Nachdem die Grünen in Umfragen gerade die 18-Prozent-Marke passiert haben und es noch weiter nach unten zu gehen droht, werden die Stimmen selbst aus dem eigenen Lager immer lauter, Frau Baerbock möge das Feld räumen und für Robert Habeck Platz machen. Ein Manöver, das in den Augen vieler Rettung verspricht.
Doch ein genauer Blick zeigt, dass ein solcher Wechsel die Grünen nicht rettet. Denn dass Baerbock überhaupt zur Kandidatin gekürt worden ist, lag vom ersten Moment an, nicht an den Qualitäten des juristischen Leichtgewichts, sondern daran, dass sie eine Frau ist. Annalena Baerbock symbolisiert den Triumph der sexistischen Quote über der Qualifikation für einen Posten. Und mit diesem Schema - junge Frau, die sich was traut - wurde Baerbock nach oben gebracht. Auf diesem Schema basierte zunächst auch ihre Abwehr: Weiße alte Männer, die keine junge, mutige Frau, noch dazu zweifache Mutter, im Kanzleramt sehen wollen, nachdem schon das genau Gegenteil seit 16 Jahren regiert.
Das war das Schema der Macher von Annalena Baerbock. Darauf basierte die Strategie ihrer Partei, um das Kanzleramt zu erobern. Und diese Strategie lässt sich jetzt nicht einfach ändern. Das heißt, sie lässt sich sicherlich ändern. Aber das Ergebnis wäre höchstwahrscheinlich ein dann komplettes Desaster.
Wäre Robert Habeck eine Frau - vielleicht wäre ein Wechsel noch möglich. Aber er ist nun einmal ein Mann, wie sein Drei-Tage-Bart jeden Tag von neuem beweist. Die Grünen würden gegen die von ihnen so vehement verfochtene Quote verstoßen. Was können sie damit gewinnen? Und bei wem?
Die politischen Gegner würde sich über die Quoten-Partei Die Grünen hämisch amüsieren. Der Spott wäre nicht vergleichbar mit dem, was schon jetzt über Baerbock niedergeht. ›Seht her‹, wird es heißen, ›nicht mal die Grünen schaffen es ohne einen richtigen Mann.‹ - Indes ist das nichts gegen das Geschrei aus dem eigenen Lager. In jedem Ortsverband der Quotenpartei wird ein Sturm der Entrüstung entbrennen. Frauen werden darauf verweisen, dass sogar die CDU eine Kanzlerin an die Spitze gebracht hat. Nun lassen ausgerechnet die Grünen ihre mutige, junge Annalena im Stich.
Wers nicht glaubt, schaue ins Saarland. Dort wurde vor nicht einmal 14 Tagen genau diese Operation durchgeführt. Am Ende implodierten Vorstand und Landesverband. Das genau, steht den Bundesgrünen bevor, wenn sie Baerbock durch Habeck ersetzen.
Zudem wird jeder Kritiker darauf verweisen, dass die Partei die Wahl einer schlechten Kandidatin zuließen. Der Wechsel wird als Eingeständnis der Unfähigkeit der Parteispitze gewertet. Und nicht nur das: Das Quotenprinzip selbst wäre durch seinen schärfsten Vertreter plötzlich seiner Unsinigkeit überführt und jeder Gegner könnte sich ausgerechnet auf die Grünen berufen. Ebensogut könnten sich die Grünen für den Bau von Kernkraftwerken ausprechen, nachdem sie der Windkraft abgesagt haben. Das würde ein Spaß für die versammelten politischen Gegner. Und vor allem mitten im Wahlkampf.
Das Schlimmste für die Grünen Strategen aber ist: Ein Kandidat Robert Habeck verspricht nicht unbedingt Rettung. Wer aus der Parteiführung weiß denn sicher, welche Leichen der studierte Möchte-Gern-Philosoph in seinem Keller liegen hat? - Er hat zwar gleich mehrere Bücher geschrieben und darunter auch das ein oder andere Sachbuch. Aber über diese Bücher wird sich diesmal gleich die gesamte Presse hermacht und alle im Internet versammelten neu-rechten Blogger. Und sie brauchen kein halbes Dutzend Plagiate ausmachen - ein einziges würde genügen und der neue Kandidat wäre als Robert Baerbeck erledigt.
Mit seiner Biographie wär es nicht anders. Ein einziges Meetoo-Mädel, das ihn anklagt, und der perfekte Sturm braust über die Grünen hinweg. Und soviel ist sicher: Weiber, die dem Möchte-Gern-Dandy was anhängen möchten, finden sich reichlich, wenn Habeck Baerbock abgesetzt hat.
Nein, ein Wechsel zu Habeck ist viel zu riskant für die Grünen. Im Mai, da hätte es vielleicht noch gereicht. Aber nicht mehr jetzt. Jetzt müssen die Grünen auslöffeln, was sie sich eingebrockt haben. Sie nehmen jetzt den Schaden, der ihrer verfehlten Strategie entspringen musste. Sie zahlen den Preis für den Unsinn, ihren Kandidaten abhängig vom Geschlecht zu bestimmen. Und solche tiefgehende strategischen Fehler lassen sich bekanntlich nicht mehr beheben. Das ist die ganze, schlichte Wahrheit, die jeder Fachmann den Grünen erläutern könnte. Aber sie wollten ja nicht hören, die Habecks und Baerbocks.


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