Albanien und die fast nur noch von Albanern bewohnte frühere serbische Provinz Kosovo, seit 2008 unabhängig, setzen ihren Kurs der Annäherung fort. Eine gemeinsame Zollbehörde wurde bereits umgesetzt. Ab Januar sollen sämtliche Grenzkontrollen zwischen beiden Ländern wegfallen. Lediglich die Vorstellung eines gemeinsamen Staatspräsidenten wurden nach internationalen Protesten zurückgestellt.
Die Pläne zur Schaffung eines von EU und USA abgelehnten Groß-Albaniens bekommen nun durch aktuelle Äußerungen des Kosovo-Staatspräsidenten Hashim Thaci weiteren Aufwind, der neben dem Ziel einer Vereinigung beider Staaten Ansprüche auf Gebiete in Nachbarländern erhebt, in denen ebenso Albaner wohnen.
Hashim Thaci verlangte in Pristina erneut »Grenzkorrekturen«, also »die Vereinigung des Presevo-Tals mit dem Kosovo«. In der Region um die Städte Presevo, Bujanovac und Medvedje in Südserbien leben schätzungsweise bis zu 100.000 Albaner, die sich als von der Regierung in Belgrad zurückgesetzt bezeichnen.
Diese »Grenzkorrektur« sei »machbar« und »notwendig«, »weil es Serbien nicht geschafft hat, ihnen Minderheitenrechte zu garantieren«, lieferte Thaci zur Begründung. Neben den serbischen Grenzgebieten zum Kosovo verweist Thaci auch auf die in Mazedonien lebende halbe Million Albaner, plus Zehntausende in Montenegro.
Seit der vor zehn Jahren ausgerufenen Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien, die bislang lediglich von 111 der 193 UN-Mitgliedsstaaten anerkannt wird, ist die Frage von Grenzen in dieser Region ein sensibles Thema. Serbien besteht nach wie vor darauf, dass das emotional für ihn wichtige Kosovo eine Provinz seines Landes ist, nur derzeit abtrünnig.
Dieses hängt auch damit zusammen, dass das Amselfeld, was deutsche Entsprechung des serbokroatischen Wortes Kosovo ist, die Urheimat der Serben ist und ab dem 9. Jahrhundert Teil des Staatsgebiets war. Hier stehen die ältesten Klöster, Kirchen und Heiligtümer der serbisch-orthodoxen Kirche in einer heute mehrheitlich muslimischen Umgebung.
1454 verloren die Serben die legendäre Schlacht auf dem Amselfeld gegen die Türken. Serbien wurde Teil des Osmanischen Reichs wie auch das Nachbarland Albanien. Nachdem die Albaner recht bereitwillig zum islamischen Glauben übertraten, siedelten die Osmanen diese verstärkt im angrenzenden Kosovo an. Am Ende obsiegte die Geburtenquote. Im späten 19. Jahrhundert war bereits der westliche Kosovo mehrheitlich albanisch besiedelt.
Nun geht bei Serbien die Angst um, endgültig Zugang zu den serbisch-orthodoxen Stätten zu verlieren, wenn es nicht nur einen unabhängigen Kosovo gibt, sondern der auch noch Teil eines anderen Staatsgebiets im Rahmen von Groß-Albanien werden soll. »Alle Balkanländer haben Grund zur Sorge«, kritisierte nun auch Serbiens Verteidigungsminister Aleksandar Vulin. Die Idee sei »ein Unglück, das mit allen Kräften verhindert werden« müsse.
Der großalbanische Ideologe Koco Danaj tourt wie schon seit Jahren durch die für einen neuen Staat beanspruchten Gebiete mit dem Slogan »Die albanische Frage ist noch nicht gelöst«. Dabei beklagt er, dass die Albaner ähnlich wie die Kurden als sogenannte verspätete Nation auf viele Staaten aufgeteilt seien und diese nun zu einem Staat werden müssten.
Streit gibt es andererseits auch weiter um die Autonomie der serbischen Minderheit im Kosovo. Am Sonnabend lief eine viermonatige Frist der EU an die Kosovo-Regierung zur Vorlage eines schon lange verabredeten Autonomie-Statuts für die insgesamt zehn Prozent Serben im Norden des Landes. Bisher lieferte die Kosovo-Hauptstadt Pristina nicht. Die Sorge vor neuer Gewalt zwischen Kosovo-Albanern und Serben geht um.
Einen Gebietstausch für eine mehrheitlich von Serben bewohnte Region im Nord-Kosovo lehnt die kosovarische Regierung jedoch auch ab. Laut Regierungschef Ramush Haradinaj würde das zum Krieg führen. Gleichzeitig erhebt die gleiche Regierung aber dann - ohne diese Sorge - Anspruch auf das von mehrheitlich Albanern bewohnte südserbische Presevo-Tal jenseits der Grenze.
Hashim Thaci fordert umfassende »Grenzkorrekturen« auf dem Balkan
Kosovo-Präsident befeuert Pläne für Groß-Albanien
Während man ein EU-Ultimatum verstreichen ließ, der serbischen Minderheit im Kosovo mehr Rechte einzuräumen, träumt die Regierung in Pristina immer lauter vom Anschluss des Kosovo an Albanien sowie zusätzlichen Gebieten in Serbien, Mazedonien und Montenegro.
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