Am 9. Oktober soll in Leipzig der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution gefeiert werden. An jedem Datum zwei Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR kamen Zehntausende in der Leipziger Innenstadt zu Friedensgebeten zusammen. Unter dem lautstarken Ruf »Wir sind das Volk« artikulierten sie ihren Unmut gegen das SED-Regime.
Die DDR-Staatsführung ließ in Größenordnung mit Maschinenpistolen ausgerüstete Sicherheitskräfte auffahren, um jegliche Demonstrationen zu unterbinden, auch unter Schusswaffeneinsatz. In letzter Minute blieb der Einsatzbefehl und ein Blutbad aus, auch weil Wehrdienstleistende der Volksarmee ankündigten, nicht auf Landsleute zu schießen. Das war der Anfang vom Ende der DDR.
Hinsichtlich der Feier des Jubiläums herrscht jetzt dicke Luft, denn die geplante Festrede zur Friedlichen Revolution in der DDR am 9. Oktober in einem Konzert der Philharmonie soll ausgerechnet Linken-Spitzenpolitiker Gregor Gysi halten. Das empört damalige Bürgerrechtler, denn Gysi war von Ende 1989 an der letzte Parteichef der SED, die sich Monate später in PDS umbenannte.
Die Bürgerrechtler wollen nicht nachvollziehen, dass ausgerechnet ein Vertreter der SED eine Laudatio zu jenem Ereignis halten soll, wo unter dem Druck der Massen her von unten das Ende des SED-Regimes eingeleitet wurde. Viele Bürgerrechtler haben nun in ihrer Wut einen offenen Brief veranlasst, in der sich gegen Gysis Auftritt am 9. Oktober richten.
Darin schreiben sie: »Wir können nicht glauben, dass die Geschichtsvergessenheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass nun schon diejenigen zu Festreden eingeladen werden, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten.« Es sei zynisch und empörend, dass dieser Auftritt ausgerechnet in einer Leipziger Kirche geplant ist.
»Offenbar ist es nötig, künftig noch entschiedener auf die Verbrechen und die historische Verantwortung der SED hinzuweisen. Das werden wir tun«, kündigen die Unterzeichner an. Unterschrieben haben über 500 Persönlichkeiten, darunter Liedermacher Wolf Biermann, Ex-Stasiunterlagenchefin Marianne Birthler, Historiker Rainer Eckert, Grünen-Politiker Werner Schulz, Autorin Freya Klier, Historiker Hubertus Knabe und Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld.
Kritisiert wird weiter, dass Gysi als wichtigster Funktionär der mehrfach umbenannten SED die Aufarbeitung der SED-Diktatur persönlich und als Funktionsträger behindert habe. Gysi habe zuvor mit aller Macht versucht, die Auflösung der DDR zu verhindern, um Vermögen, Einfluss und Macht seiner Partei zu retten.
»Dass er dennoch zu einem der gefragtesten Politiker, vor allem in Deutschlands Salons und Talkshow wurde, verdankt er nicht nur seinem Talent, sondern auch der Freiheit, für die am 9. Oktober 1989 zehntausende Menschen mit größtem Risiko auf die Straße gegangen sind« , betont man im Schreiben. Von der heute gelebten Demokratie und Freiheit, für die die Demonstranten auf die Straße gegangen sind, profitieren eben auch jene, die auf der anderen Seite standen – und das ist gut so, fügen die Unterzeichner an.


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