Schwanken zwischen kleiner und großer Lösung

Welche Optionen hat Putin nach seinem Angriff_

Nachdem russische Militärverbände heute verschiedene Ziele in der Ukraine angegriffen haben, bleibt die Frage: Was kann Putin wollen?

Seit den frühen Morgenstunden greifen russische Militärverbände aller Waffengattungen Ziele in der Ukraine an. Da die Berichte aus der Ukraine sehr unterschiedlich und teilweise widersprüchlich sind, ergibt sich bisher kein klares Bild über die Absichten und ersten Ziele des Kreml. Allerdings lassen sich vor dem Hintergrund der Reden und Erklärungen der vergangenen Tage verschiedene Szenarien skizzieren, die sich ergeben könnten.

In der kleinsten Lösung strebt Moskau die Inbesitznahme der beiden am weitesten östliche gelegenen Regionen Luhansk und Donezk an, die von Russland zu Wochenbeginn bereits als Staaten anerkannt wurden. Ein Einmarsch russischer Truppen hätte für die Militärs den Vorteil, schnell umsetzbar zu sein und kontrollierbar zu bleiben, da sich der Großteil der Bevölkerung zum Anschluss an Russland bekennt. Moskau hätte also kaum eine Rückeroberung durch ukrainische Truppen oder einen Untergrundkrieg zu fürchten, da die Preisgabe der Regionen auch für Kiew mit dem geringsten Gesichtsverlust verbunden wäre. Moskau kann darauf spekulieren, dass eine kluge ukrainische Führung das Gebiet, nachdem eine gewisse Zeit vergangen ist, als Friedensangebot offeriert, da sie nichts weggibt, was nicht sowieso verloren ist.

In einer maximalen Lösung zielten die russischen Truppen auf die gesamte Ukraine. Nach der Besetzung der Krim durch Russland und dem klaren Bekenntnis Weißrusslands zur Regierung in Moskau kann die Ukraine von zumindest drei Seiten attackiert werden. Dieses Szenario haben amerikanische Militärfachleute beschrieben. Mit gepanzerten Stoßflügeln aus Weißrussland auf Lemberg und von der Krim an den Hängen der Karpaten entlang Richtung Nordwesten würde das zentrale, für Panzer gut zugängliche Land mit seiner Hauptstadt Kiew eingekreist.

Dieses Szenario birgt jedoch die meisten Risiken. Zum einen wird mit Weißrussland ein weiterer europäischer Staat in den Krieg hineingezogen, was bei dem ohnehin nicht besonders angesehenen Regierung in Minsk aber eher nebensächlich ist. Es sind die militärischen Aussichten, die Moskau hier womöglich vorsichtig bleiben lassen werden. Das Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Weißrussland, die Prypjatsümpfe, ist für Panzer auch in unserer Zeit noch immer schwer zugänglich. Ein direkten Stoß westlich um Lemberg herum, um die Ukraine von seinen Zugängen nach Westen abzuschneiden ist daher schwierig. Ukrainische Verbände können sich in die Sümpfe zurückziehen, wie es alle Verteidiger gemacht haben – die Russen ab 1941 gegen die Wehrmacht und die Ukrainer ab 1946 gegen die Rote Armee.

Auch in der weiteren Entwicklung wäre die Besetzung der gesamten Ukraine gefährlich. Nach der zu erwartenden Flucht vieler Ukrainer über die Grenze in die Nachbarländer wird sich dort der Widerstand gegen die Besatzer formieren. Anders als in der Ost-Ukraine handelt es sich bei den Ländern an der westlichen Grenze aber um Mitgliedsstaaten der NATO. Der Widerstand könnte also von einer praktisch unangreifbaren Basis aus operieren. Russland würde in einen Krieg verwickelt, den es noch weniger gewinnen kann, als den Krieg in Syrien, der mittlerweile über 6 Jahre andauert.

Neben diesen beiden minimalen und maximalen Lösungen wäre auch ein Angriff möglich, der die östlichen Landesteile der Ukraine entweder am Fluss Psel oder weiter westlich, am Dnjepr abzutrennen versuchte. Diese mittlere Variante birgt mehr Risiken als die kleinere und weniger als die größere Lösung. Ja, man kann sagen: Je weiter die russische Armee nach Westen vorstößt, umso riskanter wird es. Allerdings hätte der Dnjepr gegenüber dem Psel den Vorteil, leichter kontrollierbar zu sein. Umgekehrt kann Kiew, anders als bei den beiden Regionen Luhansk und Donezk, solche Verluste des Landes sehr viel weniger leicht akzeptieren. Ein möglicher Grenzkrieg zwischen beiden Ländern würde sich ebenfalls über Jahre hinziehen.

Sven von Storch

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