Der WDR erlebt gerade, dass es noch anständige Hörer und Leser gibt. Nach den Textzeilen »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau.« fegte ein Sturm der Entrüstung über den Sender hinweg. Nun heißt es vom Sender entschuldigend: »Alles Satire.« Das Lied ist gelöscht.
Mit dem Hinweis »Satire« schlägt der WDR gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Den empörten Zuschauern wird unterstellt, sie wären zu dumm, eine Parodie zu verstehen – oder senil. Zugleich unterläuft der Sender den Vorwurf, in das gleiche Horn wie Fridays for Future zu stoßen. Deren Vertreter hatten ihr gestörtes Verhältnis zur älteren Generation erst letzte Woche bewiesen, als sie erklärten, die Alten seien ja eh bald »nicht mehr dabei«.
Doch Halt. – Auch bei Fridays for Future suchte man die Flucht im Hinweis auf eine Satire. Hat das System ? Hatte sich nicht auch ein türkischer Jubelschreiber der taz auf Satire berufen, als er den Volkstod der Deutschen begrüßte ? – Immer, wenn grüne oder linke Politiker und Medienleute sich in ihrer Wortwahl vergreifen, ist anschließend von Satire die Rede.
Dabei ist die Rede von Satire in jedem einzelnen Fall eine Täuschung. Es handelt sich nicht um Satire. Denn Satire ist Kritik der Machtlosen an der Macht der Verhältnisse durch Übertreibung. Kafkas »Prozess« kann man als Satire auf übermächtige Bürokratien verstehen. Der bürokratische Apparat wird überzeichnet und dadurch zum Ziel einer Kritik, der nichts mehr bleibt, außer sich satirisch zu äußern. Satire ist ein Ausdruck von Hilflosigkeit.
Soviel ist richtig: Das von den Kinder vorgetragene Lied überzeichnet den Charakter der Oma. Und wäre es wirklich Satire, wie von den Machern des Liedes behauptet, dann wäre mit dem Lied tatsächlich die Oma gemeint. Das aber bestreitet der Chorchef ausdrücklich, wenn er erklärt: Es gehe nicht um die Oma, »sondern um uns alle.« Ja, er schließt sich »persönlich ein«.
Doch im Liedtext wird die Oma und nicht der Chorleiter des Westdeutschen Rundfunks als »Umweltsau« tituliert. – Nein, die Macher des Liedes hatten, ebenso wie die Macher von Fridays for Future, Großmütter und –väter im Visier. Die nachträgliche Rede, es wären alle gemeint, ist bestenfalls eine schlechte Ausrede, aber sehr wahrscheinlich schlicht eine Lüge. Und dass der WDR den Beitrag gelöscht hat, zeigt, dass die Rundfunkmacher das wissen.
In dem gerade heute wieder empfehlenswerten Band »LTI – Lingua tertii imperii«, Sprache des Dritten Reichs, heißt es: »Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.« Das galt schon damals und heute gilt es mehr denn je. Die Worte bringen es an den Tag. Hier ist es die Zeile »Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau«; sie offenbart den Charakter des Menschen, der sie gemacht hat.
Und doch, trotz der Überzeichnung, ist der Text keine Satire. Denn es fehlt die Machtlosigkeit der Macher vom WDR. Sie sind das Gegenteil von machtlos. Sie dominieren die mediale Öffentlichkeit und kassieren Gebühren. Wer nicht zahlt, wird mit Hilfe absoluter staatlicher Macht zur Zahlung gezwungen.
Wenn der Liedtext aber keine Satire ist – was ist er dann ? – Er ist reine und bösartige Hetze durch die Mächtigen und Macher des WDR. Anders als das Original, das mit naivem Witz und Einfallsreichtum daherkommt, gießt der Text des WDR Hohn und Spott über die Alten, die bald »nicht mehr dabei sind«. Das unsägliche »Umweltsau« macht es hörbar. Nicht zufällig klingt es nach »Judensau« – einem beliebten Schimpfworte aus dem Vokabular der Nationalsozialisten. Auch Moslems nennen Juden »Affen und Schweine«. Die Metapher zieht eine jahrhundertelange und schmutzige Spur hinter sich her – bis hinein in den Westdeutschen Rundfunk.
Nein, der Liedtext ist keine Satire. Er ist Hetze der Mächtigen gegen die Alten. Eine Hetze, die viele Alte zwangweise mitfinanzieren. Das ist schamlos; fast könnte man denken, der ganze Skandal sei eine Satire.


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