Selbst zu Zeiten der deutschen Teilung gehörte das Wartburgfest in West wie Ost zu jenen historischen Ereignissen, die beiderseits der Grenze Würdigung fanden. Das Aufbegehren junger Menschen für mehr Bürgerrechte und gegen Kleinstaaterei wurde als ein wichtiger Meilenstein der Demokratie- und Nationalbewegung Deutschlands gefeiert. Es gab Festakte und Sonderbriefmarken.
In diesem Jahr könnte man die 200. Wiederkehr des Wartburgfestes groß feiern, aber anders als etwa noch vor 15 Jahren sucht man dazu vergebens. Bis auf eine kleine Pressemitteilung der Jungen Union Thüringen, das Wartburgfest doch nicht »Politikern vom rechten Rand« zu überlassen (wo aber sind überhaupt welche?), schweigt die Politik fast ausnahmslos. Bei den Medien gehen fast nur lokale Medien rund um Thüringen auf dieses runde Jubiläum ein.
Am 18. Oktober 1817 versammelten sich 500 politisch unzufriedene Studenten auf der thüringischen Wartburg. Sie protestierten gegen die reaktionäre Politik der Fürsten, forderten eine demokratische Verfassung, die unter anderem Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit garantiert, sowie ein Ende der deutschen Kleinstaaterei.
Im Zuge der Zusammenkunft am Rande von Eisenach wurden vor 200 Jahren erstmals schwarz-rot-goldene Fahnen gezeigt. Die Farben symbolisierten als Zeichen der Nationalbewegung die Uniform des Lüzowschen Freikorps (schwarzer Uniformrock, rotes Halstuch, goldene Knöpfe), welches in den Befreiungskriegen als Freiwilligenverband gegen Napoleon kämpfte.
Die staatliche Obrigkeit sah in dem Zusammentreffen auf der Wartburg natürlich gefährliche Umstürzler. So protestierte etwa der Direktor im Berliner Polizeiministerium Karl Albert von Kamptz, im Namen Preußens scharf bei Großherzog Karl August gegen den »Haufen verluderter Studenten und Professoren« und verlangte die zum »Asyl für Staatsverbrecher« mutierte Universität Jena zu schließen.
Die Wahl der Wartburg als Ort war aus drei Gründen bewusst gewählt: Erstens wegen der Nähe zur Universität Jena mit ihren national aufbegehrenden Studenten, zweitens wegen der liberalen Einstellung von Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach und drittens vor allem wegen ihrer Bedeutung als Nationalsymbol.
Die Burg war in den Jahren 1521/22 Zufluchtsort Martin Luthers, den eine päpstliche Bannbulle und das Wormser Edikt für vogelfrei erklärt hatte. Als »Junker Jörg« getarnt verbrachte Luther die Zeit dort mit der ersten Bibelübersetzung - und schuf dafür angesichts unzähliger Dialekte eine neue hochdeutsche Schriftsprache, die für alle deutsche Länder verständlich sein sollte.
Luthers Werk, die Heilige Schrift ins Deutsche zu übertragen und so dem einfachen Volk zugänglich zu machen, machte die Wartburg zu einer bedeutsamen Stätte der jungen Nationalbewegung. Wie passend war es auch, dass just im Jahr 1817 sich Luthers Anschlag der 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg und damit die Geburtsstunde der Reformation zum 300. Male jährte.
In dem Versammlungsaufruf der Studenten stand demzufolge: »Da in diesem Jahr das Reformationsjubiläum gefeiert wird, so wünschen wir gewiß mit allen braven deutschen Burschen dieses Fest am 18ten October 1817, und zwar auf der Wartburg bey Eisenach zu feiern.«
Die in Burschenschaften zusammengeschlossenen Studenten verlangten dabei in einem Forderungskatalog von den Fürsten ein Ende der territorialen Zersplitterung, geistige Freiheit, bürgerliche Freiheitsrechte und ein vereintes Deutschland anstelle des Deutschen Bundes mit seinen zahllosen Kleinstaaten.
Der französische Historiker Etienne François beschrieb das Wartburgfest später als Zusammenkunft politisch unzufriedener Studenten derart: »Ein ganz aktiver Kreis, eine Gruppe von liberalen, nationalen Studenten, die mehr als reine Studenten sein wollten, sondern die sich als Avantgarde der künftigen deutschen Nation verstanden.«
Weiter beschreibt François: »Alle zogen am Vormittag des 18. Oktober 1817 nach oben auf den Berg, und das war eine Art von säkularer Prozession, es gab auch eine große Fahne. Und diese Fahne war eine schwarzrote Fahne, und an den Seiten waren goldene Fäden, also das war im Grunde die erste Vorform der modernen deutschen Fahne. Und als sie oben in den großen Rittersaal kamen, da gab es eine Art halb säkularer, halb protestantischer Liturgie.«
Bekannter wurde das Wartburgfest vor allem durch durch die Geschehnisse am Abend, als noch eine kleinere, politisch radikalere Studentengruppe mit Fackeln den nahe gelegenen Wartenberg hinaufzog, wo bereits im Rahmen eines Volksfestes mehrere »Siegesfeuer« zum Gedenken an den vierten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht entzündet waren.
Dort wollte dieser Kreis ein Zeichen setzen, so wie einst Luther aufbegehrte und die päpstliche Bannbulle verbrannte, wurden neben obrigkeitsstaatlichen Gegenständen wie ein Korporalsstock und ein Ulanen-Schnürleib auch symbolisch reaktionäre Schriften verbrannt.
Linke Kreise wollen heute darin natürlich eine Vorstufe zur Bücherverbrennung 1933 sehen, doch die Menschen von 1817 können sich nicht dem gegenüber erwehren, was andere 116 Jahre später machen. Es handelte sich 1817 nicht um echte Bücher, sondern es waren Makulaturballen, zu denen unter Nennung eines Titels erklärt wurde, welchen Ungeist gegen die Freiheit diese vertreten.
Das was vor 200 Jahren verbrannt wurde, vernichtete somit nicht wirklich wie auch immer geartete Kulturgüter, sondern sollte rein symbolisch die Abneigung gegenüber Verächtern von Freiheit, Demokratie, Bürgerrechte und staatlicher Einheit manifestieren. Die spätere Bücherverbrennung hatte völlig andere Inhalte.
Dem Wartburgfest 1817 folgte wenig später das zeitweise Verbot der studentischen Burschenschaften durch die staatliche Obrigkeit. Universitäten wurden überwacht und unzählige Studenten sowie sympathisierende Professoren verhaftet. 1832 folgte mit dem Hambacher Fest in der Pfalz eine weitere Manifestation patriotisch und freiheitlich gesonnener Studenten.
1848 gelang es schließlich im Zuge der bürgerlichen Revolution sich die Frankfurter Paulskirchenversammlung als erstes deutsches Parlament zu erkämpfen. Eine Verfassung wurde verabschiedet, welche die Forderungen von 1817 aufnahm. Leider scheiterte diese Nationalversammung nach einem Jahr, doch der Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten, insbesondere nachdem 1871 es schließlich doch gelang, die Kleinstaaterei zu überwinden.
Heute vor 200 Jahren war das Wartburgfest
Ein verdrängter Geburtstag von Demokratie und Schwarz-Rot-Gold
In Jahrzehnten zuvor fanden runde Jahrestage des Wartburgfestes noch allerlei festliche Würdigung. Heute jährt sich die erste deutsche Demonstration für Freiheit und Demokratie, auf der erstmals Schwarz-Rot-Gold gezeigt wurde, zum 200. Male. Politik und Medien blenden das Jubiläum aus.
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