Statt kritische Reflexion von Özils Verhalten wird wieder einmal die Faschismus-Keule geschwungen

Migrationsforscherin Foroutan erkennt präfaschistische Phase

Der Fall Özil wird wieder einmal aktiv genutzt, um unter Ausblenden von Problemen bei der Migration Deutschland kollektiv unter Faschismus-Verdacht zu stellen. So von der türkischen Regierung, aber auch der Berliner Migrationsforscherin Naika Foroutan.

In die Stimmungmache gegen ein Erstarken konservativer Strömungen in Deutschland und Europa gegen den lange zuvor vorherrschenden Linksruck in der Gesellschaft schaltet sich unter Rückgriff auf die aktuelle Zuwanderungsdebatte und den Fall Özil eine Berliner Migrationsforscherin ein. Dabei ist es die alte Masche von links, Konservativismus mit Faschismus gleichzusetzen, sich aus der Zuwanderung ergebene Probleme zu ignorieren.

Das passt ganz zur Stellungnahme der türkischen Regierung, die an diesem Montag mit großer Zustimmung auf den Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Fußballnationalmannschaft reagierte. Özil habe mit seinem Ausstieg ein »wunderschönes Tor gegen das Virus des Faschismus« geschossen, twitterte Justizminister Abdulhamit Gül zu dieser Entscheidung. Der türkische Sportminister Mehmet Kasapoglu twitterte zudem: »Wir unterstützen aufrichtig die ehrenhafte Haltung, die unser Bruder Özil gezeigt hat.«

Für die an der Berliner Humboldt-Universität lehrende Migrationsforscherin Naika Foroutan befindet sich Deutschland dann auch auf dem historischen Weg zurück. »Die gesellschaftlichen Entwicklungen weisen in eine präfaschistische Phase und ich behaupte, dass das nichts mit meiner persönlichen Befindlichkeit zu tun hat, auch nicht mit meiner migrantischen Geschichte«, sagte die Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters.

Die 46-jährige will dabei das Wort »präfaschistisch« nicht als zu stark aufgesetzt sehen, stützt sich dabei vor allem auf das Buch des Historikers Fritz Stern »Kulturpessimismus als politische Gefahr«. Sie reagiert  mit ihrer Kontroverse auf den bisherigen Fußballnationalspieler Mesut Özil. Ein Bild mit einem Autokraten, während die WM bei einem anderen Autokraten stattfinde, werde genutzt, um Özil das Deutschsein abzusprechen, beklagt sie.

Darin sähen viele Migranten eine Warnung, nämlich dass einem die Zugehörigkeit zu Deutschland jederzeit entzogen werden könne, egal welche Verdienste man habe und welche Leistungen man erbracht habe. sie habe lange an ein »neues deutsches Wir« geglaubt, das Deutschsein nicht mehr anhand von religiösen, kulturellen oder migrationsbiografischen Linien definiert werde, sondern als eine Haltung für eine plurale Gemeinschaft neu entstehe.

Nun sehe sie in Sterns Buch, dessen jüdische Familie vor dem NS-Regime in die USA fliehen musste, Parallelen. Darin beschreibt er den Aufstieg des Nationalsozialismus »und jene intellektuellen Kräfte, die einen Pessimismus verbreiteten, der als einzigen Ausweg aus einer verachteten Gegenwart nur die komplette Zerstörung alles Bestehenden übrigließ«. Immer wieder habe sie überlegt, aus Deutschland auszuwandern.

Sie habe die letzten Jahre »als eine starke Entfremdung erlebt«. Dabei übt sie auch Kritik an Alt-Bundespräsident Joachim Gauck, der nach dem Ausscheiden aus dem Amt öffentlich von »falscher Rücksicht auf Migranten« sprach. Auch das trage zu Entfremdung bei: »Wenn einen solche Bündnispartner verlassen, fängt man an zu fürchten, dass das, was vor einem liegt, noch schlimmer wird als das, was war.«

Daran, dass offenkundige Probleme anzusprechen, die der Integration hinderlich sind, dazu gehört, dass eine um so stärkere Zuwanderung das alles erschweren könnte, zu einem »Wir« zu gelangen, denkt sie nicht. Stattdessen ist es wieder ohne jede kritische Reflexion die Faschismus-Keule, die hervorgeholt wird. Dabei tragen das Auftreten Özils wie auch solche Äußerungen vielmehr dazu bei, das gesellschaftliche Miteinander zu spalten.

Sven von Storch

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