Eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die gute: Für Schuldnerberatungen beginnen wirtschaftlich erfolgreiche Zeit. Sie sind gefragt. Nachdem die Zeit der reinen telefonischen Beratungen endlich zu Ende geht, ist die Nachfrage nach persönlichen Gesprächen riesig. Christoph Zerhusen, Referent für Überschuldung bei der Verbraucherzentrale NRW, erzählt, die Berater seien allesamt ausgebucht. Mail-Fächer wären mit Anfragen gefüllt; die Telefone stehen nicht mehr still.
Schuldnerberatung wird von Verbraucherberatern und Organisationen wie Arbeiterwohlfahrt, kurz AWO, Caritas, Diakonie oder der Paritätische Wohlfahrtsverbands angeboten und meist kostenlos ist. Private Anbieter kommen hinzu, die ihre Beratung gegen Gebühren anbieten.
Die schlechte Nachricht: Die Zahl der Insolvenzen nimmt momentan deutlich zu; Tendenz steigend. »Der große Zustrom zur Schuldnerberatung kommt noch«, erzählt der Referent der Verbraucherzentrale. »In zwei bis drei Monaten wird die Schuldenlast erdrückend«. Dann melden sich all die überschuldeten Haushalte und Privatpersonen. »Es zeichnet sich ab«, sagt der Chef einer Auskunftei, »dass es mehr Privatinsolvenzen in Deutschland geben wird.«
Wie hoch der Anstieg ausfallen wird, lässt sich nicht sagen. Eine Steigerung um 15 Prozent allein in diesem Jahr ist aber möglich. Die Prognosen hängen wesentlich davon ab, wie sich die Pandemie weiter entwickelt. In jedem Fall wird sich die Überschuldungslage »im Laufe der nächsten Monate«, so ein Chefvolkswirt einer Wirtschaftsauskunftei, »merklich bis deutlich verschlechtern.«
Die Gegenmaßnahmen der Regierung können die meisten Effekte des Lock-Down nur verschieben. Das Kurzarbeitergeld, das viele seit März und April 10,1 Millionen Menschen in Deutschland beziehen, ist eben kein voller Lohn. Und der Anstieg der Arbeitslosigkeit um 577,000 Tausend macht die Einnahmen der Privathaushalte noch schmaler. Zum Vergleich: 2009 ist die Zahl der Kurzarbeiter um lediglich 3,3 Millionen Beschäftigte gestiegen.
Irgendwann muss dann aber jeder bezahlen. »Die Zahlungen sind nur aufgeschoben«, sagt ein Fachmann, »nicht aufgehoben«. Mit anderen Worten: Die Pleite kommt später.
Schon steig die Zahl der Wohngeldanträge um das Doppelte, mancherorts um das Dreifache. »Wohngeld«, so eine Verbraucherschützerin, »Wohngeld ist oft die Vorstufe zur aufstockenden Sozialhilfe«.
Von dieser Entwicklung sind Arbeiter, Angestellte und Solo-Selbstständige gleichermaßen betroffen. Vielen scheint ihre Lage erst langsam deutlich zu werden. Bisher wurden sie von den Diskussionen über Abstandsregeln und Maskenpflicht über diese wirtschaftliche Seite der Krise abgelenkt. Nun kommen zu den Ängsten um die Gesundheit Ängste über die eigene ökonomische Zukunft. »Viele tun sich in einer solchen Situation schwer«, erzählt ein Berater, »die richtigen Unterlagen zusammenzustellen. Manche befinden sich in depressionsähnlichen Zuständen.«


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