Zurück im Irak: IS-Opfer fühlt sich in Deutschland nicht länger sicher

Geflüchtete Jesidin traf in Schwäbisch Gmünd ihren IS-Peiniger wieder

Die kurdische Jesidin Aschwak Talo wurde im Irak von der Terrormiliz IS verschleppt, versklavt und missbraucht, konnte nach Deutschland fliehen. Hier traf sie den IS-Kämpfer wieder, der sie monatelang vergewaltigte. Jetzt übt sie Kritik an deutschen Behörden.

Die Bundesanwaltschaft will im Fall der Jesidin Aschwak Talo noch keine zielführenden Hinweise auf den in Deutschland aufgetauchten mutmaßlichen Täter haben, der als Angehöriger der Terrormiliz »Islamischer Staat« sie im Noden des Irak schwer gepeinigt haben soll. Es sei bisher anhand der Schilderungen des Opfers nicht gelungen, eine konkrete Person zu identifizieren, die unter dem Namen Abu Humam aufgetreten sein soll, heißt es seitens der Behörde.

Erschwerend komme laut der Bundesanwaltschaft hinzu, dass Aschwak Talo nicht ergänzend befragt werden konnte, weil sie wieder aus Deutschland in Richtung Heimat ausgereist war, als bei ihnen die Ermittlungen im Juni 2018 aufgenommen wurden. Die junge kurdische Frau jesidischen Glaubens war 2014 von der IS-Terrormiliz im Sindschar-Gebirge im Nordirak entführt, versklavt und missbraucht worden. Zusammen mit weiteren Mädchen und Frauen sei ihr die Flucht gelungen.

Aschwak Talo kam dann zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Deutschland und wurde Teil eines Hilfsprogramms des baden-württembergischen Staatsministeriums. Das Land nahm rund 1.000 Jesiden, zumeist Mädchen und Frauen auf, und brachte sie unter psychologischer Betreuungt in 20 verschiedenen Gemeinden unter.

Anfang dieses Jahres wurde sie in Schwäbisch Gmünd auf offener Straße von ihrem früheren Peiniger angesprochen, nachdem sie schon drei Jahre in Deutschland lebte. Es machte sie sprachlos, als dieser sie plötzlich auf Deutsch fragte: ‘Du bist Aschwak, nicht wahr?’ Der IS-Mann habe sie im Irak drei Monate lang immer wieder geschlagen und sexuell missbraucht. Auch andere Opfer bestätigten unterdessen der Polizei, Abu Humam in Baden-Württemberg gesehen zu haben.

Aschwak Talo erklärte, sie habe das freie Leben in Deutschland sehr geschätzt, doch das Wiedersehen mit ihrem einstigen Peiniger in Schwäbisch Gmünd war für sie Anlass, schnellstmöglich wieder in ihre kurdische Heimat zurückzukehren, wo sie sich in Nähe ihrer Familie jetzt deutlich sicherer fühle. Der Kurdistan sei ohnehin das sicherste Gebiet im gesamten Irak. Hier könne sich ein Abu Humam nicht so frei bewegen. In Deutschland würden hingegen die Behörden zu wenig gegen einreisende IS-Angehörige vorgehen.

Richard Arnold (CDU), Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd, wies unterdessen Vorwürfe der 19-jährigen Kurdin zurück, die Behörden in Deutschland hätten sie im Stich gelassen. »Man hat alles unternommen, um die junge Frau zu schützen«, sagte dieser. Sie sei umfangreich betreut worden. Ihr wurde auch ein Wohnungswechsel angeboten, damit sie nicht wieder aufihren Peiniger stoße. Das hätte sie aber abgelehnt.

Die Behörde ermittelt derzeit weiter gegen eine als Abu Humam  firmierende Person wegen möglicher Verbrechen gegen das Völkerrecht. Weitere Einzelheiten wolle man jedoch aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht nennen.


Sven von Storch

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