben.
Gerade die deutsche Chemieindustrie kämpft mit einem historischen Wettbewerbsproblem. Auch die Stahlbranche und große Teile des industriellen Mittelstands warnen vor einem schleichenden Verlust des Standorts Deutschland.
Gleichzeitig steigen die Belastungen für private Haushalte weiter. Viele Verbraucher leiden bereits seit Jahren unter hohen Strom- und Heizkosten.


Comments
... „Deutschland steckt…
... „Deutschland steckt weiter tief in der Energiekrise – und die Bundesregierung greift nun zum nächsten gigantischen LNG-Deal.“ ...
Weil die Russen nicht mehr liefern dürfen, uns unsere(?) US-Freunde(?) als Ausgleich aber vertraglich zusicherten, entsprechend Abhilfe zu schaffen??? https://www.google.com/search?q=von+der+leyen+schloss+mit+den+usa+einen+milliarden+vertrag+zur+lieferung+von+gas&rlz=1C1ONGR_deDE1024DE1024&oq=von+der+leyen+schloss+mit+den+usa+einen+milliarden+vertr…
Gibt es damit nicht aber auch die Möglichkeit, den Vertragspartner entsprechend in Haftung zu nehmen???
"Industrie verliert den…
"Industrie verliert den Anschluß" - genauso ist das doch geplant!
Billiges Gas aus Russland könnte sofort über die noch intakte NS2-Pipeline geliefert werden.
Aber das wäre nicht nur gut für Deutschland, sondern auch für Russland, und genau das ist nicht im Sinne unserer Fremdherrschaft.
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