Vielleicht hätten die Gesprächspartner von Robert Habeck den Grünen-Politiker zuerst an die Zahl der Abgeordneten seiner Öko-Partei erinnern sollen. Einmal, damit er auf dem Teppich der Realitäten bleibt und zum anderen, um er am Wahlabend in zehn Tagen 13 Prozent als Erfolg werten kann. Die Grünen hatten etwa über 8 Prozent und sind die kleinste Fraktion im Parlament.
Statt dessen wurde der immerzu nachdenklich tuende Buchautor von web.de nach der Zukunft befragt: »Herr Habeck, wer ist an Weihnachten Kanzlerin: Angela Merkel oder Annalena Baerbock?« – »Nicht mehr Angela Merkel.« – Eine klare Antwort ? – Mitnichten. Denn die Frage zielte nicht auf Merkel, sondern auf deren Wunschnachfolgerin: Annalena Baerbock. Und da wird er wackelig: »Die Chance, dass Annalena es wird, ist geringer geworden, aber sie ist noch da.«
Gleich danach spielen ihm die Interviewer eine Steilvorlage zu. »Laut einer Untersuchung der Organisation Avaaz ist Annalena Baerbock mit Abstand am häufigsten Opfer von Desinformationskampagnen und Fake News im Netz. Warum ist das so?« – Nein, die Frage, ob das überhaupt so sei, wird nicht gestellt. Und auch Habeck hält sich nicht groß mit Fakten auf und präsentiert drei Antworten, von denen die dritte, die interessanteste ist, denn sie verrät den Grünen-Chef als Verschwörungstheoretiker:
»Das ist nicht so ganz leicht nachzuweisen, aber wir wissen das aus Wahlkämpfen anderer Länder, dass auch ausländische, häufig autoritär regierte Staaten sich einmischen.« – »Welche genau?«, wollen die Interviewer wissen. Habeck: »Zumindest ist zu vermuten, dass russische Netzwerke zugange sind. Es gibt in bestimmten autoritären Staaten einfach kein Interesse daran, dass eine Partei wie die Grünen an die Regierung kommt, die robust genug ist zu sagen, was Phase ist. Die Kombination mit der Ablehnung einer jungen Frau führt dann zu dieser erschreckend hohen Zahl an Lügen und Fake News.«
Nein, es sind nicht die eigentlich der Neutralität verpflichteten Zwangsgeldsender in Deutschland, die Baerbock seit Monaten puschen, und damit im Ausland den Eindruck erwecken, das Land sei in alte Propagandamuster zurückkehrt; es sind dubiose russische Netzwerke und natürlich ist das, »nicht so ganz leicht nachzuweisen«. Fakt ist: Habeck hat nicht einen Beweis, während die Rund-um-die-Uhr-Propaganda von ARD und ZDF jeden Tag Realität ist.
Danach kommt ein Parcourritt durch links-grüner Träumereien, an dessen Ende nur eines feststeht: »Wenn wir nichts ändern, dann wird es teuer - aber so richtig!« Also, so kann man Robert Habeck interpretieren, treiben die Grünen die Preise besser gleich in die Höhe. Nur um »Centbeträge«, behauptet Habeck. – »Ist das ein Versprechen?« – »Das ist vor allem die ökonomische Analyse, gerade in der Landwirtschaft.« – Dass die Biowürste schon jetzt doppelt und dreimal so teuer sind, wie die normalen, kümmert den verspäteten Öko-Dandy nicht im geringsten.
Gefragt, ob in den kommenden Jahren durch den Ausstieg aus der Kohleverstromung die Strompreise nicht massiv ansteigen werden, antwortet Robert Habeck allen Ernstes: »Nein, das ist die günstigste und verantwortungsvollste Energieproduktion.« Die Strompreisentwicklung der letzten Jahre sagt nachweislich etwas anderes; seit 2002 haben sie sich fast verdoppelt.
Gegen Ende des Gesprächs hat Habeck Glück. Angesprochen auf grundsätzlich klima-neutralen Atomstrom, begibt er sich aufs Glatteis, als er kontert: »Ich bezweifle, dass diejenigen, die neue Atomkraftwerke fordern, damit einverstanden wären, dass das Endlager für den Müll vor ihrer Haustür gebaut wird.« – Stimmt, hätte man zurückfragen dann auf die Schwierigkeiten beim Bau neuer Windmühlen hinweisen können, der bekanntlich vielfach Ortsverbänden der Grünen unterstützt wird. Machen die Macher von web.de aber nicht.
Und auch als Habeck auf die hohen Kosten der Atomkraft verweist und auf die Unterstützung der Energiekonzerne, weil sie »ja gerade ein Heidengeld für den Rückbau ihrer Atomkraftwerke« ausgeben müssen, wäre ein Nachhaken zu den Kosten des Rückbaus der Windmühlen möglich gewesen. Nicht so bei web.de. Wie in anderen autoritären Staaten wird der Regimevertreter mit Samthandschuhen angefasst – nicht dass er strauchelt.


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