Während alle westlichen Staaten ihre Botschaften in Kabul eilig räumen, bleibt der russische Botschafter demonstrativ in der afghanischen Hauptstadt. Der Botschafter Moskaus will mit Vertretern der Taliban über die Sicherheit des Geländes sprechen. Man wolle weiterarbeiten, als sei nichts geschehen.
Offenbar hofft Moskau darauf, dass die Taliban vergessen haben, wer Afghanistan vor bald einem halben Jahrhundert ins Unglück gestürzt hat: Die damalige Sowjektunion. Und der Winkelzug scheint erfolgreich zu sein. Laut russischen Medien haben die Taliban für die Sicherheit der Diplomaten garantiert. Ein Sprecher der Islamisten sprach sogar von den "guten Beziehungen zu Russland".
Umgekehrt lobte der Kremel die Taliban. Putins Sondergesandter in Afghanistan, Samir Kabulow, erklärte. die Taliban hätten "im Unterschied zu den Amerikanern, zu der ganzen Nato, auch der geflüchteten afghanischen Regierung", den Islamischen Staat "erbarmungslos" bekämpft.
Ob nun diplomatisches Geschick mit der Absicht, auf lange Sicht einen Verbündeten zu gewissen oder einfach nur Schadenfreude über die Niederlage des Westens die russischen Reaktionen bestimmen, ist schwer zu sagen. Für Russland bzw. die Sowjetunion gehört der Krieg in Afghanistan, der zwischen 1979 und 1989 etwa 26.000 Soldaten das Leben kostete, zu den historischen Traumta, weil die Niederlage am Hindukusch auch das Ende der Sowjetunion einläutete - Russland Herrschaft über Ost- und Mitteleuropa.
Zur Sicherheit führt Russland momentan Militärübungen mit Tadschikistan durch. Das Land hat eine lange Grenze mit dem jetzt offenbar wieder islamistischen Nachbarn im Süden. Denn selbstverständlich besteht nun die Gefahr, dass die Taliban Afghanistan zu einem Tummelplatz islamistischer Terrorgruppen werden lassen - so wie bis 2001.


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