Eine Wendung geht um in Deutschland. Eine Wendung, die den moralischen Abgrund zeigt, der sich momentan in der Corona-Pandemie öffnet. Und weil auch der Gesundheitsminister die Wendung verwendet, zeigt sich der moralische Abgrund, in dem dieser Minister denkt.
Eine »Pandemie der Ungeimpften« sei die Corona-Epidemie von nun an, behauptet Jens Spahn. Entweder, weil der Christdemokrat nicht weiß, worüber er redet, oder weil er weiß und es auch so meint, wie er es sagt. Und die Medien greifen diese Diffamierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe bereitwillig in teilweise fanatischem Tonfall auf.
Was aber sagt die Wendung »Pandemie der Ungeimpften« genau? - Ganz einfach: Die Ungeimpften sind die Pandemie! Sie und nicht die Corona-Viren sind die Krankheit, die sich rasend schnell ausbreitet und droht, die Gesunden zu infizieren.
Denn Pandemie heißt nach dem Lexikon des RKI, eine »neu, aber zeitlich begrenzt in Erscheinung tretende, weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen und i. d. R. auch mit schweren Krankheitsverläufen.« Eine Pandemie ist also nicht etwa das Virus oder die Krankheit, die sich verbreitet – dann wäre eine »Pandemie der Ungeimpften« eine Krankheit, die sich nur Ungeimpfte zuziehen können. Nein, eine Pandemie ist die Ausbreitung selber. Aber nicht die Ausbreitung von etwas Beliebigem oder Harmlosen, sondern die Verbreitung einer Infektionskrankheit, im Fall von Corona Covid-19, falls die Krankheit, oder von SARS CoV2, falls das Virus gemeint ist.
Damit aber wird deutlich, was die Rede von der »Pandemie der Ungeimpften« tatsächlich meint: Wir haben es mit einer Pandemie der Ungeimpften zu tun. Sie, die sich nicht impften lassen wollen, sind die Krankheit oder das Virus, sie, die sich dem Diktat des Ministers nicht unterwerfen, breiten sich aus.
Von nun wird also nicht mehr das Virus, sondern es werden die Ungeimpften vom Minister bekämpft – wie eine Seuche. Wozu also noch Inzidenzen. Die Rate der Ungeimpften wird nun vom RKI zu Rate gezogen. Und wer sich nicht impfen lässt, ist ein Schädling an der Gesellschaft. Welch ein Zufall, dass Spahn ausgerechnet jetzt auf Twitter neben einem Deutschland-Fähnchen erklärt: »Impfen ist ein patriotischer Akt«. »Man schützt nicht nur sich selbst, sondern uns als Gesellschaft.«
Nach 16 Jahren nationalloser Zeit unter Angela Merkel kramt die Union also plötzlich den Patriotismus hervor, den sie schon sehr lang nicht mehr hat. Aber es geht ja auch darum, die Geimpften gegen die Ungeimpften aufzuwiegeln. Da ist jedes Mittel recht. Schließlich lässt sich auf diese Weise das veritable Versagen des Gesundheitsministers in den vergangenen 16 Monaten mit einem probaten Mittel kaschieren: Die Ungeimpften werden zu den Sündenböcken gemacht, die Jens Spahn jetzt braucht.
Spahn könnte ja eine Impfpflicht verhängen. Doch wozu. Durch die scheinbare Freiwilligkeit bleiben recht viele den Impfzentren fern und lassen sich mit Hilfe der Medien nach allen Regeln totalitärer Machtinszenierung denunzieren. Und so schafft es ein eigentlich banaler Minister das Böse wieder in die deutsche Politik einzuführen. Indem er die Ungeimpften mit Viren vergleicht.


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