Das Auf und Ab und Hin und Her der Umfragen scheint bei einigen Politikern eine Art politische Seekrankheit auszulösen. Anders ist es schwer zu erklären, dass Annalena Baerbock, die Kanzlerkandidatin der Grünen, auf einer Wahlkampfveranstaltung in München davon redet, wie dicht Union, SPD und Grüne sich auf den Fersen sind. Wörtlich sagte sie: »Drei Parteien stehen ganz, ganz eng beieinander«.
Wer das für einen Witz oder für die Folgen der politischen Seekrankheit hält, der wird eines besseren belehrt. Als Baerbock zum Thema Klima kommt, tönt sie: »Die Weichenstellung wird nur gelingen, wenn die Bundesregierung grün angeführt wird.« Immerhin schränkt sie ein: »Dafür braucht’s – so ehrlich muss man sein – noch ein paar Stimmen.«
Ein paar Stimmen ist gut. Oder liest Baerbock seit ihrer leeren Interviewseite bei der Bild-Zeitung keine Zeitungen mehr ? Vielleicht hat sie nach den missglückten Erfahrungen mit der Änderung von Dateien im Internet ihr Handy in den Flugmodus geschaltet. – Jedenfalls liegen in der letzten Umfrage von INSA die Sozialdemokraten bei 26 und die Grünen bei 15 Prozent; die CDU verharren bei 20. – Ganz, ganz eng sieht anders aus.
Oder meinte Baerbock gar nicht Union, SPD und ihre Partei; meinte sie Grüne, Alternative und Freidemokraten ? – Das stimmte schon eher. Die AfD wird bei 11 und die FDP bei 13 Prozent eingestuft. Das wäre auf jeden Fall dichter. Und bedenkt man, dass die Grünen am Wahlabend meistens weniger haben als prognostiziert, dann wird es noch »ganz, ganz eng«. Und vielleicht bilden die Grünen wieder einmal die kleinste Fraktion in der Opposition – vorausgesetzt, die Ex-SED verlässt uns.
Aber vielleicht ist Annalena Baerbock schon jenseits von Gut und Böse. Den immer wieder geäußerten Vorwurf mangelnder Regierungserfahrung kontert sie ernsthaft mit einem Hinweis, dass Regierungserfahrung gar nicht gut sei. »Ja, andere haben mehr Regierungserfahrung«, gesteht sie zu. »Aber wo hat uns diese Regierungserfahrung in den letzten 16 Jahren denn hingebracht?« – Da möchte man nicht wissen, wo diese Frau uns hinbringen wird, wenn sie ins Kanzleramt käme. Denn jeder in Deutschland hat zumindest nicht weniger Regierungserfahrung als Frau Baerbock – die hat nämlich keine.


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