Wahrscheinlich hat sich Sawsan Chebli gedacht, zum 75 Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sei eine einfache Geste der Betroffenheit nicht genug. Also lieferte sie etwas besonders bewegendes ab: Ihre Identifizierung mit der deutschen Geschichte. Und die ging zumindest laut Welt so:
»Als deutsche Migrantin ist die NS-Geschichte heute auch meine. Und der wachsende Judenhass macht auch mir Sorgen.«
Eine Migrantin mit arabischen Wurzeln bekennt sich zur deutschen Geschichte. Die deutsche Geschichte ist auch ihre. Es fehlt noch, und sie bekennt sich zur deutschen Schuld. Selten hat das Wort Lippenbekenntnis seine Bedeutung so unzweideutig gezeigt.
Doch Halt! Ein Bekenntnis hatte Chebli zwar abgeben wollen - doch wörtlich hat sie etwas ganz anderes ausformuliert als sie sagte: »Als deutsche Migrantin ist die NS-Geschichte heute auch meine.« Wie? - Die NS-Geschichte ist eine deutsche Migrantin?
Für mich als deutsche Migrantin ist die NS-Geschichte auch meine - das hätte zum Bekenntnis gepasst. Doch so wird der Satz zu einer Entgleisung. Denn die NS-Zeit gehört, frei nach Sawsan Chebli, als deutsche Migrantin eben nicht mehr zu Deutschland.
Oder wollte Chebli die NS-Geschichte als Migrantin in Deutschland verorten, als gleichsam eingewanderte Bösartigkeit? Eingewandert zusammen mit den Muslimen. Das wäre dann wohl gleichfalls skandalös.
So oder so gehört der sprachliche faux pas ohne Frage in die Kategorie freudscher politischer Fehlleistungen, die man in Deutschland nicht machen sollte, weil er, der faux pas, die wirklichen Wünsche ans Licht bringt: Die NS-Geschichte als Migrantin zu entsorgen.
Aber vielleicht kann die sozialdemokratische Vorzeigemigrantin Sawsan Chebli auch nur einfach nicht richtig deutsch.


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