Zum Ableben von Helmut Kohl

Der Kanzler der Einheit ist tot

Er prägte die Bundesrepublik mit einer 16-jährigen Amtszeit wie kaum ein anderer und war Kanzler der deutschen Einheit. Über 25 Jahre führte er bis 1998 die CDU. Am Freitag starb 87-jährig Altkanzler Helmut Kohl.

Freie Welt

Im Alter von 87 Jahren ist am Freitag Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl gestorben. In jenem Ort, wo er auch am 3. April 1930 geboren wurde: im Ludwigshafener Ortsteil Oggersheim. Keiner regierte mit 16 Jahren die Bundesrepublik Deutschland so lange wie er. Der Tod bot Gelegenheit alte Wahrnehmungen einer 19 Jahre zurückliegenden Ära aufzufrischen oder Vergleiche zur jetzigen Merkel-Regierung zu ziehen. Die Anteilnahme zu dem traurigen Anlass ging quer durch alle politischen Lager. 

Lediglich die linksalternative Berliner Tageszeitung »taz« zeigte sich pietätlos. Auf dem Cover der Wochenendausgabe fand sich unter der Zeile »Blühende Landschaften« reichhaltiger Grabblumenschmuck samt einer Birne über einem Trauerflor. In sozialen Netzwerken bewerteten das viele als »geschmacklos« oder »absolut niveaulos«. Schließlich musste sogar der Chefredakteur der Berliner »taz« die eigene Titelseite zum Tod des Altkanzlers als missglückt bezeichnen und entschuldigte sich.

Der 1,93 Meter-Mann aus der Pfalz bediente viele Superlativen. Er war in vielem damals der jüngste. Schon mit 16 trat der überzeugte Katholik 1946 in die CDU ein. Und das obwohl er – später zugebend– damals Kurt Schumacher interessanter fand als Konrad Adenauer, als dessen politischer Enkel er immer wieder bezeichnet wurde. Kohl gefiel dessen stärkere Vision der deutschen Einheit, während Adenauer mit dem preußischen Teil im Osten fremdelte.

Mit 17 Jahren gründete Kohl ein Jahr später die Junge Union in Ludwigshafen, mit 25 Jahren gin g es in den CDU-Landesvorstand Rheinland-Pfalz, mit 29 Jahren übernahm er den Vorsitz des CDU-Kreisverbandes Ludwigshafen und wurde Landtagsabgeordneter. Mit bereits 33 war er im Landtag Fraktionsvorsitzender.

Mit 39 Jahren hatte der unterdessen als Jurist und Historiker promovierte Helmut Kohl es geschafft, der jüngste Ministerpräsident Deutschlands zu werden. Von 1969 bis 1976 regierte er Rheinland-Pfalz. 1973 übernahm er 43-jährig schließlich den Bundesvorsitz der CDU, nachdem er zwei Jahre zuvor noch in einer Kampfabstimmung gescheitert war,  Nachfolger von Kurt Georg Kiesinger zu werden. Doch Rainer Barzel war erfolglos, scheiterte 1972 mit einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt.

Das war die Stunde von Helmut Kohl, denn der mit einem Team von »Jungen Wilden« angetretene Pfälzer warb damit die von alten Männern geprägte CDU zu reformieren und erneuern, wieder gegenüber der Brandt-SPD mehrheitsfähig zu machen. Dazu holte er verschiedenste  Leute in seine Mannschaft, anerkannte Wissenschaftler, Leute mit Wirtschaftserfahrung, aber auch Köpfe, die jeweils nach außen für ein christlich-soziales, liberales oder konservatives Image standen. Kohl sollte 25 Jahre den Parteivorsitz halten.

Unter Helmut Kohl holte die CDU/CSU 1976 das zweitbeste Ergebnis ihrer Geschichte mit 48,6 Prozent, lag sechs Prozentpunkte vor der SPD. Das tragische war nur, dass es trotzdem nicht zur Regierungsbildung reichte. Der 46-jährige, der in Rheinland-Pfalz eine christlich-liberale Koalition anführte, hoffte auf die FDP, doch die wollte weiter dem frisch amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) als Beschaffer einer hauchdünnen Mehrheit dienen.

Kohl legte seinen Ministerpräsidentenposten in Mainz nieder und wechselte als Oppositionsführer in den Bundestag. Dort geriet der Pfälzer sehr schnell in Konflikt mit der CSU, die zeitweise die Fraktionsgemeinschaft aufkündigten. CSU-Chef Franz-Josef Strauß sprach Kohl öffentlich Führungsqualitäten und die Befähigung für das Amt des Bundeskanzlers ab. 1980 verzichtete Kohl schließlich auf eine erneute eigene Kandidatur als Bundeskanzler und überließ Strauß die Position, der aber nur 44,5 Prozent einfuhr.

Als Partei- und Fraktionschef baute Kohl im Hintergrund zielstrebig die Kontakte zu Hans-Dietrich Genscher und der FDP aus, wo er 1976 noch einen Korb bekam. 1982 war es dann soweit, dass die Liberalen nicht länger bereit waren, eine in Flügelkämpfen zerstrittene SPD zu stützen und dementsprechend ihre Minister zurückzogen. Über ein Konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt (SPD) wurde Kohl 1982 mit den Stimmen von CDU/CSU und FDP zum neuen Bundeskanzler gewählt. Er sollte es 16 Jahre bleiben.

Die Zeit von Helmut Kohl war von Licht und Schatten geprägt. Zweifellos gilt er als Architekt der deutschen Vereinigung 1990, da er zur rechten Zeit verstand, kraft seines Amtes die Initiative zu übernehmen und die internationalen Kontakte so einzutakten, dass es insbesondere von alliierter Seite kein Veto gegen diese Einheit gab.

Zweifellos dauerte es in der langen Kanzlerschaft eine Weile, bis Helmut Kohl wirklich größere Anerkennung zuteil wurde - und die Entwicklung in der DDR sollte ihm dabei später auch noch helfen. Bei der 1983 anberaumten Neuwahl konnte er sein Ergebnis von 1976 noch einmal mit 48,8 Prozent geringfügig toppen. Danach ging es aber mit der Union in den Ergebnissen immer ein Stückchen bergab, auch wenn es für die Koalition aus Union und FDP letztlich reichte.

CSU-Chef Franz-Josef Strauß stand ihm bis zu einem Ableben 1988 kritisch gegenüber. Die Konservativen bemängelten, dass die von ihm versprochene »geistig-moralische Wende« ausblieb und vieles aus der sozialliberalen Ära fortgesetzt wurde. Es kamen zeitweise rechts der Union die »Republikaner« auf. Für so einige galt er aufgrund seines Pfälzer Dialekts als provinziell. Für die Linken war er ohnehin eine Hassfigur und wurde spöttisch als »Birne« tituliert.

Als die Union Ende der 80er Jahre so manche Wahlniederlage in den Bundesländern zu beklagen hatte, war Kohl massiver innerparteilicher Kritik ausgesetzt. Der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth versuchte 1989 einen Putsch gegen Kohl als CDU-Chef einzufädeln, doch dann kam die Fluchtwelle in der DDR und der Kanzler verstand es immer mehr sich damit trefflich zu inszenieren, so dass er sein politisches Überleben sicherte.

Der Umbruch in der DDR war der politische Glücksfall im Leben Kohls, und andererseits war es auch ein Glücksfall, dass er und kein damaliger SPD-Spitzenpolitiker Oskar Lafontaine im Wende-Herbst 1989 an der Spitze einer bundesdeutschen Regierung stand. Anfänglich zögerlich, ob man das Wort Wiedervereinigung in den Mund nehmen dürfe, anfangs nur von konföderativen Strukturen sprechend, erkannte Kohl die einmalige Gunst der Stunde und nutzte sie. 

Der entscheidende Wandel vollzog sich endgültig als bei seiner Rede am 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Frauenkirche lautstarke Rufe nach der deutschen Einheit ertönten. Es half ihm der Instinkt des Historikers, der aus der Geschichte der Völker gelernt hat, fast alles richtig zu machen, um binnen nicht mal eines Jahres zwei deutsche Staaten zusammenzuführen.

Die USA unter George Bush senior hielten den deutschen Kanzler länger für verlässlich und gaben den Deutschen freie Hand. Zu Michail Gorbatschow gelang es Kohl schnell einen engen und sehr persönlichen Kontakt aufzubauen. Die Engländer und Franzosen unter Maggie Thatcher und Francois Mitterrand waren keine wirklichen Freunde eines neuen starken Deutschlands, stimmten aber letztlich unter dem Preis zu, dass Kohl dieses noch stärker in ein europäisches Korsett zwängte und später sogar die D-Mark opfern musste.

Letztlich war aber die Vision eines enger zusammenwachsenden Europas ohnehin eine die ihn aus der Erfahrung stets politisch prägte, als junger Mensch, die Trümmer des Zweiten Weltkriegs erlebt zu haben, in einer Region, die nicht weit von Frankreich liegt, und dass er die Konsequenz daraus ziehen wollte, dass es dieses alte Gegeneinander nicht mehr geben darf.

Dezember 1990 wurde Helmut Kohl in der ersten gesamtdeutschen Wahl als Bundeskanzler abermals wiedergewählt. Später gehörte Kohl in der lebhaften Debatte, ob Bonn oder Berlin Regierungssitz des vereinten Deutschlands wird, die nur knapp zugunsten der Metropole an der Spree entschieden wurde, zu den eifrigsten Befürwortern Berlins. Seine langjährige Ehefrau Hannelore war  gebürtige Berlinerin.

Kohl schöpfte viel Kraft aus einer gewissen Bodenständigkeit und dem Vermögen Schmähungen linksintellektueller Kreise an sich abperlen zu lassen. Anfangs als provinziell belächelt, weil er kraft seines Pfälzer Dialekts Worte anders aussprach, konnte Helmut Kohl schließlich das etwas Biedere und Spießige zu seinem Markenkern machen.  Die Strickjacke, die er immer wieder gerne trug, der  Urlaub in den Bergen am Wolfgangsee, vermochte zu signalisieren, einer aus  dem Volk zu sein.

Kohl war schließlich 1998 der erste deutsche Kanzler, dessen Regierungskoalition abgewählt wurde. Die SPD warb unter Gerhard Schröder erfolgreich mit der Kampagne »16 Jahre sind genug«. Bis dahin erfolgten Amtswechsel immer durch Rücktritte oder Veränderungen der Koalition. Ende 1999 kam ein großer Imageschaden für Kohl auf, als bekannt wurde, dass er für die Partei undeklarierte Spenden in Millionenhöhe angenommen hatte und sich standhaft weigerte die Spender zu nennen, weil er bei ihnen im Ehrenwort stehe. 

Die junge Angela Merkel, einst »Kohls Mädchen« als Umweltministerin im Kabinett, nutzte die Gunst der Stunde, distanzierte sich von ihrem einstigen Förderer und spülte sich auf der Welle der CDU-Spendenaffäre an die Spitze der Partei, die zwischenzeitlich der an den Transaktionen nicht ganz unbeteiligte Wolfgang Schäuble übernommen hatte. Zwischen Angela Merkel und Helmut Kohl blieb das Miteinander immer frostig. Ähnlich wie Strauß einst gegen Kohl frotzelte, kritisierte der Pfälzer Merkels Kanzlerschaft mal damit, sie könne das nicht. Auch das einst freundschaftliche Verhältnis von Schäuble zu Kohl blieb seit 1999 zerrüttet.

Der Oggersheimer legte damals sein gerade erhaltenes Amt als CDU-Ehrenvorsitzender nieder und musste nach einer Gerichtsverhandlung 300.000 D-Mark Bußgeld zahlen. Trotzdem blieb Kohl ein vielgefragter Redner für Veranstaltungen. Seit einem Schädel-Hirn-Trauma infolge eines Sturzes 2008 trat der körperlich davon gezeichnete und im Rollstuhl sitzende Kohl seltener in der Öffentlichkeit auf.

Die Zeit von Helmut Kohl war bilanzierend mit allerlei Höhen und Tiefen versehen. Man musste seine Visionen nicht teilen, aber er strahlte zumindest noch anders als seine Nach-Nachfolgerin Angela Merkel welche aus. Bei der Deutschen Einheit hat Kohl zweifellos schnell erkannt, wie das kleine Zeitfenster, das sich damals bot, optimal genutzt werden konnte. Das machte ihn dann letztlich zum Staatsmann, der den Deutschen einen gewissen Respekt im Ausland verschaffte.

Sven von Storch

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