Am 24.August 1939 wurde in Moskau der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt unterzeichnet. Das politische Europa war geschockt. Die Einigung der beiden sozialistischen Staaten, die auf den 23.August datiert ist, kam für so ziemlich jeden Beobachter aus heiterem Himmel. Die Feindschaft des faschistischen und des kommunistischen Systems schien sicher zu sein. Sie war es nicht, wie sich vor 80 Jahren dramatisch offenbarte und sie ist es noch immer nicht.
Im Ergebnis wurde an diesem Tag zwischen Berlin und Moskau die engere ökonomische Zusammenarbeit vereinbart. Der Nichtsangriffspakt ergänzte den wenige Tage zuvor ausgehandelten Deutsch-Sowjetischen Wirtschaftsvertrag. Von nun an würde die Sowjetunion dem Dritten Reich gegen Maschinen und Steinkohle regelmäßig umfangreich Rohstoffe liefern. Weiter sicherte der Vertrag Hitler Stalins Neutralität für die nähere Zukunft.
Berüchtigt aber ist der geheime Teil des Vertrags. Dieses »geheime Zusatzabkommen« besiegelte die Aufteilung Mittel- und Osteuropas in Einflusssphären Deutschlands und Russlands. Bei der Unterzeichnung waren diese Teile der Öffentlichkeit unbekannt. Allerdings hatte der Nichtangriffspakt schon durch die offiziellen Teile den Titel »Kommunazi Pakt« mehr als verdient.
Hitlers Rechnung war einfach. Er wollte sich den Rücken freihalten und spekulierte, dass die Westmächte im kommenden Konflikt mit Polen nicht eingreifen würden, jetzt, da Russland neutral bleibt. Seine Rechnung ging teilweise auf. Polen wurde von Deutschland und Russland gemeinsam besiegt. Allerdings befand sich Deutschland seit dem 3.September im Krieg mit England und Frankreich.
Stalins Rechnung war etwas komplizierter als die seines sozialistischen Partners in der Berliner Reichskanzlei. Er hoffte auf einen Krieg im Westen Europas und dass er ähnlich lang andauern würde wie der Erste Weltkrieg. Zugleich hielt sich Stalin seinerseits den Rücken frei im Konflikt mit Japan. Seit Mai befanden sich beide Länder am Rande zum offenen Krieg. Einen Tag nach der Unterzeichnung des Deutsch-Sowjetischen Wirtschaftsvertrags begann der russische Großangriff in der Mongolei und endete mit einem sowjetischen Sieg. Trotzdem ging auch Stalins Rechnung nur teilweise auf. Nach mehreren kurzen Feldzügen hatte Hitler im Sommer 1941 seinerseits den Rücken zumindest vorerst frei und stand direkt an der gemeinsamen Grenze.
Jetzt entfaltete der Nichtsangriffspakt seine unvorhergesehene Wirkung. Zunächst lagen sich die beiden sozialistischen Militärapparate unmittelbar gegenüber. Keine Pufferzone neutraler oder abhängiger Staaten gewährte eine Vorwarnzeit im Falle des Angriffs. Da der Krieg bis hierher durch blitzartige Vorstöße schneller Panzerverbände geführt worden worden war, bedeutete das einen erheblichen Nachteil für den, der verteidigt, wie die Russen nur zu bald feststellen sollten. Im Herbst standen die Deutschen vor Moskau.
Zugleich wirkte sich nun der andere Teil von Stalins Rechnung aus: Das mit Deutschland verbündete Japan fühlte sich seit dem Nichtangriffspakt von Deutschland hintergangen. Trotz der deutschen Siege in Russland entschied Tokio sich gegen einen Angriff auf Russland, weil es Deutschland nicht traute. Statt dessen begann es den fatalen Angriff gegen Pearl Harbor und zog die USA in den Krieg.
Aus dieser Warte hat der Zweite Weltkrieg zwar nicht mit der Unterzeichnung des Nichtsangriffspakts zwischen Deutschland und der Sowjetunion begonnen - aber ab dem 23.August war er möglich. An diesem Tag vor 80 Jahren wurde der Grundstein für verschiedene Konstellationen gelegt, die erst mit der Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten am 11.Dezember 1941 endgültig wurden und damit das begann, was wir heute als Zweiten Weltkrieg bezeichnen.
Die politischen Auswirkungen der Paktes waren fatal. Nicht nur lieferte Stalin unliebsame Kommunisten an Deutschland aus. Zudem fielen tausende polnische Offiziere in die Hand Stalins und wurden in den Wäldern von Katyn von Kommunisten ermordet.
In der Nachkriegszeit entwickelte das geheime Zusatzabkommen eine eigene Sprengkraft. Im Nürnberger Prozess wurde sein Inhalt bekannt, aber von den Russen geleugnet. Bis weit in die 1980er Jahre verbreitete Moskau das Märchen von dem Vertrag, den es angeblich nicht gab. Und auch die westeuropäische Linke beteiligte sich an diesem Lügenkonzert. Sie konnte nicht anders.
Denn der Nichtangriffspakt widerlegte zwei Bilder, die die politische Linke gern von sich meinte geben zu dürfen: Sie sei friedlich und sie sei anti-faschistisch. Dass die Linke mit Faschisten gut konnte, beweisen die Rohstofflieferungen Stalins an Hitler und die Auslieferungen von Kommunisten an die Gestapo. Und dass die Sowjetunion alles mögliche war nur eben nicht friedlich, wurde durch die Kriege in Folge des Hitler-Stalin-Paktes ebenfalls deutlich.
So gesehen steht der 23.August 1939 für die ganze Anmoral der politischen Linken. Und zugleich für den teilweisen Erfolg der Propaganda: Denn noch immer ist der Jahrestag zu wenig bekannt. Eher erinnert man sich des 8.Mai als Tag des sowjetischen Sieges als an den Tag, an dem die Sowjetunion Hitlers Kriege überhaupt erst ermöglichen half.


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